30. April 2026 Wolfgang Müller: Armut in Dörfern, Siegeszug der Plattform-Jobs, immer mehr Superreiche
Wie geht China mit der sozialen Ungleichheit um?
Ist China noch ein Entwicklungsland? Wer die glitzernden Metropolen des Landes besucht oder die hochmodernen Werke für Elektrofahrzeuge oder humanoide Roboter besichtigt, wird sich an den Kopf fassen bei solchen Verlautbarungen aus der chinesischen Politik. Wer dagegen die Armut der chinesischen Dörfer im Nordwesten oder Südwesten des Landes erlebt, wird das bestätigen können.
Die Ungleichzeitigkeit ist ein wesentliches Charakteristikum der chinesischen Entwicklung. Das prägt auch die Erfahrungen mit der Ungleichheit in der Gesellschaft und vermutlich auch die Prioritäten der Politik.
Ein in der hiesigen China-Berichterstattung kaum beachtetes Thema über die jährliche Zusammenkunft des Nationalen Volkskongresses und der gleichzeitig tagenden Politischen Konsultativkonferenz Anfang März war die Rentenerhöhung für die Landbevölkerung. Schon vor Jahren hatten prominente chinesische Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler eine deutliche Anhebung der staatlichen Basisrente gefordert. Im Vorfeld beider Tagungen hatten 43 Delegierte aus verschiedenen Provinzen u.a. in den sozialen Medien eine massive Anhebung der staatlichen Basisrente auf 400 bis 500, teilweise sogar auf 1.000 RMB gefordert.
Die Realität der Armut auf dem Land ist trist: 2024 betrug die Mindestrente winzige 123 RMB im Monat. In diesem Jahr liegt die Mindestrente bei 163 RMB, die regional differenziert ist. 2024 lag die durchschnittliche Rentenzahlung bei ungefähr 180 RMB im Monat.[1] Hinzu kommen etwa 50 RMB monatlich garantierte Pacht für das winzige Stück Land (666 qm), das jeder Dorfbewohner durchschnittlich besitzt. Damit hat ein Landbewohner nach Eintritt des offiziellen Rentenalters – bei Männern bislang 60, jetzt steigt es in kleinen Schritten auf 63 – insgesamt weniger als 3.000 RMB im ganzen Jahr oder umgerechnet ca. 250 € im Monat. Das reicht natürlich auch in China nicht zum Leben. Ältere Landbewohner bekommen im Durchschnitt weniger als ein Zehntel der Rente eines früheren Angestellten des Privatsektors in den Städten. Diese lag 2023 nach Daten aus der Stadt Yingtan in der chinesischen Provinz Jiangxi in Südwest-China monatlich bei knapp 2.400 RMB, für ehemalige Staatsangestellte sogar bei über 5.000 RMB. Dorfbewohner in der Umgebung bekamen gerade mal 207 RMB monatlich.
Nach einer im Herbst 2024 von Regierungsorganisationen und dem chinesischen Finanzministerium veröffentlichten Erhebung beliefen sich die jährlichen Ausgaben eines älteren Landbewohners auf über 6.700 RMB. Die Bezüge aus der Basis-Rentenversicherung plus garantierte Pachteinnahmen decken also kaum 40% der regelmäßigen Ausgaben eines älteren Dorfbewohners. Bei Stadtbewohnern decken die Renten immerhin 88% der Lebenshaltungskosten. Die Bauern können auch im Rentenalter also nicht aufhören zu arbeiten. Außerdem unterstützen die in den Städten lebenden Kinder monatlich ihre armen Eltern in den Dörfern. Aber das, was sie jeden Monat ihren Eltern auf dem Land überweisen, ist deutlich niedriger als die Sozialversicherungsbeiträge, die sie monatlich zahlen und mit denen sie effektiv die Renten der städtischen Rentner finanzieren.
China hat zwei staatliche Rentensysteme: Die Beschäftigten im Privatsektor, die Staatsangestellten und die Beschäftigten der Staatsunternehmen zahlen in eine gesetzliche Rentenversicherung ein, gestaffelt nach Einkommen etc. Ihre Rente richtet sich nach den Beitragsjahren und der Höhe ihrer Einzahlungen.
Wolfgang Müller schrieb zuletzt in Heft 3-2026 »Elektrostaat gewinnt gegen Petrostaat.Die Volksrepublik China führt im Technologiekrieg«.
[1] Die im Artikel zitierten Daten sind dem Substack-Post des chinesischen Journalisten Fred Gao entnommen. Im Netzt unter: open.substack.com/pub/fredgao/p/behind-chinas-pension-divide-lies?utm_source=share&utm_medium=android&r=2hg08h


