29. November 2023 Hilde Wagner
Solidarität – eine verschwindende Kraft?
Gegenwärtig vergeht kaum ein Tag, an dem nicht in Politik und Öffentlichkeit der gesellschaftliche Zusammenhalt beschworen wird. Angesichts multipler Krisen und neuer Kriege und Flüchtlingsströme, deren weltweite Folgen noch nicht abzusehen sind, erscheint dieser »Kitt der Gesellschaft« (Bertelsmann-Stiftung) massiv gefährdet.
»Der gesellschaftliche Zusammenhalt ist die Grundlage für das Miteinander in einem offenen, demokratisch verfassten Staat. Dieser wird aktuell einem Stresstest unterzogen.« (Bundesministerium des Innern und Heimat 2023)[1] Bereits während der Corona-Pandemie wurde eindringlich an den gesellschaftlichen Zusammenhalt appelliert – und dieser nicht selten mit Solidarität gleichgesetzt. So auch Frank-Walter Steinmeier, Bundespräsident, in seiner Ansprache zur (damaligen) aktuellen Lage: » … das sind außergewöhnliche Zeiten. Viele von uns sind verunsichert … Deshalb das Wichtigste zuerst: Wir werden das Virus besiegen. Dafür bitte ich uns alle: Seien wir vernünftig! Seien wir solidarisch!« (16. März 2020, Videobotschaft)
Mit solchen Solidaritätsappellen wird nicht nur ein imaginäres »Wir« heraufbeschworen, jenseits von Oben und Unten: Wir alle soll(t)en »solidarisch« handeln im Sinne von gemeinschaftlich oder gemeinschaftsbezogen, unabhängig von unterschiedlichen Voraussetzungen. Damit wird zugleich auch das Individuum und sein Verhalten für – in diesem Fall – das Überstehen der Pandemie verantwortlich gemacht. Politische und wohlfahrtsstaatliche Verantwortlichkeiten und Probleme, wie ein kaputt gespartes und unterfinanziertes Gesundheitssystem, bleiben auf diese Weise de-thematisiert. Gleichwohl: In dieser Neukontextualisierung war und ist bis heute der Begriff der »Solidarität« – obgleich von vielen schon verabschiedet – in der Öffentlichkeit wieder da. Allerdings: »Solidarität« hat sich in diesem gängigen Verständnis zu einem anderen Wort für »Hilfsbereitschaft« und »Wohltätigkeit« verwandelt.
Richard Detje und Dieter Sauer grenzen sich in ihrer neuen Studie »Solidarität in den Krisen der Arbeitswelt«[2] von einer derartigen Umdefinition und Neuverortung von Solidarität von vornherein entschieden ab. Bereits mit der leitenden Fragestellung ihrer Studie unterlegen sie ein völlig anderes Verständnis von Solidarität. Anknüpfend an vorherige eigene Studien zur Krisenwahrnehmung von Beschäftigten während und nach der Finanzkrise (2011 und 2013), im Zusammenhang mit Rechtspopulismus in den Betrieben (2018) und zuletzt im Zusammenhang mit der Corona-Krise (2021), in denen sie vornehmlich nach Interessenverletzungen und deren Verarbeitung durch die Beschäftigten gefragt hatten, nehmen sie jetzt die umgekehrte Perspektive ein.
Hilde Wagner ist Soziologin und ehemalige Ressortleiterin in den Bereichen Tarif- und Betriebspolitik beim Vorstand der IG Metall. Zuletzt schrieb sie zusammen mit Gerhard Wick in Heft 10-2023 zu »4-Tage-Woche – eine neue Etappe im Kampf um Arbeitszeit?«
[1] www.bmi.bund.de/DE/themen/heimat-integration/gesellschaftlicher-zusammenhalt/gesellschaftlicher-zusammenhalt-node.html.
[2] Richard Detje/Dieter Sauer, Solidarität in der Arbeitswelt, Hamburg 2023. Seitenzahlen, soweit nicht anders angegeben aus diesem Buch.


