3. Juli 2026 Margit Eisl
Sophie Binet, der neue Lichtblick am französischen Gewerkschaftshimmel
Seit 2023 steht Sophie Binet, 44, als erste Frau an der Spitze der einflussreichsten französischen Gewerkschaft. Binnen kurzer Zeit hat sie es geschafft, nicht nur die CGT intern hinter sich zu einen, sie wurde zur Galionsfigur im Kampf gegen die diversen »Reformen« im Arbeits- oder Pensionsrecht. Sie bezieht in vielen Fragen offen politisch Stellung und ist medial so präsent wie kaum ein/e andere/r Gewerkschafter*in. Wie war dies möglich und wer ist diese Frau? Ein Portrait.
Die Confédération Générale du Travail ist zweifellos die bedeutendste französische Gewerkschaft mit der längsten historischen Tradition (Gründung 1895) und den größten Erfolgen im Lauf der Geschichte, beinahe immer an der Spitze großer Streikbewegungen, Demonstrationen und arbeitsrechtlichen Kämpfen. Und sie zählt auch heute noch mit der CFDT (Confédération française démocratique du travail) zu den zwei stärksten gewerkschaftlichen Organisationen Frankreichs. Während erstere traditionell der PS (Parti socialiste) nahesteht, wurde die CGT lange Zeit und wird teilweise bis heute noch mit der PCF (Parti communiste français) assoziiert, an der ein starres, patriarchales Image haftet.
Was in den ersten Jahrzehnten nach 1945 noch galt, hat sich mittlerweile sehr stark verändert. Die Generalsekretäre der letzten Jahrzehnte gehörten unterschiedlichen Parteien an. Die CGT hat sich zu einer offenen gewerkschaftlichen Bewegung entwickelt, die unter ihren aktiven Mitgliedern sowohl das gesamte linke politische Spektrum als auch Parteiunabhängige abdeckt.
Im Unterschied zu österreichischen oder deutschen Gegebenheiten, ist der französische »Syndicalisme« an keine Dachverbände gebunden – es handelt sich um voneinander unabhängige, gewerkschaftliche Organisationen, die sich – oft nur mühsam und je nach Thema – zu gemeinsamen Aktionen finden. Das schwächt zum einen die Gewerkschaftsbewegung insgesamt, macht sie aber andererseits durch die weitgehende Unabhängigkeit von politischen Parteien spontaner und lebendiger, auch im Kampf auf der Straße. Dagegen erinnern der ÖGB/DGB an einen schwerfälligen Apparat, dessen Fraktionen eng an politische Parteien gebunden sind (wie etwa die christlich-sozialen Gewerkschafter*innen an die ÖVP bzw. sozialdemokratischen an die SPÖ).
Die starke Diversität innerhalb der CGT bewirkt natürlich einen viel stärkeren Bedarf an Auseinandersetzung (die Bandbreite an politischen Zugehörigkeiten der aktiven Mitglieder reicht von der PS und PCF bis zur LFI [La France insoumise] und den Grünen [Écologistes]), da die inhaltlichen Positionen in manchen ideologischen Fragen sehr unterschiedlich sind. Aber die gemeinsamen Werte innerhalb der CGT sind klar: wie z.B. die soziale Frage im Mittelpunkt, die Abgrenzung nach rechts oder die Gleichstellung der Geschlechter. Vor diesem Hintergrund ist auch die Wahl Sophie Binets zur Generalsekretärin zu verstehen.
Gewerkschaftlicher Feminismus
Der Einsatz für das Recht auf Arbeit für Frauen – und damit für ihre ökonomische Unabhängigkeit – ist ein zentraler Kampf der CGT, der bis in die 1950er-Jahre zurückreicht. 1999 war die CGT die erste französische Gewerkschaftsorganisation, die auf nationaler Ebene Parität in ihren beiden obersten Führungsgremien einführte,
Margit Eisl ist Romanistin an der Universität Wien, ehem. Professorin an einer berufsbildenden höheren Schule.


