6. Dezember 2011 Luciana Castellina: Zum Tod von Lucio Magri (1932-2011)
Seine größte Sünde war, dass er so weggegangen ist
Es ist für mich nicht einfach, über den Tod von Lucio Magri zu schreiben: Für mehr als ein halbes Jahrhundert waren wir auf unseren politischen Wegen nicht gerade Weggefährten, aber wir waren Partner – obgleich das schon eine Weile her ist. Schreibe ich darüber, so auf Verlangen der GenossInnen von Il Manifesto. Lucio war schon viele Jahre nicht mehr in der Politik. Und viele Leute wollten von mir wissen, was er tat, wer er war.
In einer Zeit, in der sich politisch alles ums Image dreht, ist er der Szene ferngeblieben. Er hat schon 1994 auf eine Wiederwahl ins Parlament verzichtet, er hat auch nicht mehr in Zeitungen geschrieben und nur gelegentlich an öffentlichen Veranstaltungen teilgenommen. Jüngere, die in der Zeit, als sich die PCI (Partito Comunista Italiano) auflöste und die PdUP (Partito di Unità Proletaria per il comunismo) nicht länger bestand, geboren worden sind, mögen nicht von ihm gehört haben, es sei denn von ihren Eltern.
Folglich habe ich einiges zu erzählen, insbesondere denjenigen, die ihn nicht haben kennen lernen dürfen oder die ihm an der verkehrten Stelle begegneten. Schließlich war er nicht leidenschaftslos, überhaupt nicht, bis zuletzt. Zunächst muss ich an jene Jahre erinnern, als »La rivista del manifesto« in einer zweiten Folge erschien – ein Journal mit Beiträgen von GenossInnen, und zwar von denen, die zur ersten Manifesto-Gruppe gehört hatten, sowie einigen anderen, die sich für den Verbleib in der PCI entschieden hatten, einschließlich Pietro Ingrao (geb. 1915) und Aldo Tortorella (geb. 1926). Das lief fünf Jahre lang, von 1999 bis 2003, und es wurde aus verschiedenen Gründen beendet. Das ist wirklich zu bedauern, denn eine Fülle von interessanten Schriften von Lucio und den anderen GenossInnen sind zum Nachlesen nur zu empfehlen. Bis vor kurzer Zeit waren sie noch auf der Website von »Il manifesto« zu finden, ich denke, sie sind immer noch dort.
Von da an arbeitete Lucio an einem Buch, das vor zwei Jahren erschien, und nun als Paperback erhältlich ist; inzwischen ist es ins Englische übersetzt (Verso), in Spanien und Argentinien erschienen, zur Zeit liegt die Übersetzung für Brasilien vor. Ein substanzielles Werk, keine Autobiographie, vielmehr eine Erforschung des italienischen Kommunismus, nicht ohne Berücksichtigung seines internationalen Hintergrundes, eine gedankenvolle Reflexion, vielleicht die einzige, die über die größte Kommunistische Partei im Westen, über die Gründe ihrer Erfolge und ihres schließlichen Endes geschrieben worden ist. Dort ist auch Raum für Kritik allzu simpler Vorstellungen unserer Manifesto-Gruppe, bei der Lucio auch seine Befähigung, das eigene Tun kritisch zu betrachten, unter Beweis stellt, obgleich das Buch nicht auf dieses Experiment fokussiert ist. Das Buch ist mit »Der Schneider von Ulm« betitelt, nach einer Parabel von Bertolt Brecht. In der Parabel behauptet ein Schneider, dass der Mensch zum Fliegen befähigt ist, was ihm ein Bischof nicht abnimmt. Durch die Hartnäckigkeit des Schneiders veranlasst fordert er ihn auf: »Dann versuch es: Steig den Glockenturm hinauf und wirf Dich hinunter!« Der Schneider stieg hinauf und stürzte ab. Aber wer hat Recht behalten? Richtig ist, dass der Schneider zu jener Zeit verunglückte, die Menschheit aber später fliegen lernte. Die Parabel ist auf den Kommunismus gemünzt: der jetzt missriet, aber morgen obsiegen kann.
Lucios Buch ist weder pessimistisch noch defätistisch. Vielmehr wird die hartnäckige Überzeugung von der Notwendigkeit einer grundlegenden Erneuerung des PCI zum Ausdruck gebracht – gute Gründe, die Partei am Leben zu erhalten. Das im Anhang befindliche Dokument (»Für eine neue kommunistische Identität«), das Lucio als Plattform zum 18. Parteikongress (1989) geschrieben hatte, stellt sich in seiner strategischen Bestimmtheit immer noch als relevant dar.
Tatsächlich war Lucio in der Erkenntnis künftiger Entwicklungen begnadet: Noch vor kurzer Zeit begann er zusammen mit Famiano Crucianelli und Aldo Grazia, Schriften und Dokumente unserer Geschichte zu sammeln, aus den Jahren vor 1968, aus der Ära der »corrente ingraiana«,[1] und aus späterer Zeit, von Il manifesto und der PdUP, viele von Lucio selbst noch entworfen. Diese Artikel sind von großem Interesse, da wir uns viele der Themen wieder »neu« zu vergegenwärtigen haben: Probleme der Umwelt, Krise der Demokratie, Niedergang der USA als einer Supermacht und ihre Folgen. Die »neuen Widersprüche unserer Zeit« sind natürlich nicht als solche benannt, aber doch untersucht und werden Ausgangspunkt für neue Strategien sein. Ich denke, wir müssen diese Schriften sammeln und sie in den Umlauf geben, vielleicht auch ein Weg, sich Lucios zu erinnern, der nicht länger unter uns ist und der nicht von uns begraben werden wollte.
Auf meinen Reisen durch Italien treffe ich viele, wirklich viele GenossInnen, die mir erzählen, dass die politische Ära, durch die wir gemeinsam gegangen sind, für ihre politische Erziehung bedeutsam gewesen ist. Die Geschichte der PdUP, die aus dem Zusammengehen von »Movimento Organizzato del Manifesto« und der Ex-PSIUP-Gruppe um Vittorio Foa hervorging,[2] sollte auch, denke ich, erneut gelesen und diskutiert werden.
Wir haben diese Partei immer für eine zeitweilige, vorübergehende Einrichtung gehalten, da wir eine Wiedervereinigung des Italienischen Kommunismus wollten und nicht auf eine Kleinpartei aus waren – eine schwierige Entscheidung, die viele Gruppen der Neuen Linken nicht verstanden und sich darüber mokierten. 1984 begannen wir die Debatte, ob man sich wieder für die PCI entscheiden sollte oder nicht. Das war die Zeit von Bettino Craxi (1934-2000) und des neu erwachten Anti-Kommunismus; gespalten zu sein, war sinnlos, zumal von einer »zweiten Wende von Salerno« die Rede war,[3] als Enrico Berlinguer (1922-1984) seine Politik nationaler Einheit abbrach, die Korruption der Politik beim Namen nannte und der UdSSR die letzten Zähne zog. Berlinguer kam, um sich Lucios Bericht für unseren Kongress von 1984 anzuhören, und er fragte uns, ob wir nicht wieder zur PCI kommen wollten, da sich die Differenzen doch erledigt hätten. Es kann sein, dass er es auf neue Kader für die Partei abgesehen hatte. Nur wenige Monate später starb Berlinguer und wir fanden uns in der PCI in einer Partei wieder, die schlechter war als die, aus der wir vertrieben worden waren. Als sich die Partei auflösen wollte, trat Lucio dem als Speerspitze entgegen – in gewisser Hinsicht nicht konservativ, sondern innovativ. Der Bericht, den er in Arco vortrug – wo die letzte Versammlung der Gruppe stattfand, die gegen die Auflösung der PCI im Rahmen ihres 20. Kongresses (1991) opponierte –, ist eine klare und moderne Plattform der Linken. Auch diese sollte erneut gelesen werden.
Der Umgang mit Lucio war nicht einfach. Sein bester Freund, Michelangelo Notarianni, pflegte zu sagen, dass Lucio über herausragende Eigenschaften verfüge, denen es aber an Sanftheit fehlte. In der Tat: Ungeachtet seiner intellektuellen Generosität – bei der Menge an anonymen Texten, die von ihm geschrieben worden sind, ging es ihm nicht um Verdienste, er war allein an ihrer möglichst großen Verbreitung interessiert – kam Lucio unhöflich und arrogant daher. Er war immer bereit, eigene Fehler einzugestehen, aber er hatte keine Geduld mit denen anderer, weil er auf eine irritierende Weise versessen auf Prinzipientreue war.
Seine schwerste Sünde war, diesen Weg verlassen zu haben. Er dachte, dass er sich nicht in irgendeiner Weise an der Wiedergeburt der Linken beteiligen könne, von der er wusste: »Es wird geschehen, aber es wird Jahrzehnte in Anspruch nehmen und darin kann ich nicht meine Rolle finden.« Nach den drei Jahren, in denen er sich Tag für Tag bis zu ihrem Tod um die schwerkranke Mara, mit der er 25 Jahre zusammengelebt hatte und die er so sehr liebte, kümmerte, verfiel er in Depressionen und wir verloren ihn. Lucio sah keinen Grund mehr, mit uns zu leben, und uns, seinen FreundInnen und GenossInnen, gelang es nicht, ihm dafür genügend Gründe zu geben.
Luciana Castellina ist Redakteurin der italienischen Tageszeitung »Il Manifesto« und ehemalige Europaparlamentsabgeordnete. Ihr Artikel ist am 30. November 2011 in »Il Manifesto« erschienen. Die Übersetzung nach einer englischen Fassung besorgte Fritz Fiehler.
[1] Spielt auf die Zusammenarbeit des linken Flügels in der PCI um Pietro Ingrao mit Gruppierungen der Neuen Linken an (Anm.d.Red.).
[2] Vittorio Foa (1910-2008) war Generalsekretär der 1964 gegründeten Partito Socialista Italiano di Unità Proletaria, die er 1970 verließ, und nach deren Auflösung 1972 Mitbegründer der PdUP (Anm.d.Red.).
[3] Im April 1944 traten die antifaschistischen Oppositionsparteien auf Initiative des PCI-Generalsekretärs Palmiro Togliatti (1893-1964) einer bürgerlichen Regierung bei (Wende von Salerno) (Anm.d.Red.).













