30. Oktober 2026 Erhard Korn: Clara Zetkins Briefe 1924–1933

Die sozialdemokratische Bolschewistin

Als Clara Zetkin 1932 zur Eröffnung des Reichstags als Alterspräsidentin auftreten sollte, reiste die Todkranke trotz aller ärztlichen Mahnungen von Moskau nach Berlin – konspirativ, denn es gab faschistische Morddrohungen. 1931 war sie nach Moskau gefahren, um sich ein Bild von der Situation im Südosten der Sowjetunion zu machen, vor allem von der Situation der Frauen in den überwiegend muslimischen Regionen.

Doch ihre Krankheiten verhinderten, dass sie Bett und Hotelzimmer verlassen konnte, und nur mit Mühe und Unterstützung ihres Sohnes Kolja konnte sie sich in einem Sanatorium etwas erholen. Tagelang blieb sie bewegungsunfähig, konnte kaum noch schreiben und lesen. In den »Restaurationsbriefen«, den Bänden III/1 und III/2 der Briefausgabe zu den Jahren 1924-1933[1] begegnen uns diese Alltagsnöte der alten Sozialistin, aber auch ihr eiserner Wille, ihre Pflicht zu tun. Der Herausgeber Jörn Schütrumpf forschte wie ein Archäologe, zunächst nach den Artefakten, dann nach deren Zuordnung zu Ereignissen, Organisationen und Personen, von denen nur noch wenige bekannt sind, viele aber den stalinistischen Säuberungen nicht nur politisch, sondern auch körperlich zum Opfer fielen.

Noch schlimmer als die körperlichen empfand Zetkin ihre politischen Schmerzen. Die entstanden durch die Restauration des Militarismus und seines Repräsentanten Hindenburg und den Aufstieg des Faschismus, den sie 1923 schon gründlich analysiert hatte. Vor allem aber durch die Abwendung ihrer sozialdemokratischen Partei hin zum Bündnis mit dem Militarismus zur Niederschlagung des sozialistischen Aufbruchs von 1918. Und zunehmend durch die Unfähigkeit der neuen kommunistischen Weltpartei, den in Gewerkschaften organisierten Kern der Arbeiterklasse zu gewinnen, oder, wo man ihn gewonnen hatte, zu halten, geschweige denn, die Frauen zu aktivieren.

Das braun-rote Volksbegehren

Im Februar 1931 hatte der rechte Frontkämpferverband »Stahlhelm«, dessen Ehrenpräsident der Reichspräsident Hindenburg war, ein Volksbegehren zur Auflösung des preußischen Landtags eingebracht, das von Deutschnationalen, der nationalliberalen DVP und der NSDAP unterstützt wurde. Ziel der Rechtsparteien war es, die »rote Diktatur«, also die Koalitionsregierung von SPD, Zentrum und Demokraten unter Otto Braun zu stürzen und das republikanische Bollwerk Preußen zum Ausgangspunkt einer rechten Reichsregierung zu machen.

Die SPD hatte 1928 die Reichstagswahlen gewonnen mit der Losung »Kinderspeisung statt Panzerkreuzer«, während danach ihr Reichskanzler Hermann Müller (SPD) eben diesen Panzerkreuzerbau aus Koalitionsgründen umsetzen musste. Nach Müllers Scheitern verfolgte die SPD eine Politik der »Tolerierung« gegenüber dem Kanzler Brüning, der mit Notverordnungen Sozialabbau, Kürzungspolitik und weiteren Panzerkreuzerbau durchsetzte. Um den Faschismus zu verhindern, wurde die SPD erpressbar. Der Zentrumskanzler Brüning drohte mit dem Bruch der Koalition in Preußen und zwang so die SPD zur »bedingungslosen Kapitulation« auf Reichsebene, so Ossietzky, während die Zentrumspartei sich gleichzeitig nach rechts hin zu einem Bündnis mit der extremen Rechten öffnete.

Nach dem »Blutmai« 1929 war die preußische Regierung bei der KPD besonders verhasst. Der SPD-Innenminister Albert Grzesinski hatte am 1. Mai alle Demonstrationen verboten. Die KPD, so kritisierte Zetkin, bemühte sich aber nicht um ein breites Bündnis gegen das alle Gewerkschafts­traditionen verletzende Verbot.

Erhard Korn ist stellvertretender Vorsitzender der Rosa Luxemburg Stiftung Baden-Württemberg. Zuletzt schrieb er in Heft 7-2026: »Rote Fahne, schwarzes Kreuz. 100 Jahre religiöse Sozialisten«.

[1] Clara Zetkin: Die Restaurationsbriefe (1924-1933) Band III/1 und III/2. Herausgegeben von Jörn Schütrumpf. Berlin: Karl Dietz Verlag 2026, zitiert als R.

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