28. November 2025 Hajo Funke: Zum Tod von Micha Brumlik

Erinnerungen an einen Großen

Micha Brumlik ist kurz nach seinem 78. Geburtstag am 10. November 2025 gestorben und bereits am 14. November auf dem jüdischen Friedhof Weißensee in Berlin beigesetzt worden.

Micha wurde am 4. November 1947 als Kind jüdischer Eltern in Davos geboren, die sich in die Schweiz hatten retten können. Er war als knapp 5-Jähriger überhaupt nicht davon überzeugt, in dieses Deutschland zurückzukehren, als die Eltern entschieden, in das von Trümmern geprägte Frankfurt am Main zu gehen. Seine Existenz war geprägt vom Trauma der Eltern, insbesondere seiner Mutter, deren Schwester in der Shoah ermordet worden war. Das Bild seiner Mutter stand in Frankfurt auf seinem Schreibtisch und im Pflegeheim in der Meineckestraße auf seinem Nachttisch.

Seine Identifizierung mit Israel trieb ihn als Jugendlicher nach Israel, aus dem er wenig später enttäuscht zurückkehrte. Aber seine Bindung an Israel blieb, seinen Menschen und dem, was Israel versprochen hat: Juden eine sichere Existenz zu geben. Umso schärfer und unversöhnlicher wird später seine Kritik am Kurs des langjährigen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu sein – und seine nie unterdrückte Hoffnung auf ein würdiges, nicht diskriminiertes Leben der Palästinenser, sei es als Staat neben Israel oder als deren integrierter Teil, wie er dies in Anlehnung an die Ideen des Philosophen Omri Boehm später vertrat.

Er war nach seiner Rückkehr aus Israel ein sehr eigenständiger Linker und wie selbstverständlich in undogmatischen und demokratischen Organisationen aktiv, so im Sozialistischen Büro. Insofern hielt er sich in den späten 1968er-Jahren von dogmatischen Kommunisten wie von der auch in Frankfurt vertretenen gewalttätigen Militanz fern. Früh plädierte er in der vom Sozialistischen Büro herausgegebenen Zeitschrift »links« in einer ganzen Serie von Artikeln dafür, den in der damaligen Szene durchaus umstrittenen Jürgen Habermas ernst zu nehmen.

Wie kaum jemand anderer war er auf der Suche nach einer Republik, die sich aus dem autoritären, antisemitischen und rassistischen Erbe herauskämpft und sich von diesem befreit. Davon zeugt sein öffentlicher Streit in den für die Aufarbeitung des Nationalsozialismus so entscheidenden 1980er-Jahren. 

Hajo Funke ist Professor im (Un)Ruhestand an der Freien Universität Berlin, engagiert sich im Kampf gegen rechts und für die Beendigung der aktuellen Kriege durch Verhandlungslösungen. Letzte Buchveröffentlichung: »AfD-Masterpläne. Die rechtsextreme Partei und die Zerstörung der Demokratie. Eine Flugschrift« (VSA: Verlag Hamburg 2024).

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