6. Februar 2018 Joachim Bischoff

Kursrutsch an den Wertpapierbörsen

Die Talfahrt an der Wall Street hat für große Verunsicherung in Asien und in Europa gesorgt. Eine Korrektur nach den Höhenflügen der Wertpapierkurse in den vergangenen Wochen lag aber bereits in der Luft.

Auch im Januar wurden an den meisten Börsen in Nordamerika, Europa und Fernost neue Rekordwerte registriert. Insgesamt läuft diese globale Talfahrt darauf hinaus, dass die Höchststände der letzten Monate deutlich kassiert wurden.

Mehr als 70 neue Höchststände hat der Dow Jones, der US-Leitindex, seit dem Amtsantritt von Donald Trump erklettert. Das wurde jedes Mal vom US-Präsidenten persönlich mit einem Tweet auf Twitter gefeiert. Und jetzt der Absturz. Als die Wall Street am Montagnachmittag um 16 Uhr Ostküstenzeit den Schlussstrich zog, da stand ein Verlust von 4,7% oder 1.175 Punkten zu Buche, zwischenzeitlich betrug das Minus sogar 1.600 Zähler: der größte Verlust nach Punkten im Verlauf eines einzigen Handelstages in der langen Geschichte des so wichtigen Börsenbarometers.



Viele Beobachter sehen im aktuellen Börsengewitter das Ende einer Phase, in der der Aufwärtsbewegung die Luft ausging. Wegen der hohen Bewertungen von Aktien und Obligationen reagieren die Finanzmärkte nervös auf höhere Zinsen: Es wird sie immer wieder schütteln, auch wenn die Erholung der Weltwirtschaft weitergeht. Da die glatt laufende Weltkonjunktur wegen eines Börsengewitters nicht zwangsläufig aus dem Wachstumsrhythmus gerät, ist es gut möglich, dass sich die Kurse rasch erholen. Nichtsdestotrotz liegt der größte Teil der langjährigen Hausse hinter uns.

Unsicherheitsfaktoren für die Entwicklung der Bondrenditen sind sowohl die »Normalisierung« der Notenbankbilanzen als auch die steigenden Defizite der US-Regierung. Hinzu kommen die Folgen der US-Steuerreform. Amerikanische Konzerne dürften bald über ihre Offshore-Anlagen entscheiden. Außerdem sehen wir bemerkenswerte Verschiebungen im Weltwährungssystem.

Zu Recht wird darauf verwiesen, dass der stete Anstieg der Aktienkurse der letzten Jahre die Vermutung einer Preisblase der Vermögenswerte nährte. Die unterliegende These: Die Aktienkurse seien vor allem von der zur Abfederung der Finanzkrise gelockerten Geldpolitik angetrieben worden, die den Markt mit Liquidität überschwemmt hat. Die Bewertungen der Unternehmen an den Börsen seien daher weniger getrieben worden von deren guter Geschäftslage und einer generellen weltweiten guten Konjunkturlage, sondern von der hohen Nachfrage der Anleger nach Aktien.



Wie dieses historisch einmalige geldpolitische Experiment ausgeht, und was vor allem passiert, wenn die geldpolitischen Zügel ganz langsam gestrafft werden – wie in den USA derzeit der Fall – ist unbekannt. Auf jeden Fall wird von vielen Experten befürchtet, dass Blasen, wie jene am Aktienmarkt, in sich zusammenfallen.

Als einer der auslösenden Faktoren für die Verluste gelten die gestiegenen Zinsen an den Kapitalmärkten. Die Rendite der zehnjährigen US-Treasuries ist Ende der letzten Woche deutlich über 2,8% geklettert, was der höchste Stand seit Januar 2014 ist und weit über dem im Juni 2016 erreichten Tiefstand von rund 1,5% liegt. In den USA hat sich also die Rendite zweijähriger und zehnjähriger Staatsanleihen innerhalb von wenigen Monaten verdoppelt. Letztere scheinen inzwischen aus dem langfristigen Abwärtstrend ausgebrochen zu sein und nähern sich rasant der Drei-Prozent-Marke. Sollte sich der »Trendausbruch« nach oben bestätigen, wäre endgültig klar, dass sich das monetäre Regime nach mehreren Jahrzehnten praktisch permanenter Stimulation wenigstens in Ansätzen geändert hat. Selbst in Kerneuropa ziehen die Renditen an.

In Deutschland werfen die Staatspapiere mit zehnjähriger Laufzeit inzwischen 0,75% ab.
Nach wie vor streben die Notenbanken nach eigenen Angaben nach einer Rückkehr zur geldpolitischen Normalität – bisher haben sie allerdings nur wenige, eher zaghafte Schritte in diese Richtung gewagt. Die Finanzmärkte befinden sich deshalb in einer Phase der »stabilen Instabilität«. Diese ist von den Notenbanken verursacht worden und wird von ihnen seit Jahren aufrechterhalten.

Die wirtschaftlichen und politischen Eliten haben bewusst auf eine durchgreifende Sanierung verzichtet, die schmerzhaft, aber notwendig gewesen wäre, wie das Abschreiben notleidender Kredite und das Zulassen von Zusammenbrüchen von Banken und Unternehmen. Die Hauptprobleme, vor allem die Überschuldung von Unternehmen, Banken und Staaten, und die Finanzialisierung der Wirtschaft, konnten fortbestehen.

Die Korrekturen der letzten Tage am amerikanischen Aktienmarkt könnten also, wenn man dieser These folgt, der Anfang von einer nun einsetzenden, länger anhaltenden Korrekturphase sein.

Quelle: http://www.sozialismus.de/kommentare_analysen/detail/artikel/kursrutsch-an-den-wertpapierboersen/