29. Januar 2026 Klaus Dörre: Progressive Arbeiter*innen haben eine bessere Gesellschaft im Blick
Perspektivwechsel in der »Faschisierungs«-Debatte
Der gesellschaftliche und politische Rechtsruck, den wir gegenwärtig erleben, verläuft keineswegs geradlinig; es gibt Gegenbewegungen, Widerständigkeit, Kampf und demokratisches Aufbegehren. Unübersehbar ist jedoch auch: Das Wiedererstarken von Die Linke beruht auf einem Umverteilungseffekt innerhalb des linken Lagers.
Neben dem Generationenwandel haben die Erosion der Sozialdemokratie und die Schwäche der Grünen Chancen für die eine Linkspartei geschaffen, die sich dem Rechtsruck entschlossen widersetzt. Das ändert aber nichts daran, dass die Parteien mitte-links ihre Mehrheitsfähigkeit verloren haben.
Zugleich ist die AfD zu einem stabilen Faktor im politischen System geworden. Im Osten ist sie Volkspartei, inzwischen aber auch im Westen flächendeckend in allen Regionen, Klassen und Schichten präsent. Sie punktet selbst in migrantischen Milieus und steht im Osten an der Schwelle zur Mehrheitsfähigkeit. Die Partei und ihre Vorfeldorganisationen prägen Weltsichten und Gesellschaftsbilder. Besonders schmerzlich ist, dass die AfD bei der Bundestagswahl 2025 mit 38% der Stimmen erneut zur stärksten Partei in der Arbeiterschaft geworden ist.[1] Unter Produktionsarbeiter*innen ist sie besonders stark, während nicht nur die Parteien mitte-links und mitte-rechts in dieser Großgruppe, die je nach Zählweise noch immer zwischen sieben und acht Millionen Erwerbstätige umfasst, immer schwächer geworden sind. Organisierende Klassenpartei zu sein, ist für Die Linke mit Blick auf die Industriearbeiterschaft ein hehrer Anspruch, der vorerst uneingelöst bleibt.
Für einen Perspektivwechsel: progressive Arbeiter*innen
Wie ist zu erklären, dass eine programmatisch marktradikale Partei wie die AfD[2] in der Arbeiterschaft derart punktet, dass sie diese Großgruppe in ihrer Wahlkampfstrategie bereits zur sicheren Stammwählerschaft zählt? Was können Gewerkschaften, gesellschaftliche und politische Linke dem entgegensetzen? Aus meiner Sicht wird es kurzfristig kaum gelingen, Stammwähler*innen der AfD in großem Ausmaß zurückzugewinnen. Für die absehbare Zukunft muss es vor allem darum gehen, das demokratische Lager halbwegs zu stabilisieren und dafür zu sorgen, dass nicht immer mehr Menschen nach rechts außen driften. Um dieses Ziel zu erreichen, müsste zweierlei geschehen. Erstens gilt es, genauer zu verstehen, was Teile der Arbeiterschaft in die ausgebreiteten Arme der radikalen Rechten treibt. Zweitens ist jedoch ein Perspektivwechsel nötig. Statt ausschließlich über die extreme Rechte zu sprechen, muss es darum gehen, denjenigen zu einer öffentlichen Stimme zu verhelfen, die sich dem Rechtsruck entschlossen widersetzen. So wichtig es ist, dem Agieren von AfD und Vorfeldorganisationen in der Arbeitswelt Aufmerksamkeit zu widmen, so wenig darf aus dem Blick geraten, dass 62% der Arbeiter*innen eben nicht extrem rechts gewählt haben.[3]
Um den Blickwinkel zu korrigieren, möchte ich auf ein Phänomen hinweisen, das in den öffentlichen Debatten nicht mehr vorkommt: progressive Arbeiter*innen, die den gesellschaftlichen Umbau mit der Vision einer besseren Gesellschaft für alle verbinden.
Klaus Dörre ist Professor im Ruhestand am Institut für Soziologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena, inzwischen Gastprofessor am Kassel Institut for Sustainability der Universität Kassel. Bei diesem Beitrag handelt es sich um die ausgearbeitete Fassung von Statements, die der Autor zum Auftakt der Programmdiskussion von Die Linke vorgetragen hat. Die Podiumsdiskussion wurde aufgezeichnet unter www.youtube.com/watch?v=t9RdLGOMHds.
[1] Infratest dimap (2025): Bundestagswahl. Wahlverhalten nach Bevölkerungsgruppen. www.tagesschau.de/inland/bundestagswahl/wahlverhalten-bevoelkerungsgruppen-umfragen-bundestagswahl-2025-100.html. Die Arbeiter-Kategorie wird in demoskopischen Umfragen höchst unpräzise genutzt. Erhoben werden Einkommensklassen und/oder beruflicher Status und Selbstverortungen. Nach unserem Klassenmodell ist die Konventionelle Arbeiterklasse mit 38,8% noch immer die relative Mehrheitsklasse. Die Industriearbeiterschaft ist darin eine zwar schrumpfende, zahlenmäßig aber noch immer relevante Klassenfraktion. Vgl: Butting, Oskar/Dörre, Klaus/Fülöp, Nora (2025): Klasse, Klima, Konflikt. Gesellschafts- und Naturbewusstsein in der Transformation. In: Dörre, Klaus u.a. (Hrsg.): Umkämpfte Transformation. Konflikte um den digitalen und ökologischen Wandel. Frankfurt am Main: Campus, S. 41–100, hier: S. 47.
[2] So verspricht die Partei in ihren Kernforderungen zur Bundestagswahl einerseits eine »Rückkehr zu den Grundwerten der Sozialen Marktwirtschaft mit einem klaren Fokus auf die Förderung von Mittelstand, Unternehmertum und Innovation«, Steuersenkungen und Beschneidung des Bürgergelds. Andererseits plädiert sie für eine »schrittweise Erhöhung des Rentenniveaus«, eine zukunftssichere Infrastruktur und die »bessere Honorierung medizinischer Berufe« sowie den »Ausbau der ärztlichen Versorgung im ländlichen Raum«, ohne zu erklären, wie das finanzierbar ist, wenn der Staat die »Schuldenbremse konsequent einhalten« soll. Vgl.: AfD (2025), »Kernforderungen AfD–Wahlprogramm 2025«, 23.1.2025, o.O.
[3] Arbeiter*innen üben sich überdurchschnittlich häufig in Wahlenthaltungen; in erheblichen Teilen dürfen sie nicht wählen, weil sie keine deutsche Staatsbürgerschaft besitzen.


