28. März 2024 Ulrike Eifler

Nur ziviler Stahl ist Zukunft

Im Dezember 2022 wurde bekannt, dass der Panzerhersteller Krauss-Maffei Wegmann (KFW) die traditionsreiche FWH Stahlguss GmbH in Mühlheim an der Ruhr übernommen hatte. FWH steht für Friedrich-Wilhelm-Hütte. Das Unternehmen hat eine über 200 Jahre alte Geschichte und ist bis heute eng verwoben mit der Rüstungsindus­trie. Es ist das einzige Werk deutschlandweit, das eine Lizenz für die Anfertigung der härtesten Stahllegierungen hat – solche, die für den Bau von Panzersystemen von besonderer Bedeutung sind.

Mit dem Krieg in der Ukraine und dem Aufrüstungskurs der Bundesregierung stellen sich daher für die Gewerkschaften die alten Konversionsdebatten mit neuer Aktualität.

Eine Ausblendung der Widersprüche kann schnell zu Lasten traditioneller friedenspolitischer Positionen gehen. Das zeigt das gemeinsame Positionspapier, auf das sich jüngst IG Metall und Rüstungslobby verständigt hatten. Die Verwendung von Stahl in der Rüstungsindustrie erfordert daher eine friedenspolitische Schärfung des gewerkschaftlichen Transformationsdiskurses. Was soll aus grün produziertem Stahl hergestellt werden und was nicht? Und welchen Sinn hat die nachhaltige Stahlherstellung, wenn der grüne Stahl anschließend in Panzern verbaut und als ausgebrannter Stahlschrott auf blutgetränkten Schlachtfeldern herumsteht?

Die Dekarbonisierung der Grundstoffindustrie

Die Stahlproduktion nimmt als Grundstoffindustrie im Prozess der sozial-ökologischen Transformation eine Schlüsselrolle ein. Denn die Branche emittiert mehr CO₂ als jede andere. Das hängt damit zusammen, dass die konventionelle Stahlherstellung für die Reduktion der Eisenerze große Mengen Koks verwendet. Emissionen entstehen durch den Abbau von Eisenerz und die chemische Abtrennung des Sauerstoffs. Gleichzeitig spielt Stahl eine erhebliche Rolle in unzähligen Wertschöpfungsketten, die für die Energie- und Klimawende wichtig sind. So wird das Produkt in Windkrafträdern, Bussen, Zügen, Industrieanlagen oder im Häuser- und Brückenbau verarbeitet. Die Stahlkonzerne Salzgitter, ThyssenKrupp und Arcelor Mittal haben sich daher das Ziel gesetzt, den Umbau zur klimaneutralen Produktion bis 2050 abzuschließen.

Inzwischen ist es technisch möglich, das CO₂ zu eliminieren und so den Kohlenstoff-Fußabdruck bei der Stahlerzeugung zu reduzieren. Eine Möglichkeit ist die Herstellung von Stahl aus Stahlschrott in Elektrostahlwerken, da Stahl nahezu unbegrenzt und zu einhundert Prozent recyclebar ist. Eine andere Möglichkeit ist die Direktreduktion. Dabei wird Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff aufgespalten. Mit Hilfe des Wasserstoffs wird der Sauerstoff im Eisenerz entfernt. Anstelle von Koks wird also das Eisenerz durch Wasserstoff reduziert – das Produkt wird als Eisenschwamm bezeichnet und in einem Elektrolichtbogenofen zu Stahl weiterverarbeitet. Wird der Wasserstoff mit Hilfe fossilfreier Elektrizität erzeugt, fallen die Kohlendioxidemissionen aus der Produktion weg. Der so erzeugte Stahl ist fossilfrei. Dieses Verfahren wird gegenwärtig von allen großen Stahlherstellern Deutschlands favorisiert.

Beschaffenheit von Stahl

Ingesamt 3.500 unterschiedliche Stahlsorten gibt es derzeit weltweit: Sie sind je nach Einsatzbereich in unterschiedlichen Qualitäten und chemischen Zusammensetzungen erhältlich. Im Grunde bestehen alle Arten aus den beiden Grundelementen Eisen und Kohlenstoff. Erst durch die Hinzugabe weiterer Elemente entstehen die Unterschiede. So wird beispielsweise die Haltbarkeit und Festigkeit von Stahl durch die Beigabe von Mangan und Phosphor bestimmt und die Rostfreiheit durch eine Chromlegierung erzielt.

Ulrike Eifler ist Bundessprecherin der BAG Betrieb & Gewerkschaft in der Partei Die Linke. Zuletzt schrieb sie in Heft 2-2024 »Über falsche Sätze in leeren Schränken und die Wut einer Bildungsaufsteigerin« zum Erstlingsroman der französischen Schriftstellerin Annie Ernaux.

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