27. März 2026 Richard Detje: Ein erster Blick auf die Betriebsratswahlen 2026
Wahlen im System autokratischer Herrschaft
Nein, die Hauptherausforderung der diesjährigen Betriebsratswahlen sind nicht rechte Listen, die irreführenderweise als »freie Betriebsräte« oder »alternative Gewerkschaft« verstanden werden wollen. Ohne sie kleinzureden, kommen sie im Ranking der Probleme erst an fünfter Stelle.
So viel lässt sich nach einem Monat als erste Bestandsaufnahme sagen – die Betriebsratswahlen laufen noch bis Ende Mai. Im Juni/Juli werden erste Auswertungen für die Fläche und mit Vergleichsdaten zu den vorangegangenen Wahlen vorliegen.
Das Zentralproblem
ist die von Wahl zu Wahl fortschreitende Erosion der Mitbestimmung. Einer Untersuchung des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW)[1] zufolge verfügten bei den vorangegangenen Wahlen im Jahr 2022 nicht mehr als sieben Prozent der Betriebe über einen Betriebsrat. Damit war nur noch knapp jeder dritte Beschäftigte in der Privatwirtschaft von einem Betriebsrat vertreten. 1996 war es noch jeder zweite Beschäftigte gewesen. In diesem Jahr werden es aller Voraussicht nach noch weniger als vor vier Jahren sein.
Problem Nr. 2
Die Gründe liegen auf der Hand, womit wir bei der Nr. 2 im Problemranking wären. Jede fünfte Neugründung eines Betriebsrats wird von Unternehmensseite offensiv attackiert. Entweder in direkter Aktion von Unternehmensleitungen – bekannteste Beispiele sind Amazon bzw. Tesla mit der Installation eines unternehmensgeführten Betriebsrats – oder aber durch spezialisierte Anwaltskanzleien, die Mobbing als lukratives Geschäftsmodell betreiben. In einem aktuellen Gutachten zur »Modernisierung« der Betriebsverfassung,[2] das von der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) in Auftrag gegeben wurde, wird für einseitige Herrschaftssicherung plädiert: »Übergriffe in die unternehmerische Gestaltungsfreiheit müssen ausgeschlossen werden«, liest man dort.
Richard Detje ist Sozialwissenschaftler.
[1] Oliver Stettes: Verbreitung von Betriebsräten und der Wunsch nach Interessenvertretung. Eine Analyse auf Basis der IW-Beschäftigtenbefragung 2024, IW-Report 1–2025, Köln.
[2] Richard Giesen/Felix Hartmann/Christian Picker: Modernisierung der Betriebsverfassung, in: ZFA 2026, Heft 1, S. 43–127.


