27. Juni 2021 Forum Gewerkschaften: WSI-Arbeitskampfbilanz 2020 – Streiks unter Pandemie-Bedingungen

Keine »tarifpolitische Agonie«

Als im vergangenen Frühjahr Abwehrmaßnahmen gegen das hochinfektiöse Covid-19-Virus unumgänglich wurden, war auch die Tarifpolitik der Gewerkschaften vor gänzlich neue Herausforderungen gestellt.

»Unter den Bedingungen eines umfassenden gesellschaftlichen Lockdowns wurden im Frühjahr viele Tarifverhandlungen zunächst ausgesetzt. Hierbei gab es eine Art ›Streikpause‹ bei der – von sehr wenigen Einzelfällen abgesehen – für einen Zeitraum von zweieinhalb Monaten sämtliche Arbeitskampfmaßnahmen eingestellt wurden«, so Heiner Dribbusch, Jim Frindert und Thorsten Schulten in der WSI-Arbeitskampfbilanz 2020.[1]

Doch unmittelbar im Anschluss daran waren die gewerkschaftlichen Interessenvertretungen mit den Fragen konfrontiert, wie sie in Zeiten der wirtschaftlichen Krise, unter Bedingungen eines »social distancing«, mit erheblichen Teilen der Belegschaften in Kurzarbeit bzw. im Homeoffice weiterhin Handlungsfähigkeit unter Beweis stellen sollten.[2]

Dabei hatten sich die Prioritäten verschoben. Als sich in der ersten Corona-Welle im Frühling 2020 zeitweilig sechs Millionen Beschäftigte in Kurzarbeit befanden, stand in zahlreichen Branchen nicht eine Erhöhung der Entgelte, sondern die Sicherung der Beschäftigung ganz oben auf der Tagesordnung. In der Metall- und Elektroindustrie verständigten sich die Tarifkontrahenten im Rahmen eines »Solidar-Tarifvertrages« auf den Abschluss eines »Krisenpaketes«, in dem die Entgelte bis Ende 2020 festgeschrieben und neben betrieblichen Aufstockungsregelungen zum Kurzarbeitergeld zusätzliche Betreuungstage für Beschäftigte mit Kindern aufgrund von Kita- und Schulschließungen vereinbart wurden.

Keine Agonie

Trotz der schwierigen Rahmenbedingungen sind die Gewerkschaften nicht in eine tarifpolitische Agonie abgeglitten, stellt der WSI-Report fest: In der Tarifrunde 2020 wurden von den DGB-Gewerkschaften für insgesamt zehn Millionen Beschäftigte neue Tarifabschlüsse vereinbart.

[1] Jim Frindert/Heiner Dribbusch/Thorsten Schulten: WSI-Arbeitskampfbilanz 2020. Streiks unter den Bedingungen der Corona-Pandemie, Report April 2021.
[2] Vgl. Richard Detje/Dieter Sauer: Corona-Krise im Betrieb. Empirische Erfahrungen aus Industrie und Dienstleistungen. Hamburg 2021.

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Quelle: https://www.sozialismus.de/detail/artikel/keine-tarifpolitische-agonie/