1. Oktober 2000 Dieter Prokop

Postfordistischer Lebenskampf und ein Erlösung versprechender Diktator

Falls noch jemand nicht weiß, was das ist: Big Brother wird von der niederländischen Produktionsfirma Endemol produziert – sie gehört dem spanischen Medienkonzern Telefonica – und vom Fernsehkanal RTL 2 gesendet. RTL 2 zielt die angeblich kaufkräftigen, jedenfalls jungen Leute an, der Marktanteil der 14-29-Jährigen liegt bei 12,5%, der 14-49-Jährigen bei 8,5%. Verschwiegen wird gern, dass das Publikum aller kommerziellen Kanäle eher niedriges Einkommen und niedrige Schulbildung hat (Klingler: Fernsehforschung, S. 23, 144).

Von der ersten Staffel vom März bis Juni soll hier die Rede sein. In Big Brother wurden fünf Frauen und fünf Männer gezeigt, die sich für 100 Tage in eine Baracke einsperren ließen, in der sie Tag und Nacht von Kameras beobachtet wurden (in der zweiten Staffel, die von September bis Dezember läuft, sind es 12 Personen und 106 Tage). Die Zusammenfassungen der Beobachtungen eines Tages werden am nächsten Tag gezeigt, jeden Abend. Alle 14 Tage muss ein Teilnehmer die Baracke verlassen. Das war in der ersten Staffel so geregelt, dass zuerst die Eingesperrten zwei ihrer Mitbewohner benennen, »Nominierung« wird das genannt. Dann haben die Zuschauer eine Woche Zeit, per Telefon einen der beiden rauszuwählen (in der zweiten Staffel ist das Rauswähl-Verfahren umgekehrt, die Zuschauer »nominieren« zuerst). Wer am Ende übrigbleibt, erhält 250.000 DM.

Die erste Staffel von Big Brother erreichte bei den für die Werbung attraktiven 14-29-Jährigen einen Marktanteil von 30-40%. 36% aller Zuschauer waren Schülerinnen und Schüler. Bei den Erwerbstätigen überwogen die Angestellten. Die Hälfte der Big-Brother-Seher hatte eine niedrige Schulbildung. (Mikos: Im Auge der Kamera, S. 153ff.)

Erniedrigung

An Big Brother interessiert das sportliche Wettspiel: Es geht darum, die Überlebenschancen der Handelnden abzuschätzen und Prognosen aufzustellen, wer mehr, wer weniger Chancen hat. Solche Spiele werden überall gespielt, im Actionfilm, beim Fußball. Natürlich hat das seinen Reiz, und es ist falsch, das Angucken derartiger Spiele »Voyeurismus« zu nennen. »Voyeurismus« ist ein Begriff, den man auf das Enthüllen und Betrachten des Verborgenen, Geheimen anwenden sollte, auf das Betrachten von Intimität. Das ist nicht das Thema von Big Brother, denn:

Erste These:
In »Big Brother« werden die Teilnehmer erniedrigt, aber nicht so weit, dass das Wort »Voyeurismus« notwendig wäre, sondern nur so weit, wie es notwendig ist, um »Lebenskampf« zu dramatisieren.

Der Große Bruder ist überall. Er zeigt die Leute im Schlafzimmer, beim Duschen, in Überwacherperspektive, und auch beim Kloputzen. Das ist erniedrigend. Aber hier ist das Betrachten von Erniedrigung nur ein Element unter vielen. Genau so häufig wird auch Glück gezeigt: Die Leute tanzen, sie freuen sich wenn eine Aufgabe gelingt, sie liegen in der Sonne, sie streicheln die Baracken-Katze. Aber ein gewisses Maß an Erniedrigung ist dramaturgisch notwendig, schließlich sollen die Beteiligten nicht nur in der Sonne liegen, sie sollen als Überlebenskämpfer inszeniert werden.

Deswegen müssen sie auch »back to Basics«: mit knappem Warmwasser und Brennholz auskommen, sparsam haushalten, Brot selbst backen, Hühnereier direkt vom Huhn holen (in einem Verschlag leben ein paar irritierte Hühner). Außerdem haben die Lebenskämpfer an Problemen zu arbeiten: John, der Zimmermann und Slatko, der Arbeiter, sind arbeitslos. John hatte eine schwere Kindheit, Slatko gierte nach den 250.000 DM Siegerprämie, während alle anderen beteuerten, dass sie ganz und gar nicht ans Geld denken. Sabrina, die Dachdeckerin, hatte Schulden und keinen Freund. Alex, der Edelkneipenbesitzer und Kerstin, die Schauspielschülerin, suchten »Herausforderungen«. Jürgen, der Facharbeiter, wollte seiner kleinen Tochter zeigen, dass er durchhält. Andrea, die Freischaffende ohne Karriereglück, ertrug keinen Gruppendruck, nahm aber »ihr Schicksal in der Gruppe auf sich«. Deswegen ist es auch falsch, in Big Brother eine große Puppenstube zu sehen. In Puppenstuben gibt es nur artige Rollen. Hier aber gab es Erniedrigte, Probleme und Lebenskampf. Man betrachtet eine Inszenierung, mit von der Regie klar herausgearbeiteten Charakteren und Handlungslinien. Man darf gespannt sein, ob in der neuen Staffel Charaktere und Handlungslinien genau so gut und klar herausgearbeitet werden.

Die Eingesperrten machten viel Alltags-Konversation. Meistens ging es um die eigenen Gefühlchen und Befindlichkeiten. Die Beobachteten durften etwas im kommerziellen Fernsehen längst Akzeptiertes zur Schau stellen: Narzissmus. Ungenierte Selbstdarstellung ist gesellschaftlich gestattet. Jeder darf in den Talkshows sein Inneres veröffentlichen. Jeder darf ein wenig Aufsehen erregen – solange er nicht mehr präsentiert als seine persönliche Deformation. Indem sie alles Problematische ausklammern, erhoffen sich die Erniedrigten das Überleben.

Abschießen der Unangepassten

Zweite These:
Für die Zuschauer ist Big Brother ein Abschieß-Spiel. Wir dürfen abschätzen, wer im Lebenskampf stark und wer schwach ist, und wir dürfen die Schwachen abschießen.

Dritte These:
Die Big Brother-Shows tun so, als gehörten sie zum Format der Seifenopern, Docusoaps – in Wirklichkeit sind es Talkshows – ohne Talkmaster.

Kein Talkmaster sorgt – als Instanz der ausgleichenden Gerechtigkeit – dafür, dass alle Beteiligten die gleichen Chancen haben. Jetzt gibt es nur noch Kameras, die das freie Spiel der Kräfte beobachten, Starke und Schwache. Darin ist Big Brother ein Modell des Postfordismus, der Globalisierung, des Neoliberalismus. Abgeschossen werden die Schwachen. Schwach sind die Unbeholfenen, die ständig jammern; schwach sind aber auch die Unbescheidenen und Größenwahnsinnigen. Slatko flog raus, weil er unbescheiden wurde, Jürgen siegte nicht, weil er größenwahnsinnig geworden war. Als Zuschauer schätzen wir ab, wer angepasst genug ist, um zu überleben. Oder wie John, der Sieger, es sagte: »Positiv denken, sonst kann man das nicht durchziehen.« Und bescheiden sein. John machte sich nützlich und hielt das Maul. Der Mitläufer hat gesiegt.

Reaktionäres

Vierte These:
Big Brother fasziniert, weil darin ein populistischer Diktator falsche Hoffnungen macht. In Orwells Roman 1984 war der Große Bruder ein Schreckensbild der Diktatur. Jetzt maskiert er sich zwar, er wird als Helfer inszeniert, er »lässt einen nicht allein«, er »ist immer da«. Aber in einer Zeit, in der die Wegrationalisierung von Arbeitsplätzen »Freisetzung« oder »Abrundung« genannt wird, kann man diesem Großen Helfer nicht trauen. Sieht man genauer hin, ist dieser Big Brother nichts anderes als das Schicksal im Zeitalter von Postfordismus, Globalisierung, Neoliberalismus: Er ist immer da – als Bedrohung von Ruhe, Sicherheit, Zufriedenheit und Karrierehoffnung. Er schafft immer neue Aufgaben, Hindernisse, die zu bewältigen sind, wenn man Erfolg haben will. Wenn die Teilnehmer bei einer Aufgabe versagen, kriegen sie weniger Haushaltsgeld. Die Aufgaben, die er schafft, werden als willkürlich empfunden.

In der ersten Folge hatten die Lebenskämpfer den Überwacher und Diktator ständig zu besingen: Sie sangen: Big Brother ist OK. Vielleicht wollten die Veranstalter sehen, wie weit sie gehen können, was Menschen, die nach Erfolg gieren, alles schlucken. Keiner der Eingesperrten sagte: »Nein, so was singe ich nicht.« Insofern sind die Eingesperrten Testkaninchen, Experimentier-Ratten. »Wir machen ja alles mit«, sagen sie danach, und man spürte, dass es ihnen auf die Nerven ging.

Fünfte These:
Weil Big Brother größenwahnsinnige Fantasien anspricht, wird ihm eine gewaltige Marketing-Macht unterstellt.

Erstaunlich ist der Glaube in der Öffentlichkeit an das Raffinierte der Vermarktungstechniken der Fernsehfirmen Endemol und RTL 2. Der Erfolg des Arbeiters Slatko, der mit seinem Ich vermiss dich wie die Hölle-Song angeblich Millionen gemacht hat, scheint das zu bestätigen. In den Monaten danach standen Slatko und Jürgen mit dem Song Du bist mein Großer Bruder auf Platz 1 der Hitliste. Die Schnellverwertung löst bei vielen von Arbeitslosigkeit Bedrohten Erlösungsfantasien aus. Der Diktator gibt seinen Untertanen Hoffnung: Er lässt sie hoffen, sie könnten allein durch ihn superreich und berühmt werden. Mittels Vermarktung scheint alles möglich, und das auch noch ohne Anstrengung, ohne Qualifikation. Die Erlösungshoffnungen wurden in den nachbereitenden Sendungen in Einkaufsfantasien kanalisiert: Kaum aus dem Container raus, gehen die frisch gemachten Stars in die Boutiquen: »Endlich ein paar geile Klamotten!« So schafft RTL 2 das freundliche Umfeld für Werbung, bereit für Werbeaufträge, ausgerichtet auf die Zielgruppe der Konsumfreudigen.

Und wir, die Zuschauer und Objekte dieser Akquisitionsstrategie, erhalten den Ratschlag: »Leb, ja, leb wie Du dich fühlst, ja, ja«. So lautete der Titelsong von Big Brother. Das war ein Lied der Gegenreform: Verlass Dich nicht auf Deinen Verstand. Sei voll Gefühl.

Ein Diktator als Helfer in der Not, Medienkonzerne mit unbegrenzter Marketing-Macht und viel Zuschauer-Gefühl: Das ist die schöne neue Fantasiewelt.

Emanzipatorisches

Sechste These:
Big Brother fasziniert auch, weil es darin freiheitliche Momente gibt: die Suche nach dem Glück im Hier und Jetzt.

Wir, die Zuschauer, sind nicht nur brutale Moorhuhn-Abknaller und Zocker. Wir sehen immerhin fasziniert zu, wie Menschen durch taktische Kommunikationsarbeit etwas aus sich machen wollen. Das sind Leute, die die Erlösung im Hier und Jetzt suchen. Es sind Leute, deren Erlösung in Geld und Anerkennung besteht. Sie versuchen, sich selbst aus dem Sumpf zu ziehen, indem sie kommunizieren und taktieren. Manche lehnen Big Brother als »kulturlos« ab, solchen Mist sehen sie sich nicht an: Ablehnung wird zum Intelligenznachweis. Demgegenüber halte ich die Zuschauer, die den »Trash« ansehen, für die Intelligenteren: Das ist nicht mehr das Publikum von Dallas und Denver Clan, das die Leiden von göttergleichen Reichen und Schönen beobachtete und sich daran erfreute, dass es Göttern dreckig geht. Wenn Fernsehzuschauer – selbst vom Leben geplagt – keine leidenden göttlichen Stars mehr brauchen, wenn die Stellvertreter ihrer Leiden jetzt reale Menschen sind – ist das nicht ein Fortschritt? Dass dieser Fortschritt nicht tadellos sauber zu haben ist, also ohne die reaktionären Fantasien vom erlösenden Diktator, liegt daran, dass Fantasien so sind wie die Gesellschaft, aus der sie hervorgehen.

Dieter Prokop ist Professor für Kritische Medienforschung am Schwerpunkt Kulturindustrie der Universität Frankfurt.
Sein neuestes Buch »Der Medien-Kapitalismus. Das Lexikon der neuen kritischen Medienforschung« ist im VSA-Verlag erschienen.

Quelle: https://www.sozialismus.de/detail/artikel/postfordistischer-lebenskampf-und-ein-erloesung-versprechender-diktator/