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18. Februar 2014 Frank Deppe: Reinhard Kühnl (25.5.1936-10.2.2014)

Volksbildner in Demokratie und Antifaschismus

Auf der Ferienakademie in der Villa Palagione 2008 (Fotos: Rainer Rilling)

Am 10. Februar verstarb im Alter von 78 Jahren Reinhard Kühnl. Frank Deppe erinnerte auf der Trauerfeier am 14. Februar in Marburg an die Begegnungen mit und an die wissenschaftlichen Leistungen und politischen Botschaften von Reinhard Kühnl.

Die erste Begegnung mit Reinhard liegt ziemlich genau 50 Jahre zurück. Er war dabei, die Promotion abzuschließen, arbeitete als Assistent, bald als Oberassistent am Abendroth’schen Institut. Das waren für mich, den Studenten bzw. die Hilfskraft, schon gewaltige Höhenunterschiede!

Ich lernte ihn erst später besser kennen, im Institut für Politikwissenschaft, als wir in der Fraktion der »sozialistischen Hochschullehrer« am Fachbereich lange zusammen arbeiteten. Obwohl wir aus dem SDS kamen, war uns Jüngeren am Anfang, also Mitte der 1960er Jahre, oft zu wenig bewusst, wie die Biographien unserer Lehrer bzw. unserer etwas älteren Kollegen durch die geschichtlichen Erfahrungen von Faschismus, Krieg und Nachkriegszeit, dann aber auch – vor 1968 – von den Strukturen und der Kultur der deutschen Ordinarienuniversität geprägt waren.

Reinhard hatte im Sudetenland, wo er aufwuchs, besonders brutale Formen faschistischer Herrschaft, dann Krieg und Flucht erlebt und war nach 1945 als »Flüchtlingskind« aufgewachsen. Abitur, Studium, Promotion mussten hart erkämpft werden; und wer Assistent bei Wolfgang Abendroth wurde, der konnte – zumindest vor 1968 und als jemand, der sich früh auf die Faschismusforschung konzentrierte – nicht unbedingt mit einer unbeschwerten Hochschulkarriere rechnen. In diesem System von Herrschaft und Konkurrenz war der Druck auf den Nachwuchs enorm und führte vielfach zu psychischen Deformationen.

Hier bedeuteten das Jahr 1968 und die anschließenden Hochschulreformen kurzfristig tatsächlich eine Wende. Reinhard hat in dieser Periode seine Forschungen über den Faschismus und den Neofaschismus intensiviert; er hat sich den Historischen Materialismus angeeignet, ist offensiv für die Demokratisierung von Hochschule (institutionell) und Wissenschaft (inhaltlich) eingetreten.

Aber auch in dieser Periode wird er von dem Gegenstand, den er erforscht, eingeholt. 1971 wurde er auf die Professur berufen; aber durch die vorangegangene Auseinandersetzung um die Habilitation – vor allem nach dem Gegenangriff von Ernst Nolte (der ihn im Rückblick adelte) – war er in den konservativen Universitätskreisen und deren subalternen Nachfolgern im ganzen Land stigmatisiert.

Seine Reaktion darauf war beachtlich, denn seit den frühen 1970er Jahren verband er seine wissenschaftliche Arbeit mit dem öffentlichen Engagement für Demokratie (im BdWi, im Kampf gegen die Berufsverbote), für Frieden (Stichwort: Krefelder Appell) und gegen Faschismus und Neofaschismus, auch als langjähriger Mitherausgeber der »Blätter für deutsche und internationale Politik«. Die frühe Lebenserfahrung verdichtete sich bei ihm zu jenem Motto, dem er höchste Glaubwürdigkeit verlieh: »Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus!«. Gerade in den 1970er und 80er Jahren wurde er von Wolfgang Abendroth, Helmut Ridder, Walter Jens, aber auch von Künstlern wie Franz Josef Degenhardt und Hannes Wader (mit denen er befreundet war), als besonders wichtige Marburger Stimme anerkannt.

Reinhard gehörte – zusammen mit Reinhard Opitz – zu den bedeutendsten marxistischen Faschismusforschern in der Bundesrepublik. Den Faschismus begriffen sie als »Form bürgerlicher Herrschaft«, als »Radikallösung« der Krise dieser Ordnung. Wie Opitz hat er immer wieder den geschichtlichen Kontext (»deutscher Sonderweg«, Scheitern der Weimarer Republik) untersucht. Bei den Faschismusanalysen bezog er sich nicht nur auf die von Abendroth weitergegebene Bonapartismustheorie von August Thalheimer, auf die Massenpsychologie von Wilhelm Reich und die Dimitroff’sche Faschismusanalyse (der Kommunistischen InternationaIe), sondern vor allem auf neuere Forschungen und Positionen in der bundesdeutschen wie der DDR-Diskussion. Er plädierte stets für einen »weiten Faschismusbegriff«, der über die ökonomischen Determinanten hinaus die Frage der Massenwirksamkeit, der Rolle der Ideologien usw. in den Blick nimmt.

In der Auseinandersetzung mit reaktionärer und menschenfeindlicher Ideologie – im Kampf um die Köpfe im Sinne von Aufklärung – sah er sein eigentliches Wirkungsfeld. Und – so füge ich hinzu – es gab keinen Marburger Politikwissenschaftler, der seit den 1970er Jahren in diesem Feld mit vergleichbarer Wirkung und Erfolg tätig gewesen ist. Die hohen Auflagen seiner zahlreichen Schriften (einschließlich der Übersetzungen), der große Kreis der Studierenden, die an seinen Lehrveranstaltungen teilnahmen, seine öffentliche Auftritte, seine Vorträge an Universitäten, bei Gewerkschaften und an Volkshochschulen – das kann man wohl als einzigartig bezeichnen.

Reinhard verfügte über die – bei Akademikern selten vorhandene – Fähigkeit, klar und verständlich zu formulieren. Hinzu kam eine ebenfalls einzigartige Wirkung seiner Schriften: Ganze Generationen von Sozialkundelehrern und Referendaren (beiderlei Geschlechts) haben den (oder die) Quellenbände im Unterricht benutzt, die Reinhard herausgegeben hatte – an erster Stelle: »Der deutschen Faschismus in Quellen und Dokumenten« (zuerst 1975).

Reinhard hat – auf wissenschaftlicher Basis – im positiven Sinne Volksbildung in Demokratie (und das schließt ein: in Antifaschismus) betrieben. Damit hatte er zugleich die konservative Rolle der Universität als »ideologischer Staatsapparat« (Althusser) in der bürgerlichen Gesellschaft in Frage gestellt und durchbrochen. Das hat ihm nicht nur Feinde beschert (immer wieder berichtete er auch von üblen Drohungen, die ihn privat erreichten!), sondern auch Neider, die ihm seine Erfolge missgönnten.

Reinhard ist vor knapp zehn Jahren durch die grauenhafte Alzheimer-Krankheit außer Gefecht gesetzt worden – für einen Intellektuellen wohl das schlimmste Schicksal, das er z.B. mit Walter Jens teilen musste. Kurt Pätzold hat daran erinnert, dass er noch im Mai 2005 bei 20 Veranstaltungen, die an den 60. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus erinnerten, als Redner aufgetreten war. Danach machten sich die frühen Symptome der Krankheit bemerkbar.

Wenn wir später mit seiner Frau Elke zu ihm kamen, waren wir immer wieder erschüttert über die Zerstörung einer höchst vielseitigen Persönlichkeit. Er war nicht nur der große und erfolgreiche Wissenschaftler, Redner und Volksbildner, sondern auch ein exzellenter Sportler – im Sommer traf man ihn im Freibad; bis es ihm seine Rückenbeschwerden nicht mehr erlaubten war er ein anerkannter Fußballspieler, der keinen Sport (später keine TV-Übertragung wichtiger Spiele) ausließ, sowie ein begeisterter Skifahrer.

Im Institut erschien er (bis zu seinem schweren Unfall) gelegentlich im Dress eines Tour- de-France-Teilnehmers, und nicht zuletzt: Reinhard war über Marburg hinaus bekannt als hochklassiger Schachspieler, der mit seinem Klub auch Meisterschaften gewonnen hatte. Vielen bleibt unvergessen, wie er – im einstmals legendären Zelt auf den Lahnwiesen – blind gegen zehn Leute antrat und kaum zu schlagen war.

Und schließlich: Reinhard war ein »Genussmensch« und ein Optimist. Er machte nie einen Hehl daraus, dass »gutes Leben«, wissenschaftliches Arbeiten und der Kampf gegen Armut, Unterdrückung, gegen Faschismus und Krieg zusammen gehören. Die Utopie der besseren Gesellschaft war nicht das abstrakte Bekenntnis zu einer neuen politischen und gesellschaftlichen Ordnung. Sie beinhaltete für ihn immer auch die Anerkennung des Genusses: Gutes Essen und Trinken, schöne Landschaften, vor allem aber der Genuss der Kunst waren ihm unverzichtbare Bestandteile eines guten Lebens.

Er genoss die Tagungen des BdWi und der von ihm mit begründeten Stiftung GegenStand in der toskanischen Villa Palagione, wo diese Bestandteile eines »guten Lebens« zusammenzukommen scheinen. Vor allem die Lyrik – Gedichte von Goethe, Rilke oder Benn – erfüllte ihn, auch noch in jener Übergangszeit, in der er sich aus dieser Welt verabschiedete. Reinhard pflegte Freundschaften, er genoss es, mit Freunden zusammen zu sein, zu diskutieren, zu reisen, er genoss die Liebe zu Elke … ja, in dieser Beziehung war er vielen von uns voraus!

Seit fast zehn Jahren vermissen wir Reinhard auf schmerzliche Weise – seitdem Menschen auf den Straßen unseres Landes totgeschlagen werden, weil sie die falsche Hautfarbe haben, seitdem der »NSU«-Terrorismus Schrecken verbreitet (und der Verfassungsschutz-Filz zusätzlich Erkenntnisse über den Charakter der Staates vermittelt), seitdem rechtes Gedankengut (von Rassismus, Fremdenfeindlichkeit bis zur Verherrlichung der Diktatur) auch in der »Mitte der Gesellschaft« zunimmt, seitdem in Nachbarländern Parteien mehrheitsfähig werden können, die sich auf solches Gedankengut beziehen. Die Krise seit 2008 hat in weiten Teilen Europas Verhältnisse der Armut, der Massenarbeitslosigkeit (vor allem für die Jugend) geschaffen, wie sie in der Krise nach 1929 den Boden für den Faschismus bereitet hatten.

Wir vermissen Reinhard schmerzlich in einer Zeit, in der wieder einmal von einer deutschen Führungsrolle in Europa gesprochen wird und die politische Führung des Landes unumwunden diese Rolle mit der Forderung nach mehr Militäreinsätzen im Ausland verbindet. Wir vermissen Reinhard in der Auseinandersetzung mit Historikern, die den Absturz in die Katastrophe des Ersten Weltkrieges im August 1914 aus einer Kette von Zufällen ableiten und die Geschichte von »Schlafwandlern« exekutieren lassen, statt von Tätern und Opfern, von Klasseninteressen und imperialen Machtansprüchen zu sprechen. Die Arbeiten von Fritz Fischer, George W. Hallgarten, auch die der DDR-Forschung zur neuen deutschen Geschichte , die für Reinhard so wichtig waren, werden im Bewusstsein des Sieges über den Sozialismus gleichsam in die wissenschaftlichen Mülltonen entsorgt bzw. abgewickelt.

Und wir werden ihn in der Zukunft vermissen! Die Chance der Demokratie und die Zukunft der Gesellschaft – so formulierte er am Ende seines »Leitfadens Faschismustheorien« (1979 bei Rowohlt, 1990 im Distel-Verlag, sein Hausverlag der letzten produktiven Jahre ) – ist auf das Bündnis von »demokratischer Wissenschaft und arbeitender Bevölkerung« angewiesen. »Durch diese Verbindung kann eine Kraft entstehen, die in der Tat stark genug ist, die Offensive der Rechten abzuwehren, die demokratischen und sozialen Rechte der Massen zu verteidigen und dann jene Aufgabe in Angriff zu nehmen, die die Demokratie dauerhaft festigen und die Gefahr des Faschismus dauerhaft beseitigen kann: die Überführung der Wirtschaft in die Kontrolle des Volkssouveräns, die Schaffung einer sozialistischen Demokratie, wie sie die Antifaschisten nach 1945 gewollt, die Landesverfassungen dieser Periode noch deutlich artikuliert haben und wie sie das Grundgesetz im Artikel 15 als Möglichkeit ausdrücklich gewährleistet hat«. Dann folgt (in Klammern, 1990 hinzugefügt) der Zusatz: »das Beispiel DDR (habe allerdings) sehr eindringlich gezeigt«, dass die »Veränderung der Eigentumsverhältnisse« allein noch keine Lösung darstellt, »wenn nicht das Volk sich wirklich zum Souverän macht«. Da hat er uns »Überlebenden« und den »Nachgeborenen« große Aufgaben gestellt!

Erinnern wir abschließend noch einmal daran, dass Reinhard Kühnl nicht nur einer der besten Schüler von Wolfgang Abendroth war, sondern dass er auch selten seine geschichtsoptimistische Grundeinstellung verschwiegen hat. Wenn er vom Fortschritt der demokratischen Bewegungen sprach, dann hatte er einen Begriff von Menschheitsgeschichte im Sinn, deren Bewegungen von Siegen und Niederlagen, von Gesellschaftsformationen und Transformationen sich immer in großen geschichtlichen Epochen vollziehen.

Vielleicht vertraute er dabei auch dem »Maulwurf«, wie Marx gelegentlich nach 1848 den unter der Oberfläche des politischen Geschehens und der Herrschaft der Konterrevolution wirkenden Widerspruch zwischen den »materiellen Produktivkräften der Gesellschaft« und den »vorhandenen Produktions- (und Eigentums-) Verhältnissen« umschrieb. Wie dem auch sei, diesen (fundierten) Optimismus sollten wir beim Bearbeiten der Niederlagen nicht vergessen!

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