1. Oktober 2026 Redaktion Sozialismus.de: Die Lage der Automobilindustrie und der Konflikt um Volkswagen

»Vorstände versagen, Beschäftigte sollen zahlen?«

Die Situation in der Automobilproduktion ist zugespitzt, sowohl bei den eigentlichen Herstellern wie auch bei den Zulieferern. Die jeweiligen Managements wie die Politik nutzen die schwierige Lage aus, um die Belegschaften unter massiven Druck zu setzen und erreichte Standards zurückzudrängen.

Inzwischen hat sich auch das Management der Nobelmarke Mercedes-Benz eingereiht. Auf einer Betriebsversammlung in der Stuttgarter Schleyerhalle wiederholte der Vorstand des Konzerns vor 5.000 Beschäftigten im Werk Untertürkheim die Forderung nach einer Kostensenkung. Könnten diese nicht gesenkt werden, müssten zwei Werke in Deutschland geschlossen werden. Das Gros der langjährigen Mitarbeiter reagierte empört und lehnte es ab, fürs gleiche Geld 38 statt 35 Stunden zu arbeiten. Viele befürchten, dass sie jetzt beim Gehalt verzichten sollen, aber dann doch trotzdem Werke geschlossen werden müssen.

Die Steilvorlage dafür lieferte die Konzernspitze von Volkswagen mit dem Umgang des VW-Managements gegenüber Belegschaften, Betriebsräten und Gewerkschaften vor und nach der letzten Aufsichtsratssitzung, worauf wir gleich zurückkommen. Die Betroffenheit der Beschäftigten vor diesem Hintergrund drückte der Betriebsratsvorsitzend des Zulieferers ZF in Hannover, Jens Schäfer, der dort seit 35 Jahren arbeitet, laut Süddeutscher Zeitung so aus: »Die Stimmung in der Belegschaft ist von großer Wut geprägt. [...] Die Kollegen können die Sprüche nicht mehr hören, sie würden nicht genug arbeiten. Wir haben in den vergangenen Jahrzehnten viel für die Aktionäre verdient.«

Auch die Politik mischte sich erneut ein. Der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) schrieb einen Brief an den VW-Vorstandschef Oliver Blume, den Aufsichtsratsvorsitzenden Hans-Dieter Pötsch und die IG Metall-Vorsitzende Christiane Benner – er hatte bereits Ende August die Forderung nach einer Rückkehr zur 40-Stunden-Woche unterstützt. Laut Frankfurter Allgemeine Zeitung enthält der Brief vor allem Überlegungen, die auf ein Lohndumping hinauslaufen. Jahrelang wurde auch aus der sächsischen Staatskanzlei gefordert, die Beschäftigten der VW Sachsen GmbH (insgesamt knapp 10.000 Menschen arbeiten dort) insbesondere hinsichtlich der Bezahlung an westdeutsche Standorte anzupassen. Nachdem die IG Metall durchgekämpft hatte, dass seit kurzem auch für diese der VW-Haustarif gilt, sollen nun »kostengünstige Arbeitsmodelle jenseits der klassischen Konzernstruktur« entwickelt werden, wie es in dem FAZ-Artikel heißt. Der Vorschlag von Kretschmer ist nichts anderes als schnödes Tarifdumping und trifft auf den heftigen Widerstand der IG Metall, der Betriebsräte und der Belegschaften.

Ein kurzer Blick zurück

Dass insbesondere der VW-Konzern seit Jahren in einer schwierigen Situation steckt und immer wieder versucht, Krisensituationen auf dem Rücken der Beschäftigten auszutragen ist nicht neu. Bereits im Heft 10-2024 dieser Zeitschrift schrieb Frederic Speidel, Bezirkssekretär für Wirtschafts- und Strukturpolitik der IG Metall in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt: »Fast lässt sich die Uhr danach stellen: Etwa alle zehn Jahre kommt es bei Volkswagen zu größeren Umbrüchen, Krisen und Infragestellungen des Bestehenden. Die jeweiligen Krisenauslöser, aber viel mehr noch die entsprechenden betriebs- und tarifpolitischen Regelungen zur Problembewältigung und Krisenüberwindung, avancierten regelmäßig zu Signaturen ihrer jeweiligen Epoche: Anfang der 1990er-Jahre infolge von Struktur- und Konjunkturkrise die ›4-Tage-Woche‹, Anfang der 2000er-Jahre das ›Auto 5000‹-Modell inmitten globalisierter Produktions- und Wettbewerbsbedingungen, Mitte der 2010er-Jahre der Zukunftspakt infolge von ›Dieselgate‹ und Umstellung auf Elektromobilität und nun der Frontalangriff des Unternehmens bestehend aus der Kündigung des VW-Haustarifvertrags und einer gleichzeitigen Drohkulisse von möglichen Werksschließungen und Massenentlassungen.«

Das Schlimmste konnte Ende 2024 dank Zugeständnissen seitens der Beschäftigten und ihrer Interessenvertretung noch verhindert werden.

[1] Alexander Hagelüken: Mehr Innovation, weniger Modelle, in: Süddeutsche Zeitung vom 15.9.2026.
[2] Christian Müßgens: Ein Rettungsplan für VW in Sachsen, in: Frankfurter Allgemeine vom 26.9.2026.
[3] Zu weiteren Details, auch zu den damals angedachten Veränderungen zu den einzelnen Werken siehe Redaktion Sozialismus.de, Schmerzhafte Zugeständnisse. Der schwierige Tarifabschluss bei Volkswagen, in: Sozialis-mus.de, Heft 1/2025, S. 33f.

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