30. Oktober 2026 Kai Burmeister/Jendrik Scholz: Suchbewegungen am Beispiel Baden-Württembergs
Funktioniert gewerkschaftliche Erneuerung in Krisensituationen?
Gewerkschaften im Südwesten sind als Massenorganisationen nach wie vor politisch handlungsfähig und betrieblich verankert. Allerdings werden die Strukturdefizite größer und sichtbarer. Deshalb ist jetzt ein guter Startpunkt für eine Orientierungsdebatte, die neben Stärken auch Defizite ansprechen muss.
Die gewerkschaftliche Stärke resultierte bisher insbesondere aus ihrer guten Verankerung in der »ersten Welt der industriellen Beziehungen«, »vornehmlich in der verarbeitenden Industrie des exportorientierten Sektors« und in »Kernbereichen des öffentlichen Dienstes« sowie bei Post, Bahn.[1] Während die Verankerung in der »zweiten« und »dritten Welt«, unter anderem in kleinen und mittleren gewerblichen Unternehmen, im stark gewachsenen privaten Dienstleistungssektor und in der akademisch dominierten Wissensarbeit schwach entwickelt war und ist.
Genau diese »erste Welt«, die Domäne der Gewerkschaften im dualen System deutscher Interessenvertretung mit Tarifverträgen und mit Betriebsräten, gerät mit der Wirtschafts- und Strukturkrise des (südwest-)deutschen Exportmodells unter Druck. Betroffen sind die Automobilindustrie, der Maschinenbau und die Chemieindustrie, entsprechende Auseinandersetzungen um Arbeit bei Audi in Neckarsulm, bei Mercedes und Bosch in Stuttgart oder bei ZF am Bodensee zeugen davon. Die historisch entstandene Technologieführerschaft rund um den Verbrennungsmotor scheint an ihr Ende gekommen zu sein. Das Automobil der Zukunft hat eine Batterie und steckt voller Software – beides stammt zukünftig wohl nicht (mehr allein) aus Baden-Württemberg bzw. Deutschland. Gewerkschaftliche Organisationsmacht im Sinne des Machtressourcen-Paradigmas ist damit massiv bedroht.
Zwar sind rund 750.000 Menschen in Baden-Württemberg Mitglied einer DGB-Gewerkschaft, und damit ist der DGB neben gleichfalls schrumpfenden Kirchen und Sportvereinen die größte zivilgesellschaftliche Organisation. Der Blick auf den Organisationsgrad unter den Beschäftigten ergibt für Süddeutschland einen Wert von nur noch 11,6% (2003: 15,5%).[2] Während die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten auf fünf Millionen gestiegen ist, kam es zu erheblichen Strukturveränderungen. Natürlich verlieren Gewerkschaften wie Kirchen Mitglieder durch den demografischen Wandel, vor allem aber ist die Mitgliederentwicklung unter Druck, weil sie die anhaltenden Verschiebungen der Südwestwirtschaft in ihrer Organisationsentwicklung selbst nicht hinreichend nachvollziehen können. Während in den letzten drei Jahren im verarbeitenden Gewerbe über 80.000 Arbeitsplätze verloren gegangen sind, verzeichneten der öffentliche Dienst und die Bereiche Bildung, Erziehung und Gesundheit Zuwächse von 83.000 Beschäftigten. Offenbar sind die Gewerkschaften in den neuen, wachsenden, innovativen und wissensintensiven Branchen noch nicht ausreichend Akteur für faire Arbeitsbedingungen und gute Tarifverträge. Nach vorne formuliert muss es um Erschließung und Ausweitung der gewerkschaftlichen Organisationsmacht in allen Sektoren gehen.
Gewerkschaftliche Erfolge in Zeiten des rechten Aufschwungs?
Die Ergebnisse sowohl der Betriebsratswahlen als auch der Landtagswahl zeigen Unterschiedliches: Die Gewerkschaften haben die Betriebsratswahlen eindrucksvoll gegen die neue rechtsextremistische Konkurrenz gewonnen. Rechtsextremisten sind nur in wenigen Betrieben angetreten und blieben dort hinter eigenen Erwartungen zurück. Gleichzeitig war die AfD bei den Landtagswahlen gerade unter männlichen Arbeitern sehr erfolgreich (AfD: 18,8%, dagegen SPD: 5,5%, Linke: 4,4%).
Kai Burmeister ist DGB-Vorsitzender in Baden-Württemberg. Jendrik Scholz arbeitet dort als Abteilungsleiter Arbeits- und Sozialpolitik. Der Text entstand aus einem Vortrag Kai Burmeisters bei der gemeinsamen Regionalkonferenz gewerkschaftliche Erneuerung der Rosa-Luxemburg-Stiftung Baden-Württemberg und dem DGB Südbaden am 9. Oktober an der Universität Freiburg.
[1] Anke Hassel/Wolfgang Schroeder: Gewerkschaften 2030 – Rekrutierungsdefizite, Repräsentationslücken und neue Strategien der Mitgliederpolitik, WSI-Report Nr. 44, November 2018, S. 4.
[2] Lennart Eckle: Regionale Verankerung der Gewerkschaften in Deutschland, IW-Kurzbericht 14/2026, S. 2, mit SOEP-Daten.


