28. August 2026 Robert Hinke

Gewerkschaften in der Repräsentationskrise

Diagnosen einer Krise des westlichen Modells liberaler Demokratie bestimmen die politische Debatte. Populistische Herausforderungen von rechts münden regelmäßig in Plädoyers, unsere Demokratie tagtäglich aufs Neue zu verteidigen. Ideologiekritisch wird dabei meist versucht, die Programmatik rechtspopulistischer Parteien, Organisationen und ihrer Protagonist*innen zu entlarven.

Während die Demokratie auf rhetorischer Ebene verteidigt wird, bleiben die tieferliegenden gesellschaftspolitischen Strukturprobleme weitgehend unterbelichtet. Generell besteht die Neigung, moralischen Appellen gegenüber politökonomischen Analysen den Vorzug zu geben.

Zugleich besteht parteiübergreifend weitgehend Einigkeit darüber, dass der Rechtspopulismus auf ein Repräsentationsproblem verweist. Meist ist von einer vergessenen oder ungehörten Arbeiter*innenschaft die Rede, die sich im politischen Raum kaum noch repräsentiert sieht. Im gleichen Atemzug wird dabei der Sozialdemokratie eine Abwendung von Arbeiter*innen-Interessen vorgehalten; in dieser Deutung trägt sie die Hauptverantwortung für die gegenwärtige Krise.[1] Die Repräsentationskrise wird hierbei gerne auf ein politisch-kulturelles oder gar bloß kommunikatives Problem verkürzt. Ihre politisch-kulturellen Ursachen sind real; sie werden aber missverstanden, wenn ihre materiellen und institutionellen Grundlagen ausgeblendet bleiben.

Nicht nur der Politikbetrieb, auch die Gewerkschaften sehen sich angesichts veränderter und sich weiterhin verändernder Rahmenbedingungen einem anhaltenden Erneuerungsbedarf ausgesetzt.[2] Im Folgenden sollen einige für die Zeitdiagnose zentrale Felder der Repräsentationsproblematik skizziert und auf ihre Bedeutung für die gewerkschaftliche Strategiebildung hin befragt werden. Nicht zuletzt geht es dabei um die Frage, ob die Gewerkschaften selbst ein Repräsentationsproblem haben – und damit auch um ihr eigenes Selbstverständnis.

1. Repräsentationskrise als Ent-/Demokratisierung[3]

Um die Repräsentationskrise ernst zu nehmen und nicht im Appellativen zu verharren, muss man sich mit den Folgen eines sich verändernden politischen Systems, den systemischen Zwängen des Gegenwartskapitalismus und den Effekten Sozialer Medien für die Demokratie befassen. Andernfalls bleibt man bei einer moralinsauren Verteidigung des Status quo stehen, dessen gravierende Fehlentwicklungen mit dem Begriff der »Postdemokratie« (Crouch 2008) längst prägnant beschrieben sind. Dabei muss man die damit regelmäßig verbundenen Annahmen einer Elitenverschwörung, politischer Apathie oder bloßer Scheinpartizipation gar nicht teilen. Entscheidend ist vielmehr die Einsicht, dass demokratische Institutionen formal intakt bleiben können, während ihre repräsentative Substanz zunehmend erodiert (ebd.).

Die Krise hat dabei eine doppelte Bewegung. Einerseits vollzieht sich – in Anlehnung an Manow (2019, 2024) – eine »Entdemokratisierung der Demokratie«: Entscheidungen werden verlagert, entpolitisiert oder vermeintlichen Sachzwängen unterworfen. Andererseits verändert sich die politische Öffentlichkeit selbst. Mit Habermas gesprochen erleben wir einen »erneute[n] Strukturwandel der politischen Öffentlichkeit« (Habermas 2022: 40). Social Media setzt einen Partizipationsschub frei, der sich jenseits bestehender Repräsentationsstrukturen und vielfach gegen etablierte Repräsentant*innen richtet – und insofern als ambivalente »Demokratisierung der Demokratie« verstanden werden kann.[4]

Dr. Robert Hinke ist Landesfachbereichsleiter für Gesundheit, Soziale Dienste, Bildung und Wissenschaft bei ver.di Bayern. Zuletzt schrieb er in Heft 7-8/2025 zum Dienstleistungsproletariat in Krankenhäusern und in Heft 12/2025 zur Organisierung von Servicegesellschaften.

[1] Dass die BSW-Gründung als Abspaltung von der Linkspartei ebenso dieser Logik folgte, sich dabei dem Links-Rechts-Schema zu entziehen meinte, sei erwähnt. Zu Merkels Zeiten wurde hingegen die Sozialdemokratisierung der Union problematisiert, womit deren national- oder rechtskonservativer Flügel verweist wäre.
[2] Hinsichtlich des Bruchs mit dem Fordismus, siehe Hinke (2003); bezogen auf Suchbewegungen der Erneuerung Brinkmann u.a. (2008), Hinke (2008) und Schmalz/Dörre (2013).
[3] Philip Manow hat im Titel seines 2020 aufgelegten Buches »Ent-« in Klammern gesetzt, was schon deshalb konsequent ist, da er die aktuellen populistischen Herausforderungen insgesamt eher als eine neue Etappe der Demokratisierung fasst und Kippunkte ins Autoritäre geradezu bagatellisiert.
[4] Habermas (2022) selbst betrachtete das »gute Argument« einer deliberativen Demokratie als gefährdet, weshalb er anders als Manow (2024) weniger einen Demokratisierungsschub als eine Deformierung demokratischer Öffentlichkeit und ihrer Kriterien einer rationalen und verallgemeinerbaren Entscheidungsfindung am Werke sieht.

Die komplette Leseprobe als pdf-Datei!

Zurück