29. Januar 2026 Claus-Jürgen Göpfert: Einer Keimzelle der Revolte droht nach bald 65 Jahren das Aus

»Frankfurt ohne Club Voltaire? Des gehd ned!«

Es ist nur ein schmalbrüstiges, kleines Haus aus dem 19. Jahrhundert in einer stillen Seitengasse in der Innenstadt von Frankfurt am Main und kann leicht übersehen werden. Und doch wird in Kleine Hochstraße 5 seit langer Zeit politische und Kulturgeschichte geschrieben.

Der »Club Voltaire« bündelt hier seit 1962 wie unter einem Brennglas gesellschaftliche Entwicklungen in Deutschland – und hat sie beeinflusst: mit unzähligen Diskussionen in den nur knapp 100 Quadratmeter umfassenden Räumen auf zwei Stockwerken, vor allem in der Kneipe mit ihrer niedrigen Decke, mit Konzerten und Filmvorführungen. Oft ist es überfüllt, sitzen die Menschen auf dem Boden, drängen sich an der Theke gleich hinter dem Eingang. Viele, die dorthin kamen, träumten von einer Überwindung des kapitalistischen Gesellschaftssystems und kämpften dafür – und tun es noch immer.

Doch damit könnte es nun bald vorbei sein. Über Jahrzehnte haben rechte politische Kräfte, hat insbesondere die CDU auf ein Aus des Clubs gedrängt, gab es Versuche, die karge finanzielle Unterstützung der Stadt zu kappen. Doch das gelang nie: Stets hat er öffentlich erfolgreich dagegengehalten. Es sind die Gesetze des Kapitalismus, die nun das Ende bringen sollen. Die Hausbesitzer wollen den Ende 2026 auslaufenden Mietvertrag nicht mehr verlängern. Sie sind entschlossen, den wirtschaftlichen Mehrwert für sich zu erhöhen, wollen das Haus verkaufen. In der europäischen Finanzmetropole Frankfurt mit ihren horrenden Mieten, die vielen Menschen das Leben schwer machen, ist das ein alltäglicher Vorgang.

Kann das Ende des Clubs noch abgewendet werden? Frankfurts Oberbürgermeister Mike Josef (SPD) ist über das drohende Aus informiert, ebenso die Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD). Beide haben ihre Unterstützung zugesagt, Hartwig spricht sich für einen Kauf des Hauses durch die Stadt aus. Doch derzeit gibt es unklare Verhältnisse im Stadtparlament, ein schwaches Regierungsbündnis aus Grünen, SPD, FDP und Volt war 2025 zerbrochen. Am 15. März 2026 stehen Kommunalwahlen an – und in Frankfurt ist ein Erstarken der rechten Kräfte von CDU und AfD zu befürchten, also erklärten Gegnern eines linken Zentrums. Für einen Kauf des Hauses Kleine Hochstraße 5 bräuchte es eine politische Mehrheit. Und die ist nach den Kommunalwahlen eher unwahrscheinlich.

Ein politisches Lehrstück vollzieht sich da gerade, wie die Geschichte des Club Voltaire insgesamt viel von Entwicklungen in den zurückliegenden knapp 65 Jahren erzählt. 1962 waren es proletarische Jugendliche, junge Kommunisten und Sozialdemokraten, die den Treffpunkt gründeten. Else Gromball gehörte zu diesem Kreis – vor kurzem feierte sie ihren 90. Geburtstag, natürlich mit einem Fest im Club. Gromball, Tochter eines Monteurs aus dem Frankfurter Arbeiterviertel Gallus, gehörte der kommunistischen Freien Deutschen Jugend (FDJ) an, bis diese 1954 von der reaktionären Bundesregierung unter Kanzler Konrad Adenauer (CDU) verboten wurde. Dann wechselte sie in die sozialdemokratische Jugendorganisation Die Falken, wo sie Heiner Halberstadt kennenlernte, ihren Partner fürs Leben.

Die Gründung des Clubs im November 1962 ist eine Reaktion auf die Situation im Adenauer-Staat: Junge Menschen begehrten auf gegen die repressive Stille, die der Staat ihnen verordnen wollte. Es gärte in der Republik – Vorboten der landesweiten Revolte einer Generation, die dann 1968 ausbrechen sollte. Oft waren es noch vermeintlich unpolitische Proteste, die sich Anfang der 1960er-Jahre Bahn brachen – in musikalischer Form, durch Rock und Jazz, die damals aus den USA in die Bundesrepublik überschwappten, sehr zum Verdruss der deutschen Obrigkeit. In Frankfurt am Main, dem europäischen US-Hauptquartier mit vielen amerikanischen Soldaten, war der Jazz zuhause wie sonst nirgendwo im Nachkriegsdeutschland.

Claus-Jürgen Göpfert ist Journalist und Autor, zuletzt schrieb er in Heft 1-2026: »Die Mörder trugen schwarze Stiefel. Bosnien-Herzegowina, 30 Jahre nach dem Dayton/Paris-Friedensabkommen«.

Die komplette Leseprobe als pdf-Datei!

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