3. Juli 2026 Hinrich Kuhls: Andrew Burnham als Retter Britanniens und Messias wider Willen

Der siebte britische Premierminister in einer Dekade

Nach neunjähriger Abwesenheit kehrte Andrew Murray »Andy« Burnham ins Unterhaus des Parlaments des Vereinigten Königreichs Großbritannien und Nordirland zurück und legte den Eid auf die Jerusalemer Bibel ab, die in der katholischen Kirche in den Ländern des Commonwealth gebräuchlich ist. Der neue Abgeordnete des Wahlkreises Makerfield wurde von den Oppositionsbänken mit dem Zwischenruf »Er ist nicht der Messias« empfangen.

In Anspielung auf die blasphemische Satire »Das Leben des Brian« von Monty Python antwortete Burnham: »Naughty Boy«. Dabei ließ sein Tonfall nicht erkennen, ob er den Zwischenrufer tadeln oder sein Selbstbild als widerständiger Akteur bestätigen wollte. Während er die offiziellen Dokumente unterzeichnete, war im Plenarsaal zudem der Imperativ »Verwandle Wasser in Wein, Andy« zu hören.

»Rom ist gerettet«, hatte zuvor Sir Desmond Swayne, ein christlicher Abgeordneter der Konservativen, der nicht für Fachexpertise, sondern für seine oft aphoristisch kurzen Einwände in Debatten bekannt ist, gerufen. Da alle Abgeordneten in der übervollen Kammer Burnham als nächsten Regierungschef erwarteten, werden sie bei diesem Zuruf – als historische imperiale Präzedenz für die sich in London in den letzten Jahren wiederholende Farce des Austauschs des Premierministers während der laufenden Legislaturperiode – Gaius Octavius vor Augen gehabt haben. Dieser »rettete Rom«, indem er zunächst den lang andauernden Bürgerkrieg im Ausgang der Römischen Republik beendete. Anschließend wurde ihm der Ehrentitel Augustus verliehen, wodurch er ins Göttliche entrückt und als Diktator ermächtigt wurde, die Kriege an den Rändern des Imperiums auszuweiten.

Nun, Andrew Burnham ist nicht im Triumphzug nach London eingezogen. Am Tag seiner Vereidigung bestieg er salopp gekleidet am späten Morgen einen der Züge, die dreimal pro Stunde von Manchester Piccadilly nach London verkehren. Die 1842 eröffnete Station firmierte zu Friedrich Engels’ Zeiten in Manchester und dann bis 1960 unter Manchester London Road. Die gut zweistündige Fahrt nach London Euston absolvierte Burnham im modernen Pendolino 390. Diese Zugkombination wird mit einer Lizenz der italienischen Fiat Ferroviaria von der französischen Alstom SA produziert, von der im Eigentum einer australisch-kanadischen Investorengruppe befindlichen Schienenfahrzeugvermietung Angel Trains geleast und vom Eisenbahnverkehrsunternehmen Avanti West Coast betrieben. Neben dem britischen Mehrheitseigner First Group ist an Avanti West Coast auch die Trenitalia als Subunternehmen der Italienischen Staatsbahnen beteiligt. Die Betreiberfirma hielt zeitweise mit 8% Zugausfällen einen negativen Spitzenrekord. Avanti West Coast ist eines der beiden Zugunternehmen, die als letzte im Rahmen der Abschaffung des Konzessionssystems im britischen Personenverkehr wieder verstaatlicht werden. Die Strecken von Avanti West Coast übernimmt bis spätestens Oktober 2027 das neu errichtete Staatsunternehmen Great British Railways – sofern die Renationalisierung der britischen Eisenbahnen ohne Komplikationen voranschreitet.

Die Renationalisierung der Eisenbahngesellschaften war eines der wenigen konkreten Versprechen im Wahlprogramm »Change« der Labour Party von 2024, das dann auch vom Kabinett Starmer in Angriff genommen wurde. 

Hinrich Kuhls lebt in Düsseldorf und ist Mitglied der Sozialistischen Studiengruppe (SOST). In Sozialismus.de 10-2025 schrieb er über »Britannien im Schlepptau von Trump. Die Labour Party im Anpassungssog des Rechtspopulismus.«

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