24. März 2020 Björn Wendt/Michael Walter/Marcus B. Klöckner: Zur Aktualität von C. Wright Mills
Machtstrukturforschung und Postdemokratie
»Radikalismus kommt in detaillierten und überzeugenden Analysen zum Ausdruck, nicht in Namen oder Parolen«.[1] Viele Zeitgenossen nahmen den US-amerikanischen Soziologen C. Wright Mills (1916-1962) vor allem als einen radikalen politischen Aktivisten wahr, der lautstark gegen die Missstände seiner Zeit aufbegehrte.
Insbesondere seine Abrechnung mit der amerikanischen Kubapolitik[2] und die Demaskierung des öffentlichen Selbstbilds vieler Amerikaner*innen, aber auch seine Treffen mit Fidel Castro und Che Guevara diskreditierten ihn in weiten Teilen der US-Gesellschaft.
Und dies blieb nicht ohne Folgen. Das FBI überwachte Mills, er erhielt eine Morddrohung und noch sechs Jahre nach seinem frühen Tod im Alter von 45 Jahren betrachtete ihn die CIA in Bezug auf die weltweiten Proteste von 1968 als einen der »weltweit einflussreichsten Intellektuellen der Neuen Linken«.[3]
Mills’ politische Biografie als radikaler Außenseiter und Sozialkritiker spiegelt jedoch nur eine Seite seines Lebens wider. Als Professor für Soziologie war er ein in seiner Disziplin geschulter und anerkannter Wissenschaftler – der heute als ein Klassiker betrachtet werden kann, dessen Wissenschaftsverständnis von »geradezu zeitloser Gültigkeit«[4] ist. Als Rollenmodell für eine zugleich professionelle, wie kritische und öffentlich engagierte Soziologie hat er nichts an Aktualität eingebüßt. Im Zeichen der kürzlich erschienenen Neuausgabe von »Die Machtelite«, das als Standardwerk der kritischen Elitenforschung gilt, möchten wir in den folgenden Ausführungen die wissenschaftliche wie auch politische Aktualität von Mills großem Werk in den Blick nehmen.
Die Machtelite
Im Zentrum von Mills umfangreichem Werk steht seine Trilogie über die Machtstrukturen der US-Gesellschaft. Nachdem Mills in seinen Studien The New Men of Power (1948) und White Collar (1951) zunächst untersuchte, wie die organisierte Arbeiterschaft und die Mittelschicht der Angestellten sich als passive, ökonomisch und politisch entfremdete Subjekte in den von ihm beschriebenen strukturellen Wandlungsprozess Amerikas hin zu einer postmodernen, durchbürokratisierten Massengesellschaft einfügen, wendete er sich in The Power Elite (1956) der amerikanischen Oberschicht zu, um zu fragen, inwiefern die Spitze der US-Gesellschaft als geschichtswirksame Kraft betrachtet werden kann.
Björn Wendt ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie der Universität Münster. Michael Walter ist Soziologe mit den Schwerpunkten visuelle Soziologie, Wirtschaftssoziologie sowie Hegemonie- und Machtforschung. Marcus B. Klöckner ist Journalist und Buchautor. Gemeinsam haben sie 2019 im Westend-Verlag C. Wright Mills’ Buch »Die Machtelite« neu herausgegeben. Zusammen mit Sascha Pommrenke gaben sie 2016 im VSA: Verlag das Buch »Wie Eliten Macht organisieren. Bilderberg & Co.: Lobbying, Think Tanks und Mediennetzwerke« heraus, das 2020 in einer unveränderten Neuauflage erschien.
[1] Mills, C. Wright: Letters and Autobiographical Writings, Berkeley 2000, S. 52.
[2] Mills, C. Wright: Listen, Yankee. The Revolution in Cuba, New York 1960.
[3] Summers, John H.: The Deciders. www.nytimes.com/2006/05/14/books/review/14summers.html.
[4] Lessenich, Stephan: Soziologische Phantasie, gestern und heute. Vorwort zur deutschsprachigen Neuausgabe, S. 13. In: Mills, C. Wright: Soziologische Phantasie, Wiesbaden 2016, S. 7-21.
[5] Burawoy, Michael: Open Letter to C. Wright Mills, 2007, burawoy.berkeley.edu/PS/Open%20Letter%20to%20Mills.pdf.


