26. Mai 2024 Klaus Bullan: Zum 40. Todestag von Enrico Berlinguer

Eurokommunist und Protagonist des dritten Weges

Am 11. Juni jährt sich der Todestag von Enrico Berlinguer zum 40. Mal. Es ist Wahlkampf für das Europäische Parlament 1984, als Berlinguer während einer Rede in Padua einen Schwächeanfall erleidet und kurz darauf einen Gehirnschlag hat, ins Koma fällt und vier Tage darauf im Alter von 62 Jahren stirbt. Ganz Italien ist paralysiert.

Der Generalsekretär der größten kommunistischen Partei des Westens stand seit 1972 an der Spitze des PCI.[1]

Am 13. Juni findet die Trauerzeremonie in Rom statt. Die gesamte politische Klasse Italiens einschließlich des Ministerpräsidenten Bettino Craxi und des Staatspräsidenten Sandro Pertini und internationale Gäste wie Michael Gorbatschow, Yassir Arafat, die Vorsitzenden der KPF, George Marchais, und der kommunistischen Partei Spaniens, Santiago Carillo, nehmen an der Zeremonie teil. Die tiefe Verankerung in der italienischen Kultur und Gesellschaft zeigt sich in der Anteilnahme des größten Teils der bedeutendsten italienischen Intellektuellen, Wissenschaftler*innen, Künstler*innen, Schriftsteller*innen, Regisseur*innen und Schauspieler*innen.

Vor allem aber war es die größte Demonstration in der Geschichte Italiens. Der Journalist Fabrizio Rondolino berichtet in seinem Buch »Il nostro PCI«: »Rom war voller Sonne und Menschen, durchzogen von Dutzenden von Prozessionen: eine Menschenmenge überall, in den Straßen, auf den Bürgersteigen, an den Fenstern, vor den Geschäften mit heruntergelassenen Rollläden, auf den Laternenpfählen, auf den Dächern der Häuser, auf Autodächern stehend. Eine Million Menschen, eineinhalb Millionen, zwei: die größte Demonstration in der Geschichte Italiens. Es war kein heroischer Tag. So habe ich ihn nicht in Erinnerung: eher melancholisch, ergreifend und in gewissem Sinne abschließend. Es wurde geschrieben und gesagt, dass die PCI an diesem Tag gestorben ist, und das stimmt auch.«

Diese Demonstration war Ausdruck der großen Zustimmung zum »eigenartigen Genossen« Enrico Berlinguer, der als integre Persönlichkeit und als charismatischer Führer der größten kommunistischen Partei der westlichen Welt geschätzt wurde. Die am häufigsten zu sehenden Transparente enthielten die Aufschrift: »Enrico, wir haben dich gern.«

Darüber hinaus war sie auch ein Zeichen für den großen Rückhalt des PCI in der italienischen Bevölkerung noch zu diesem Zeitpunkt. Die kurz darauffolgenden Wahlen zum Europäischen Parlament bringen der Partei einen großen Erfolg und sie erreicht zum einzigen Mal in seiner Geschichte das lange angestrebte Ziel des »sorpasso«, das Überholen der christdemokratischen Staatspartei DC (Democrazia Christiana), und wird zur stärksten Partei Italiens im Europäischen Parlament.

Lucio Magri, kommunistisches Führungsmitglied und linker Kritiker Berlinguers in den Zeiten des historischen Kompromisses, widerspricht in seinen Eindrücken von der Trauerdemonstration denjenigen, die den Tod Berlinguers für den Beginn des Endes des PCI halten: »Gefühle können ein Volk von Aktivisten mitreißen, man kann jemandem in vielen Formen seinen Respekt erweisen, aber das muss nicht heißen, dass man dadurch eine breitere Wählerschaft gewinnt und für eine Politik Partei ergreift – und das zu einem Zeitpunkt, an dem diese klarere Gestalt annimmt und von allen Seiten attackiert wird. Das geschieht nur, wenn zu den Gefühlen eine möglicherweise vielfältige, aber sehr breite Zustimmung hinzukommt.

Übrigens ist Intensität ein besserer Maßstab für Zustimmung als Zahlen. Daher empfehle ich dem Leser, sich an den Film von der Beerdigung Berlinguers zu erinnern bzw. ihn sich überhaupt anzuschauen, denn er zeigt nicht nur eine riesige, vielgestaltige Menschenmenge, sondern ein Volk mit aufrechtem Gang. Aus diesen Bildern spricht das wiedergefundene Vertrauen zwischen Partei und Arbeiterklasse, die Verurteilung der politischen Korruption, der beginnende Dialog mit dem neuen Feminismus, die endlich erreichte Unabhängigkeit hinsichtlich der internationalen Blockdisziplin und die Neubelebung der Friedensbewegung – all das in den Willen mündend, vom Ziel der grundlegenden Transformation des Gesellschaftssystems nicht abzulassen.«[2]

Klaus Bullan ist Mitherausgeber von Sozialismus.de, zuletzt schrieb er in Heft 5-2024; »Italien vor den Europa-Wahlen. Die extreme Rechte bleibt stark«.

[1] Biografische Daten über Berlinguer finden sich in der lesenswerten Biografie von Chiara Valentini: Der eigenartige Genosse Enrico Berlinguer, Bonn 2022. Dazu: Bullan, Klaus/Sander, Bernhard: Enrico Berlinguer, Sozialismus.de Supplement zu Heft 10/2022.
[2] Lucio Magri: Der Schneider von Ulm, Berlin 2015, S. 363f. Dazu auch: Klaus Bullan: Lehren aus der Geschichte. Lucio Magris Bilanz des Aufstiegs und Scheiterns der KPI und der Konzeption des »dritten Wegs«, in: Sozialismus 2015, Heft 11, S. 44ff.

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