26. Juni 2020 Thomas Kuczynski

Fritz Behrens als Kritiker des Neuen Ökonomischen Systems

Der Wirtschaftswissenschaftler Fritz Behrens (1909-1980), dessen Todestag sich am 15. Juli zum 40. Mal jährt, wird heute vor allem als einer der führenden Köpfe unter den sozialistischen Wirtschaftsreformern der DDR angesehen. Das ist nicht ganz falsch, trifft aber nur auf eine sehr kurze Zeitspanne seines wissenschaftlichen Lebens zu.

Behrens war zweifellos der klügste und hellsichtigste unter den vielen in der DDR tätigen Ökonomen,[1] und daher sah er schon bald nach der 1963 erfolgten Einführung des »Neuen Ökonomischen Systems der Planung und Leitung der Volkswirtschaft« dessen Mängel und formulierte seine Kritik, zunächst sehr rücksichtsvoll, aber – wie wir noch sehen werden – nicht rücksichtsvoll genug.

In den Jahren zuvor, präziser: seit Anfang 1957, war er der am meisten und am nachhaltigsten gescholtene Reformökonom der DDR, einer der »Hauptangeklagten« in der »Revisionismus«-Kampagne von 1957/58 und schon deshalb nicht in die Ausarbeitung des »Neuen Ökonomischen Systems« einbezogen worden. So schrieb er denn auch dem damaligen ZK-Sekretär Kurt Hager am 7. Januar 1961 ganz offen, »dass Genossen ängstlich sind und die Hosen voll haben, wenn sie meinen Namen auf einem neuen Manuskript lesen...«[2]

Behrens war das, was Gramsci einen »organischen Intellektuellen« des Proletariats genannt hat.[3] Nach dem Abschluss einer Lehre als Maschinenbauer fuhr er einige Jahre als Maschinist zur See, holte später sein Abitur nach und studierte danach Wirtschaftswissenschaften und Statistik in Leipzig, wo er 1936 mit einer Arbeit promovierte, die als klandestin-marxistisch zu bezeichnen ist, also in einer Sprache geschrieben, die Lenin die »verfluchte äsopische«[4] genannt hat. Politisch begann sein Lebensweg in der Sozialistischen Arbeiterjugend, von dort ging es nacheinander zur SPD, dann zur SAP, dann zur KPD-O und schließlich, 1932, zur KPD. In der Nazizeit leistete er einerseits illegale Arbeit, andererseits gelang es ihm, beruflich als Statistiker zu »überwintern«, was ihn nach 1945 und bis in die 1950er Jahre hinein für einige übereifrige Funktionäre und auch für die Staatssicherheit verdächtig machte.[5]

Das verhinderte allerdings nicht seinen Aufstieg in hohe wissenschaftliche und politische Positionen. Von 1945 bis 1957 war er – teils nach-, teils nebeneinander – Professor für Politische Ökonomie und Statistik sowie Gründungsdekan der Gesellschaftswissenschaftlichen Fakultät an der Universität Leipzig, einer der Gründungsdirektoren des Instituts für Wirtschaftswissenschaften an der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin sowie, als Leiter der Staatlichen Zentralverwaltung für Statistik, Mitglied des Ministerrats der DDR.

Thomas Kuczynski war der letzte Direktor des Instituts für Wirtschaftsgeschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR und ist seit 1992 freischaffend tätig in Forschung und Publizistik, u.a. als ­Autor im Marx-Engels-Jahrbuch und in der Zeitschrift Luna­park21. 2017 gab er im VSA: Verlag die von ihm bearbeitete »Neue Textausgabe« des ersten Bands von Karl Marx’ »Das Kapital« heraus. In Sozialismus.de schrieb er zuletzt in Heft 10-2019 »Woran ist der Sozialismus in der DDR gescheitert? Was bei einer Wirtschaftsgeschichte bedacht werden muss«.
Sein Beitrag beruht auf dem Manuskript eines Vortrags, der auf dem aus Anlass des 100. Geburtstags von Theodor Bergmann veranstalteten Symposion am 19. März 2016 in Stuttgart gehalten worden war. Da die ursprünglich vorgesehene Publikation der Beiträge nicht realisiert worden ist, wird der Vortrag nun aus Anlass des 40. Todestages von Fritz Behrens unverändert veröffentlicht. – Sämtliche Zitate sind der neuen Rechtschreibung angepasst.

[1] Zu seiner Biografie vgl. Helmut Steiner: Notizen zu einer »Gesellschaftsbiographie« des Fritz Behrens (1909-1980). In: »Ich habe einige Dogmen angetastet...« Werk und Wirken von Fritz Behrens. Beiträge des 4. Walter-Markov-Kolloquiums. Herausgegeben von E. Müller, M. Neuhaus und J. Tesch, Leipzig 1999, S. 13-32; Thomas Kuczynski: Fritz Behrens und seine rätekommunistische Kritik sozialistischer Reform. In: Reformen und Reformer im Kommunismus. Für Theodor Bergmann. Eine Würdigung. Herausgegeben von Wladislaw Hedeler und Mario Keßler, Hamburg 2015, S. 36-52.
[2] Vgl. im Nachlass von Fritz Behrens, der im Archiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (Berlin) aufbewahrt ist (im Folgenden: NLB), die Nr. 120 (unpaginiert), dort den Brief an Kurt Hager vom 7. Januar 1961.
[3] Vgl. Antonio Gramsci: Gefängnishefte. Bd. 7, Hamburg 1996, S. 1500 (Heft XII, § 1).
[4]  Vgl. W.I. Lenin: Werke. Bd. 22, Berlin 1960, S. 191 (Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus. Vorwort).
[5] Vgl. Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (im Folgenden: BStU). Außenstelle Leipzig. Allg. P. 2114, einem die Zeit bis 1955 erfassenden Restbestand aus der Kreisstelle Leipzig, Bl. 5 (Stellungnahme des SED-Kreisvorstandes Leipzig zu Genossen Prof. Fritz Behrens vom 4.7.1949) u. Bl. 38 (Entwurf, m. hs. Korr., Fernschreiben der SfS BV Lpz. Abt. V/4 an SfS Berlin Referat Auslandsreisen v. 29.4.1954); SfS ist die Abkürzung des damals kurzzeitig dem Innenministerium eingegliederten Staatssekretariats für Staatssicherheit. – Es handelt sich hier um einen zufällig erhalten gebliebenen Restbestand aus dem vom MfS zu Behrens gesammelten Material, denn das meiste wurde wohl schon in den 1980er Jahren vernichtet.

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Quelle: https://www.sozialismus.de/detail/artikel/fritz-behrens-als-kritiker-des-neuen-oekonomischen-systems/