9. Mai 2026 Klaus Dörre
Die AfD – keine Arbeiterpartei
»Die AfD wird von überdurchschnittlich vielen Arbeitern gewählt, eine Arbeiterpartei ist sie nicht!« Diese These, die ich während eines Kurzauftritts in der Tagesschau formuliert habe,[1] sorgt im Netz für Wirbel. »Eine Arbeiterpartei ist, wer von den meisten Arbeitern gewählt wird«, lautet die knappe Gegenthese einer Followerin, die sich in einem AfD-nahen Online-Forum zu Wort meldet.
Das klingt logisch, ist aber dennoch falsch. Zwar trifft zu, dass die Partei in der Statusgruppe der Arbeiter*innen seit langem überdurchschnittliche Wahlerfolge erzielt – bei den jüngsten Landtagswahlen in Baden-Württemberg stimmten 37% (+11), in Rheinland-Pfalz gar 39% (+21) für die AfD.[2] Ideologie, Programmatik und politische Praxis der Partei widersprechen aber elementaren Lohnarbeitsinteressen.
Mehr noch, die AfD und ihre Vorfeldorganisationen[3] machen sich zur Speerspitze eines Angriffs auf die Arbeit und die Gewerkschaften, wie er gegenwärtig von erheblichen Teilen der kapitalistischen Eliten inszeniert wird. Zur Begründung dieser These betrachte ich die Programmatik der Partei, skizziere Sichtweisen ihrer Wählerschaft, beleuchte den sozial-ökologischen Umbau als neues Politikfeld und begründe, warum es der AfD in der Praxis gelingt, antagonistische Interessen in einem »sozialen Block der radikalen Rechten«[4] zu verbinden.[5]
Machtressourcen von Lohnabhängigen – Maßstab für Arbeitsnähe
Zuvor sei jedoch in Erinnerung gerufen, woran sich messen lässt, wie sich politische Parteien zu den Interessen von Lohnabhängigen verhalten. In einer Zeit, in der es klassische sozialistische Arbeiterparteien nicht mehr gibt und kollektive Lohnarbeitsinteressen in erster Linie von Gewerkschaften vertreten werden, empfiehlt Michael Barthel, die Verfügung über Machtressourcen zum Maßstab zu machen[6] – ein Vorschlag, dem ich gerne nachkomme. Beginnen wir mit einer doppelten Machtasymmetrie in den Kapital-Arbeit-Beziehungen, die zu korrigieren selbst bekennende Liberale wie Lujo Brentano einst für selbstverständlich hielten. Arbeiter*innen sind »Warenverkäufer«. Da sie weder über Produktions- noch über sonstige Unterhaltsmittel verfügen, stehen sie unter »Angebotszwang«. Hinzu kommt, dass sich die verkaufte Arbeitskraft nicht von der Person des Verkäufers trennen lässt.[7]
Klaus Dörre ist Professor i.R. am Institut für Soziologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena, inzwischen Gastprofessor am Kassel Institut for Sustainability der Universität Kassel. Zuletzt schrieb er in Heft 2-2026 von Sozialismus.de zu »Perspektivwechsel in der ›Faschisierungs‹-Debatte«.
[1] Lehning, T. (2026): Analyse: Ist die AfD eine Arbeiterpartei? Tagesschau vom 29.3.2026; www.tagesschau.de/inland/afd-vermeintliche-arbeiterpartei-analyse-100.html.
[2] Ergebnisse laut Infratest.dimap; landtagswahl-2026-rlp.swr.de/public/ec/ergebnis-rheinland-pfalz-analyse.html; Meisoll, A. (2026): Nach Wahl-Debakel bei der SPD: Spricht die AfD die Arbeiter besser an? www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/spd-in-baden-wuerttemberg-keine-arbeiter-partei-mehr-100.html#:~:text=.
[3] Zu den Vorfeldorganisationen gehören rechte Betriebsratslisten und Pseudogewerkschaften wie das »Zentrum«, das »Bündnis freie Betriebsräte« oder die »IG Beruf und Familie«. Bei den noch laufenden Betriebsratswahlen sind diese AfD-nahen Vereine bisher deutlich hinter ihren Erwartungen zurückgeblieben.
[4] Dörre, K. (2023): In der Warteschlange. Arbeiter*innen und die radikale Rechte, Münster, 2. Aufl., S. 210. Von radikaler Rechter spreche ich, weil die Klassifikation als rechtspopulistisch im Falle der AfD und ihres in Teilen gewaltbereiten Umfelds eine Verharmlosung wäre. Zumindest beim national-sozialen Flügel der Partei kann durchaus von einem neuen Faschismus ausgegangen werden, der die liberale in eine bonapartistische Demokratie verwandelt, um schließlich eine autoritär-oligarchische Herrschaftsform zu errichten. (ebd., S. 243ff). Die Bezeichnung »radikal« nutze ich auch, um einen Extremismusbegriff zu vermeiden, der verkennt, dass die Treiber des neuen Autoritarismus im politischen Zentrum der Gesellschaft zu suchen sind. Dabei ist mir bewusst, dass »radikal« im Sinne von »das Übel an der Wurzel fassen« im Sinne radikaler Demokratie auch positiv konnotiert sein kann. Zu den Treiber des neuen Autoritarismus ausführlich: Frankenberg, G./Heitmeyer, W. (2024): Authoritarian developments as a threat to democracy and pluralism, in: dies. (Hrsg.): Drivers of Authoritarianism. Paths and Developments at the Beginning of the 21st Century. Glos/Northampton, S. 2–58.
[5] Soweit nicht anders vermerkt, stützt sich die Argumentation auf eine noch laufende Untersuchung, die in Kooperation mit dem Projektträger ITAS (Marcus Galle, Peter Cremer) und der IG Metall in Südwestsachsen sowie kontrastierend in der Region Kassel/Nordhessen (aktuell n = 80) durchgeführt wird. Auszüge aus den Interviews wurden sprachlich geglättet und so verfremdet, dass die Befragten anonym bleiben. Für wichtige Hinweise danke ich Jan Rottenbach sowie Thomas Knabel und den Delegierten der IGM-Konferenz Zwickau.
[6] Barthel, M. (2024): Die AFD und das kollektive Arbeitsrecht. HSI-Working Paper Nr. 20; www.boeckler.de/de/faust-detail.htm?sync_id=HBS-009002.
[7] Brentano, L. (1890): Arbeitseinstellung und Fortbildung des Arbeitsvertrags. Leipzig.


