25. September 2025 Guido Brombach: Lernen in eigener Sache mit KI in der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit

Selbstbestimmt lernen, um gemeinsam zu handeln

Im Seminarraum herrscht eine lebendige Atmosphäre: Kleine Gruppen aus Betriebsrät*innen und Vertrauensleuten sitzen verteilt – einige an Tischen, andere auf dem Teppich mit Laptops oder Notizen vor sich. Aus einem Nebenraum hört man Stimmen, die angeregt über ein Fallbeispiel diskutieren, bei dem sich ein Betriebsratsgremium mit einem KI-gestützten Verfahren auseinandersetzt, das bei Personalauswahl eingesetzt werden soll.

An der Wand projiziert eine Gruppe ihre Rechercheergebnisse zum »Wandel der Arbeit« mithilfe eines Beamers. Einzelne Teilnehmende scrollen konzentriert durch Webseiten oder schauen Videos, andere probieren Apps wie ChatGPT oder Google Lens auf dem Smartphone aus und diskutieren über das »Für und Wider« von Dequalifizierung durch maschinelle Unterstützung. Manche arbeiten lieber für sich und ziehen sich mit Kopfhörern und einem Tablet zurück.

In dieser Schilderung einer offenen Lernumgebung konnten die Teilnehmenden aus einer Vielzahl von Themenfeldern wählen, von der Geschichte der KI über praktische Anwendungen bis hin zu gesellschaftspolitischen Fragestellungen. Zu jedem Thema gab es Aufgaben, die praktisches Ausprobieren mit kritischer Reflexion verbanden. Die selbstgesteuerte Lernphase war dabei vollständig freiwillig, doch alle entschieden sich, Teil dieser kollektiven Ausein­andersetzung zu sein, auf ihre eigene Weise.

Alle Teilnehmenden entschieden sich für Themen in der digitalen Lernumgebung.[1] Dabei blieb die Bearbeitung zunächst stark an die Vorgabe der Referent*innen angelehnt. Spannend war: Je länger die selbstgesteuerte Lernphase andauerte, desto eigenständiger wurden die Teilnehmenden. Einige entwickelten sogar eigene Aufgabenstellungen, wenn sie mit den bestehenden nichts anfangen konnten oder sie als nicht relevant für ihre Praxis empfanden. Diese Aneignung wurde von den Referent*innen als Zeichen der Emanzipation verstanden, ein Bruch mit dem »Pflichtgefühl«, Aufgaben exakt so zu erfüllen, wie sie vorgegeben sind.

Häufig war zu beobachten, dass Kolleg*innen aus demselben Betrieb zusammenarbeiteten, nicht, weil das Thema es nahelegte, sondern weil sich vertrauensvolle Beziehungen als tragfähiger Lernboden erwiesen. Auffällig war auch die Nähe zur betrieblichen Praxis: Viele der gewählten Themen oder entwickelten Fragen bezogen sich auf Herausforderungen im eigenen Arbeitsalltag. In den anschließenden Reflexionen wurde deutlich, dass das offene Lernformat zu einer höheren Identifikation mit dem Lernprozess führte, aber auch als herausfordernd erlebt wurde. »Anstrengend« bedeutete dabei weniger kognitive Belastung, sondern eine hohe persönliche Involviertheit.

Ein zentrales Moment dieser Lern­einheit war die bewusste Abwesenheit der Seminarleitung während der Selbstlernphase. Diese Leerstelle schuf Raum für Eigenverantwortung, und darin lag der pädagogische Impuls. Im weiteren Verlauf des Seminars zeigte sich, dass Teilnehmende sich häufiger mit eigenen Fragen einbrachten, Lernstrategien reflektierten und eigene Impulse in die Gruppe trugen. Zugleich wurde deutlich, dass nicht alle Teilnehmenden mit dieser Offenheit gut umgehen konnten: Einige wünschten sich mehr Prozessbegleitung und mehr Austausch mit den Referent*innen. Das verweist auf eine wichtige Erkenntnis: Selbstgesteuertes Lernen braucht Orientierung, nicht im Sinne von Anleitung, sondern als Ermöglichung von Selbststeuerung. Der bewusste Rückzug der Seminarleitung ist kein »Sich-Zurückziehen aus der Verantwortung«, sondern eine methodische Entscheidung, Lernprozesse anzuregen, nicht zu steuern.

Selbstgesteuert Lernen heißt Verantwortung übernehmen

Die gewerkschaftliche Bildung hat seit den wegweisenden Ansätzen von Oskar Negt das exemplarische Lernen und die aktive Auseinandersetzung mit gesellschaftlicher Wirklichkeit ins Zentrum gerückt.

Guido Brombach arbeitet als Mediendidaktiker im IG Metall Bildungszentrum Sprockhövel. Im Forum Gewerkschaften erschienen bereits bisher in loser Reihenfolge Beiträge zur gewerkschaftlichen Bildungsdebatte (in Heft 10/2024: Mechthild Siegel, »Wissen – Haltung – Organisation. Erfahrungen und Erkenntnisse zur gemeinsamen Praxis der IG Metall Bildungs- und Erschließungsarbeit« und zuletzt in Heft 04/2025: Joachim Beerhorst, »Nur noch Utopien sind realistisch. Oskar Negt als Impulsgeber für die Gewerkschaften«).

[1] moodle.igmetall.de/mod/h5pactivity/view.php?id=64190.
[2] Oskar Negt: Soziologische Phantasie und exemplarisches Lernen. Zur Theorie der Arbeiterbildung, Frankfurt a.M. 1974.

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