27. Februar 2026 Gespräch mit Apostolis Kapsalis über Arbeitsrechte, Tarifverhandlungen und die Lage der Gewerkschaften
»Griechenland ist Warnung und Vorbote«
Die rechtsgerichtete Regierung unter Premierminister Kyriakos Mitsotakis von der Neuen Demokratie (Nea Dimokratia) setzte in Griechenland in den vergangenen Monaten weitreichende Verschlechterungen der Arbeitsrechte durch.
Trotz Mobilisierungen zu Generalstreiks können die Gewerkschaften wenig effektive Gegenwehr leisten. Phoebe Daliani und Boris Kanzleiter von der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Athen sprachen mit dem Arbeitsrechtler Apostolis Kapsalis über die Angriffe auf Arbeitsrechte und die Probleme der Gewerkschaften. Kapsalis ist Assistenzprofessor am Fachbereich Sozialpolitik der Panteion-Universität Athen. Seit 22 Jahren ist er als Arbeitsbeziehungsforscher am Arbeitsinstitut des griechischen Gewerkschaftsbundes (INE/GSEE) tätig und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Sozialen Polyzentren des Dachverbands der Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes (ADEDY). Im Jahr 2015 war er am Beginn der SYRIZA-Regierung Sondersekretär der Arbeitsinspektion beim griechischen Arbeitsministerium. Kapsalis hat im Auftrag der RLS Athen die umfassende Studie »Krise ohne Ausweg? Über die zukünftige Entwicklung des griechischen Gewerkschaftssystems« erarbeitet: Sie liegt in Buchform auf Griechisch vor und wurde im Januar auf einer Konferenz in Athen vorgestellt.
Griechenland wird häufig als Experimentierfeld neoliberaler Arbeitsmarktreformen beschrieben. Ein aktuelles Beispiel ist die Legalisierung extrem langer Arbeitstage – einschließlich der Möglichkeit, bei mehreren Arbeitgebern bis zu 13 Stunden täglich zu arbeiten. Hinzu kommen Einschränkungen des Streikrechts, die Schwächung von Tarifverträgen und eine zunehmende Individualisierung der Arbeitszeit. Sehen Sie Griechenland vor dem Hintergrund Ihrer Forschung und der Diskussionen auf der Konferenz eher als Ausnahme – oder als Vorboten für den Abbau von Arbeitsrechten in anderen Teilen Europas?
Apostolis Kapsalis: Bereits zu Beginn der wirtschaftlichen Rezession und der Schuldenkrise sowie mit der Unterordnung des Landes unter das Regime der »Memoranden« von EU-Kommission, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds im Jahr 2010 wurde Griechenland als Versuchskaninchen für tiefgreifende strukturelle Reformen auf dem Arbeitsmarkt bezeichnet – Reformen, die sogar über die Grenzen neoliberaler Flexibilisierung in anderen europäischen Ländern hinausgingen und potenziell exportfähig schienen. Diese Einschätzung erwies sich jedoch aus drei Gründen als falsch.
Erstens fungierte bereits das Jahrzehnt vor der Krise, die 2000er-Jahre, als Labor für die Einführung unterschiedlicher Geschwindigkeiten bei Arbeitsrechten – differenziert etwa nach Alter, Staatsangehörigkeit oder Beschäftigungsstatus im öffentlichen und privaten Sektor. Hunderttausende Lohnabhängige gerieten so in Zonen reduzierter rechtlicher Absicherung und schwacher gewerkschaftlicher Vertretung: die wachsenden Heere der »Outsider« und flexibel Beschäftigten. Nach 2010 wurden diese Deregulierungsinstrumente verallgemeinert und trafen nahezu alle Beschäftigten – ohne Differenzierung und ohne die Möglichkeit einer gemeinsamen, klassenübergreifenden Gegenwehr.
Zweitens waren in keinem anderen Land – selbst nicht in jenen, die ebenfalls unter Memoranden gestellt wurden – die arbeitsfeindlichen Gesetzesänderungen zugleich so tiefgreifend und so langfristig. Griechenland steht faktisch bis 2060 unter verschärfter wirtschaftspolitischer Aufsicht.
Drittens wird in den meisten europäischen Ländern die Arbeitszeitfrage weiterhin kollektiv geregelt, häufig im Rahmen einer Tendenz zur Verkürzung der Wochenarbeitszeit. In Griechenland hingegen wurden in den letzten zwei Jahren gezielt gesetzliche Änderungen eingeführt, die eine einseitige Anordnung von Arbeit am sechsten Wochentag durch den Arbeitgeber ermöglichen – mit Ausnahme des Tourismussektors – sowie 13-Stunden-Arbeitstagen an bis zu 40 Tagen pro Jahr, beim selben oder bei unterschiedlichen Arbeitgebern.
Griechenland bleibt also weiterhin eine Ausnahme im europäischen Kontext.
Ihr Buch wurde im Januar im Rahmen einer gut besuchten öffentlichen Konferenz vorgestellt, die intensive und produktive Diskussionen zwischen Wissenschaftler*innen, Gewerkschafter*innen und Aktivist*innen auslöste. Was hat diese Debatte über den aktuellen Stand der Auseinandersetzung um Arbeitsrechte und Gewerkschaften in Griechenland gezeigt?
Die Entscheidung, das Buch im Rahmen einer pluralistisch besetzten Tagung vorzustellen, bestätigte eindrucksvoll eine doppelte Notwendigkeit in der griechischen Situation.


