26. Januar 2023 Florian Weis: Vom Umgang mit Ambivalenzen in der Geschichte

Willy Brandt und das Jahr 1972

In seinem Buch »71/72. Die Saison der Träumer« beschreibt Bernd-M. Beyer, so meint sein Rezensent Holger Gertz in der »Süddeutschen Zeitung«, jene Jahre als »die bewegteste Phase des Landes BRD, die zugleich auch die bewegteste Phase des Fußballs in diesem Land war«.[1]

Das darf getrost als Überzeichnung betrachtet werden, doch wird eine Verknüpfung von linkem politischen Aufbruch, sozialliberaler Brandt-Regierung und popkulturellen Entwicklungen des Öfteren vorgenommen. Der (west)deutsche Gewinn der Fußball-Europameisterschaft 1972 auf eine ungewöhnlich elegante, leichte Weise durch Günther Netzer & Co., wird so zur Illustration und leichten Überhöhung einer Phase politischer und sozialer Modernisierung herangezogen.

Die vorgezogenen Bundestagswahlen vom 19. November 1972 waren nicht nur der politische Höhepunkt eines besonders turbulenten Jahres in der bundesrepublikanischen Geschichte, sondern können auch als Zenit der sozialliberalen Reformpolitik unter dem Bundeskanzler und SPD-Vorsitzendem Willy Brandt verstanden werden. Es ist ein Jahr, das als ein besonders zugespitztes, extremes, polarisiertes erschien, was vor allem an dem knapp gescheiterten Misstrauensvotum gegen Brandt und dem heftigen Streit um die »Ostverträge« festgemacht wird. Insofern ist eine gewisse Vorsicht angebracht, wenn die gegenwärtige deutsche Gesellschaft und Politik als einzigartig extrem und polarisiert beschrieben werden.

Höchste Wahlbeteiligung, größter SPD-Erfolg

Erstmals wird die SPD im November 1972 nicht nur die stärkste Partei, sondern stellt auch die stärkste Fraktion im Deutschen Bundestag. Das wird ihr in den folgenden fünf Jahrzehnten nur noch dreimal gelingen: 1998 mit Gerhard Schröder und Oskar Lafontaine (40,9%), 2002 hauchdünn unter wiederum Gerhard Schröder (38,5%), schließlich 2021 mit Olaf Scholz, Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans (25,7%). An die 45,8% vom November 1972[2] kommt die SPD freilich nie wieder heran.

Der Konzentrationsprozess auf SPD und CDU/CSU, die zusammen fast 91% der Stimmen erreichten, zusammen mit der FDP sogar 99%, war 1972 und 1976 so hoch wie nie zuvor oder danach in der bundesrepublikanischen Geschichte. Die DKP erreicht gerade einmal 0,3% der Stimmen. Die NPD, die 1966/67 in sieben von zehn westdeutsche Landtage eingezogen war und 1969 mit 4,3% nur knapp den Einzug in den Bundestag verpasste, verschwand wieder in der Bedeutungslosigkeit. Ihr Beinahe-Erfolg 1969 macht freilich deutlich, wie knapp die erstmalige Wahl von Willy Brandt zum Bundeskanzler war, denn bei einem Überspringen der 5%-Hürde durch die NPD hätte es keine sozialliberale Koalition und keinen Kanzler Brandt gegeben. Die, je nach Lesart, erfolgreiche Integration oder Zähmung radikalerer Impulse aus der Studierenden- und Lehrlingsbewegung und in Teilen der Arbeitswelt wäre der SPD bei einer Fortsetzung der Großen Koalition kaum gelungen. Eine erfolgreiche politisch-kulturelle Integration, dies zeigt später auch die Entwicklung der Grünen, gelingt nur, wenn reale soziale Veränderungen, in diesem Sinne Teilerfolge für die Ziele radikaler Strömungen, und materielle Effekte, individuelle wie kollektive, erreicht werden, die es so den Beteiligten erlauben, sich ein Stück weit einhegen zu lassen. Weder eine linke »Verrats«- oder »Käuflichkeits«-Denunziation noch umgekehrt eine liberale Modernisierungs- und Integrationsanpreisung alleine beschreiben solche Entwicklungen ausreichend. Insofern steht auch die sozialliberale Politik unter Willy Brandt für Ambiguitäten und Dilemmata, wie sie historisch eher die Normalität als die Ausnahme darstellen. »1972« als Chiffre für eine sozialdemokratisch-progressive Reformpolitik, bietet sich für eine solche Annäherung an Ambivalenzen an. Dabei soll es nicht um eine ausgewogene Ambivalenz gehen, die positive Bewertung überwiegt.


Florian Weis ist Historiker und ist seit 1999 in verschiedenen Funktionen Mitarbeiter der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin. In Sozialismus.de schrieb er zuletzt in Heft 1-2023 zu Etappen, Konflikten und Anerkämpfungskämpfen der Migration.

[1] Bernd-M. Beyer: 71/72. Die Saison der Träumer. Verlag Die Werkstatt, Bielefeld 2021. Siehe auch: www.sueddeutsche.de/kultur/fussball-bundesliga-70er-jahre-libuda-ton-steine-scherben-1.5200760.
[2] Siehe jeweils www.wahlrecht.de/ergebnisse/bundestag.htm.

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