8. Dezember 2011 Christoph Lieber: Zum Tod von Christa Wolf (1929-2011)
Ein »Engel der Geschichte« – nicht nur für Sozialisten
Christa Wolf, die mit 82 Jahren am 1. Dezember 2011 in Berlin gestorben ist, war mit ihrem schriftstellerischen Werk zugleich Chronistin, nicht nur der untergegangenen DDR, sondern eines Stücks deutscher Geschichte in der zweiten Hälfte des »Zeitalters der Extreme« und den Jahren nach dem Epochenbruch von 1989.
Mit ihrer unbedingten Suche nach Authentizität unter den jeweiligen gesellschaftlichen Konstellationen bei sich und ihren Romanfiguren Rita Seidel, Christa T., Günderode, Kassandra oder Peter Gutman lieferte sie ein bleibendes künstlerisches wie politisches Sensorium für die »Kosten« gesellschaftlichen Fortschritts – in erster Linie des Sozialismusversuches auf deutschem Boden – auf Seiten des Individuums.
In der Tradition der kommunistischen wie sozialistischen Bewegungen war das Vorhandensein eines solchen Sensoriums bei den partei- und kulturpolitischen Akteuren wie auch unter den Künstlern in ihren Reihen keineswegs die Regel. Die Sensibilität für die Schattenseiten des sozialistischen Ausbruchs aus der bürgerlichen Welt, für die individuellen Opfer, politischen Verbrechen und Niederlagen, musste politisch wie künstlerisch immer wieder neu »erarbeitet« und »erlitten« werden – in der Nachkriegszeit und den erfolgversprechenden Aufbaujahren der DDR oft gegen den Legitimationsdruck einer übermächtigen Tradition der »Härtung des Stahls« und eines heroisierenden Antifaschismus.
Christa Wolfs Texte, Erzählungen und Romane lehren uns eine »Kultur der Niederlage« in einer authentischen Sprache der Gefühle, so wie sie selbst bei einer ihrer (kultur)politischen Interventionen schlicht und gewitzt zugleich formulierte: »Die Sprache springt aus dem Ämter- und Zeitungsdeutsch heraus, in das sie eingewickelt war, und erinnert sich ihrer Gefühlswörter. Eines davon ist ›Traum‹.«
Nach 40 Jahren Leben und Schreiben in der DDR drängten so – um ein Bild von Marx aufzugreifen – im November 1989 Christa Wolfs Gedanken einer Sprache der Gefühle zur gesellschaftlichen Verwirklichung durch die auf dem (Ost)Berliner Alexanderplatz versammelten Menschen, aber die gesellschaftliche Wirklichkeit ihrerseits sollte nur für eine kurze Zeit zu den Gedanken einer »frei«gesetzten Sprache der Gefühle drängen. Danach obsiegten eher unaufgeklärte Sprache und dumpfe Gefühle – bis heute, in einem Europa von latentem Rechtspopulismus und Chauvinismus, dem frühen Wirkkreis Kassandras.
Diese Tiefenschichten in Christa Wolfs Schreiben finden sich aufgehoben und zugleich versteckt in dem Titel, oder sollte man besser sagen in den Titeln, ihrer letzten großen, schon Anfang der 1990er Jahre in Los Angeles in Angriff genommenen Romanerzählung: »Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud« (2010). Angedacht war auch »IRRGANG, dies wäre ein passender Titel für ein künftiges Schreibwerk, er würde mich radikal in die richtige Richtung leiten, nein: zwingen«.
Dies meinte ihren beharrlichen Versuch, im Medium der Erzählung und Erinnerung den »blinden Fleck« im eigenen und gesellschaftsgeschichtlichen Leben »allmählich von den Rändern her zu verkleinern«, ihre nicht mehr erinnerte Tätigkeit für die Staatssicherheit 1959 bis 1962, was ihr von einer Phalanx von Feuilletonisten hierzulande zum Vorwurf gemacht wurde. Zum Irrgang kommt die Enttäuschung jener »begeisterten Gesichter deiner Generation, die ihr das Schicksal der Communarden, das Scheitern, nicht an euch erleben würdet, da wart ihr euch ganz sicher, hohnlachend gegen alle Zweifler (...) Nur uns hatte es erspart bleiben sollen. Welche Hybris.«
Beides, aufkeimende Enttäuschung und die Frage nach dem immer wieder möglichen »Irrgang« des Sozialismusversuches, begleitet die vielschichtige Erinnerungsarbeit dieses letzten Romans und das Leben Christa Wolfs insgesamt – von ihren durch Faschismus und als Teil einer Kriegsgeneration geprägten »Kindheitsmustern«, ihrem Engagement als politische Schriftstellerin der Aufbaugeneration über die erlebten Traumatisierungen der Intervention auf dem »Kahlschlagplenum« 1965 und der Stasi-Observation im Gefolge der Biermann-Ausbürgerung 1976 bis hin zu »Kein Ort. Nirgends« (1979). Dazu sagt sie in ihrem letzten Spiegel-Gespräch im Juni 2010 rückblickend: »Es gab für mich keine Alternativen, keinen Ort. Ich habe in der DDR nicht mehr mitgespielt – bin zu keiner Versammlung, keiner Wahl mehr gegangen.«
Und Dr. Freuds Overcoat steht für eine weitere Tiefenschicht in Christa Wolfs schriftstellerischem Schaffen, zunächst bei sich selbst, für ihr »Gefühlsgedächtnis« und ihren »Gefühlshaushalt«: »Ja! Ich hörte mich schreien, während ich erwachte. Ich erkannte das Gefühl von Trostlosigkeit und gebremstem Aufbegehren wieder, das mich damals, vor vierzig Jahren, lange verfolgt hatte.« – »Wie kommt Leben zustande?«
Diese Frage nach der alltäglich vergehenden und vergänglichen Lebenszeit der Einzelnen hat Christa Wolf schon früh beschäftigt, vom 27. September 1960 an, als sie den Aufruf der Moskauer Zeitung »Iswestija« in die schriftstellerische Tat umsetzte, der an die Schriftsteller der Welt erging, sie mögen einen Tag dieses Jahres, nämlich den 27. September, so genau wie möglich beschreiben – eine Wiederaufnahme des Unternehmens »Ein Tag der Welt«, das Maxim Gorkij 1935 begonnen hatte. Dreiundvierzig Jahre später erblickte Christa Wolfs »Ein Tag im Jahr« (2003) das Licht der Welt.
Die Tiefenschicht ihres Blicks auf alltägliches Schicksal von 1961 setzt sich – zunächst noch in Anlehnung an den »Bitterfelder Weg« – bei ihrer Protagonistin Rita Seidel in »Der geteilte Himmel« (1963) fort, die sich gegen ihren in den Westen geflohenen Freund und für die neue Gesellschaft entscheidet mit der Vision, dass »die Freundlichkeit, die tagsüber verbraucht wurde«, sich im Kollektiv immer wieder erneuern ließe.
Aber die Spannung zwischen Neuerertum und Opportunismus, zwischen Kreativität und Dogmatismus wurde mit dem Abbruch des Reformklimas zum Ende der 1960er Jahre nicht progressiv aufgelöst, sondern das Vertun der »letzten Chance« des Realsozialismus – wofür paradigmatisch der »Prager Frühling« steht – beförderte politisch obdachlose und psychosomatisierende Individualität. Das bittere Ende eines Leukämietodes in »Nachdenken über Christa T.« (1968) markiert ästhetische und Gesellschaftskritik in einem.
Letztere radikalisiert Wolf – nachdem sie in den 1970er Jahren in keinem der beiden Deutschlands für sich ein lebendiges, lernfähiges und lebbares Modell erkannte, wie sie in einem Brief an Konrad Wolf schrieb – 1983 mit ihrer Erzählung »Kassandra«, der antiken Seherin, die gegen die Verrohung der Staatsgeschäfte anmahnt, auch eines sozialistischen Staates, von dem es in »Stadt der Engel « heißt: »Also das wissen wir jetzt: Dieser Staat ist wie jeder Staat ein Herrschaftsinstrument.«
In »Kassandra« wird der Herrschaftscharakter dieses Staates im Traditions- und Wirkungszusammenhang patriarchaler Strukturen und Kultur verortet, der sich bis in die Reihen der sozialistischen Bewegung hinein erstreckt, eine »Männergesellschaft im Rohzustand, vom kommunistischen Dichter bis zum zerreißend kleinbürgerlichen Tabakhändler«, die weiterhin die Subalternität der Frauen erzwingt und bis ins kurze »Jahrhundert der Extreme« prolongiert.
Aber diese »Geschichts- und Schreckensblindheit im teuflischsten Jahrhundert der Geschichte« wird in »Stadt der Engel« durchbrochen. Dafür steht das Motiv der Engel. Begleitet wird Christa Wolf bei ihrer Erinnerungsarbeit von einem leibhaftigen Engel, einer schwarzen Frau, die in ihrem Hotel immer sauber macht, sich in einen Engel verwandelt und so »auch ein bisschen Humor« in die Erinnerungsreise mitten in Los Angeles bringt.
Aber es gibt noch die Spur eines zweiten Engels, auf die Wolf durch ihren jüdischen Mitbewohner Peter Gutman stößt, »der sich gerade in einem Streitgespräch mit seinem Philosophen über den Nutzen von Revolutionen (...) als die einzige Möglichkeit, eine Utopie zu verwirklichen, befindet.« Sie führt zum »Engel der Geschichte« bei Walter Benjamin, der schon in der Zwischenkriegszeit jenes »Jahrhunderts der Extreme« dem gängigen marxistischen Revolutionsverständnis eine neue Lesart abgerungen hatte: »Marx sagt, die Revolutionen sind die Lokomotive der Weltgeschichte. Aber vielleicht ist dem gänzlich anders. Vielleicht sind die Revolutionen der Griff des in diesem Zuge reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse.«
Das Feuilleton hat mit Christa Wolfs Tod eine ganze Epoche zu Ende gehen lassen. Aber mit dem »Engel der Geschichte« aus ihrem Alterswerk eröffnet Christa Wolf den Blick auf einen epochalen Möglichkeitsraum, in dem sich die Lebensentwürfe der Individuen ganz anders mit den gesellschaftlichen Entwicklungsmöglichkeiten verbinden können, indem »die Entwicklung der Fähigkeiten der Gattung Mensch, obgleich sie sich zunächst auf Kosten der Mehrzahl der Menschenindividuen und ganzer Menschenklassen macht, schließlich diesen Antagonismus durchbricht und zusammenfällt mit der Entwicklung des einzelnen Individuums.« (Marx)
Dann wäre der Himmel über den Liebenden nicht mehr geteilt.













