3. Juli 2026 Paul Wellsow: Thüringens Landesregierung aus CDU, BSW und SPD ist so unbeliebt, wie keine andere seit 20 Jahren
Absturz der »Brombeere«
Das Vertrauen in Mario Voigt ist weg. Der amtierenden Thüringer Landesregierung aus CDU, BSW und SPD vertrauen nur noch 29% der Menschen. Das sind so wenige, wie seit 20 Jahren nicht mehr. Die Zahl stammt aus dem nun veröffentlichten »Thüringen Monitor« der Universität Jena,[1] der seit dem Jahr 2000 jährlich politische Einstellungen untersucht.[2]
Bereits in den ersten sechs Monaten ihrer Amtszeit verspielte die im Dezember 2024 ins Amt gekommene »Brombeer-Koalition« das Vertrauen – das zeigt die Befragung auf Grundlage von repräsentativ erhobenen Daten aus dem Juni und Juli 2025. Das Vertrauen sank von 38% im Jahr 2024 – also dem letzten Jahr der rot-rot-grünen Regierung unter Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke) – um neun Prozentpunkte auf nur noch 29%. So niedrig lag der Wert seit 2005 nicht mehr. Eine weitere Befragung mit aktuelleren Daten aus dem April 2026 stützt diese Werte: Laut einer repräsentativen Umfrage des Instituts INSA sagten 64%, dass sie sich von der Landesregierung »eher nicht« (39%) bzw. »gar nicht« (25%) vertreten fühlen.[3] Nur 21% fühlen sich »eher« und 4% »voll und ganz« vertreten. Sogar eine Mehrheit der Wähler*innen vom BSW (53%) und fast die Hälfte (47%) der CDU-Anhänger*innen sehen sich nicht mehr repräsentiert. Zudem sorgen neue Vorwürfe gegen Voigt für weiteren Vertrauensverlust. Die TU Chemnitz erkannte ihm Anfang des Jahres seinen Doktortitel ab.[4] Nun heißt es zudem, er habe Reden von Künstlicher Intelligenz schreiben lassen.[5]
Die Zahlen bestätigen ein seit Jahren verfestigtes Grundgefühl, dass Politik nicht ordentlich funktioniere. So unterstützen 90% der befragten Thüringer*innen die Demokratie an sich. Aber nur 44% sind mit der Praxis »zufrieden« oder »sehr zufrieden, 56% sind unzufrieden. Die Autor*innen des »Monitors« warnen: »Dies eröffnet Raum für populistische und systemkritische Narrative, die die Diskrepanz zwischen Idealbild und Realität zum Anlass nehmen, die repräsentative Demokratie und ihre Akteure insgesamt zu delegitimieren.« (Monitor: 99).
Gesellschaftlicher Zusammenhalt
Schwerpunktthema des aktuellen »Thüringen Monitors« ist gesellschaftlicher Zusammenhalt. Die Autor*innen der Studie verweisen darauf, dass sich die Gesellschaft »seit mehreren Jahren in einer Phase außergewöhnlicher Belastungen« befinde, die das soziale Gefüge infrage stellen: »Die Corona-Pandemie hat nicht nur erhebliche Verunsicherung in der Bevölkerung ausgelöst, sondern zugleich strukturelle Schwächen, u.a. im Gesundheits- und Bildungswesen, offengelegt. Zusätzlich führen geopolitische Konflikte wie der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine und die Gewalteskalation im Nahen Osten ebenso wie Unsicherheiten in den transatlantischen Beziehungen zu Gefühlen globaler Instabilität und wirtschaftlicher Unsicherheit. Auch die Klimakrise, der demografische Wandel und die anhaltende wirtschaftliche Rezession stellen die Gesellschaft weiterhin vor Herausforderungen und verschärfen soziale Konfliktlinien […]. Die Krisenlagen wirken zudem als Treiber und Nährboden für demokratiegefährdende Entwicklungen« (Monitor: 3). Daher sei die Frage nach Zusammenhalt heute besonders wichtig.
Es zeigt sich ein bekanntes Phänomen: Eine Mehrheit der Menschen (85%) ist »sehr zufrieden« mit der Lebensqualität an ihrem Wohnort. Zudem sei die Mehrheit (68%) »in stabile soziale Beziehungen und Netzwerke eingebunden«, das Vertrauen in das Umfeld sei hoch (83%). Ein lebendiges Vereinsleben, die »Pflege Thüringer Traditionen« und ein »subjektives Zugehörigkeitsgefühl« zum direkten Lebensumfeld wird mehrheitlich als »sehr wichtig« oder »eher wichtig« beschrieben.
Paul Wellsow ist Politikwissenschaftler und Büroleiter des Abgeordneten des Bundestags Bodo Ramelow.
[1] Reiser, Marion/Franke, Helene/Graichen, Robin/Hebenstreit, Jörg/Küppers, Anne/Vogel, Lars/Zissel, Pierre: Gesellschaftlicher Zusammenhalt in Thüringen. Ergebnisse des THÜRINGEN-MONITORs 2025, Jena, Friedrich-Schiller-Universität Jena & KomRex (doi.org/10.22032/dbt.68840) – zitiert als »Monitor«. Für die Studie wurden vom 2.6. bis 4.7.2025 repräsentativ 3.838 Personen befragt.
[2] Alle Studien des »Monitors«: thueringen.de/regierung/th-monitor.
[2] Mehrheit fühlt sich von Regierung nicht vertreten, in: sueddeutsche.de, 6.5.2026 (www.sueddeutsche.de/politik/zufriedenheit-mit-regierung-umfrage-mehrheit-fuehlt-sich-von-regierung-nicht-vertreten-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-260505-930-38923
[4] Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt verliert seinen Doktortitel, in: welt.de, 28.1.2026 (www.welt.de/politik/deutschland/article697a14a918848ea61928a261/mario-voigt-tu-chemnitz-entzieht-thueringens-ministerpraesident-den-doktortitel.html).
[5] Aiko Kempen/Jonathan Peaceman: »Ich trete in das Vermächtnis eines Anspruchs«, in: Frag den Staat, 9.6.2026 (fragdenstaat.de/artikel/exklusiv/2026/06/ich-trete-in-das-vermachtnis-eines-anspruchs/).


