6. Juni 2008 Christina Ujma

Vom Euromarxismus zur Realpolitik

Am 31. Mai 2008 ist der SPD-Politiker und Politikwissenschaftler Detlev Albers im Alter von 64 Jahren gestorben. Der langjährige Landesvorsitzende der Bremer SPD trat jedoch mit zwei Karrieren hervor, obwohl es heute nicht mehr sonderlich bekannt ist, dass er früher ein führender marxistischer Theoretiker war. Wer heute in den Büchern und Aufsätzen blättert, die Detlev Albers in den 1970er und 1980er Jahren publiziert hat, der glaubt kaum, was früher in der Sozialdemokratie an Linkem gedacht und geschrieben wurde.

Ganz selbstbewusst stellte sich Albers damals in die Tradition des westlichen Marxismus und untermauerte auch theoretisch, warum sich Marxisten in der SPD organisieren sollten. Zwischen den damaligen und den späteren Aufsätzen klafft die Zäsur des Jahres 1989. Danach war es mit dem euromarxistischen Theoretisieren weitgehend vorbei, die Krise der linken Theorie beantwortete Albers mit der Hinwendung zu den Mühen der Realpolitik. "Sozialismus im Westen – Eine Annäherung" (1987) hieß das letzte von ihm geschriebene Buch, das ein abgebrochenes Projekt markiert. Nach 1989 wurde das Schreiben der Realpolitik untergeordnet, als maßgeblicher Mitautor des neuen SPD-Parteiprogramms schaffte Albers es immerhin, ein wenig demokratischen Sozialismus im Grundsatzdokument unterzubringen.

Studentenbewegte Anfänge

Der Hamburger Albers, der aus kriegsbedingtem Zufall am 13 November 1943 in Goslar geboren wurde, studierte Jura, trat 1966 in die SPD ein und wurde durch die beginnende Studentenbewegung politisiert. Ein Bild von Detlev Albers ist in die deutsche Geschichte eingegangen und zum Symbol der 68er-Studentenbewegung geworden; im November 1967 hielt der Hamburger Asta-Vorsitzende Albers zusammen mit seinem Genossen Behlmer das berühmte Transparent vor die Magnifizen der Universität: "Unter den Talaren – Muff von tausend Jahren."

Unter den Talaren Muff von tausend Jahren

Das aus diesem Bild wie aus den nachfolgenden Juso-Aktivitäten resultierende Bürgerschreckimage wurde Albers ganz und gar nicht gerecht. Denn er war nicht nur Revoluzzer, sondern auch Schöngeist, ein Intellektueller, der musikalisch begabt und weltgewandt war. Er arbeitete die 68er-Revolte theoretisch nach und entfaltete dabei eine unglaubliche Produktivität, als hätte er irgendwie geahnt, dass er wenig Zeit hatte. Die Vielzahl der Titel aufzuzählen verbietet sich aus Platzgründen. Natürlich zählen auch hochschulpolitische Schriften dazu, die Drittelparität und Partizipationsrechte lagen ihm bis zum Ende seines Lebens am Herzen.

Begegnung mit der italienischen Linken

Bald fing er an, über den Tellerrand der deutschen Hochschulen hinauszublicken, vornehmlich nach Italien, wo die 68er-Bewegung langlebiger und proletarischer als in der Bundesrepublik Deutschland war. Das zusammen mit Paul Oehlke, und Werner Goldschmidt verfasste Buch "Klassenkämpfe in Westeuropa – Frankreich, Italien, Großbritannien" wurde sogar zum relativen Bestseller und erlebte mehrere Auflagen. Italien war auch das Thema von Albers' Dissertation "Ursache und Verlauf sozialer Konflikte, dargestellt am Beispiel der italienischen Streikbewegung 1968-1971". Er edierte aber auch die Schriften marxistischer italienischer Gewerkschafts- bzw. PCI-Politiker wie Bruno Trentin ("Arbeiterdemokratie. Gewerkschaften, Streiks, Fabrikräte", 1978 erschienen bei VSA), Pietro Ingrao (Nachwort zu "Massenbewegung und Politische Macht", erschienen 1979 ebenfalls bei VSA) und Lucio Lama. Nach der Entdeckung von Gramsci und der Theorie der italienischen Linken und der wiederholten Rückkehr zu westeuropäischen Linksperspektiven kommt die Beschäftigung mit Otto Bauer und den Denkern des Austromarxismus, die in der Zwischenkriegszeit um einiges geschickter dachten und handelten als die deutschen Linksparteien.

Herforder Thesen und Marxismus in der SPD

Immerhin ansatzweise schlug sich diese Beschäftigung mit den Denkern des Eurokommunismus in seiner Juso/SPD-Politik nieder, wo Albers einer der Anführer des marxistischen Hannoveraner Kreises war. Die Stamis, wie sie wegen ihrer Liebe zur berühmt-berüchtigten Stamokap-Theorie auch genannt wurden, schafften es in ihren Herforder Thesen von 1980, deren maßgeblicher Mitautor Detlev Albers war, eine westliche Variante dieser Theorie zu formulieren mit ausdrücklichem Bekenntnis zu Parlamentarismus und Pluralismus. Vor allem aber es gelang ihnen, mit den Herforder Thesen eine breite linke Diskussion anzustoßen, deren oftmals kritische Beiträge zeigen, auf welch hohem Niveau die marxistische Debatte damals stattfand. Mit diesen Thesen und vor allem mit der Zeitschrift "SPW", damals eine veritable linkssozialdemokratische Theoriezeitschrift, deren Herausgeber Albers lange war, mischte man in den Theoriedebatten der bundesdeutschen Linken kräftig mit, immer betonend, dass das marxistische Erbe nicht Eigentum der einen oder anderen Gruppierung sei.

Die intellektuelle Debatte der SPD-Linken des Frankfurter Kreises hat Detlev in den späten 1970er und 1980er Jahren beeinflusst; in den Diskussionen um das, was später Berliner Programm genannt wurde, war er eine wichtige Stimme der Linken. Bereits zur Juso-Legende geworden, war er in jenen Jahren auch für jüngere Jusos ein interessanter Gesprächspartner, dessen europäischer Horizont und Fähigkeit zur Differenzierung sich immer positiv gegenüber dem Hauruck-Marxismus der jüngeren Stamis abhob.

Denker des westlichen Marxismus

Gerade Detlevs euromarxistische Arbeiten aus den 1980er Jahren haben teilweise einen zeitlosen Charakter, denn sie sind einfach gute theoretische bzw. wissenschaftliche Aufarbeitungen der euromarxistischen Tradition, wobei sie auch zeigen, dass Detlev Albers selber ein kreativer Denker und Analytiker dieser Tradition sein konnte. Besonders ist hier sein "Versuch über Otto Bauer und Antonio Gramsci: zur politischen Theorie des Marxismus" hervorzuheben. Hier bringt er zusammen, was sonst strikt getrennt war, nämlich den Marxismus eines Sozialdemokraten und eines Kommunisten und findet allerhand Ähnlichkeiten. Nicht nur weil die Studie hoch differenziert und trotzdem schön geschrieben ist und sich vollständig des damals modernen linken Jargons enthält, sondern weil sie einfach auch ungeheuer interessante, weitgehend vergessene Aspekte des westlichen Marxismus aufarbeitet, ist eine Lektüre heute mehr denn je zu empfehlen!

"Sozialismus im Westen, Erste Annäherungen: Marxismus und Sozialdemokratie" von 1987 bringt theoretische Aufsätze zu Marx, Labriola, Bauer und Gramsci mit Beiträgen zur damaligen Programmdebatte zusammen, hier findet sich der vermutlich ambitionerteste Versuch, deutsche Sozialdemokratie und westlichen Marxismus gramscianisch zusammenzudenken. Sie zeigen einen Denker, der sich aus den Klischees und Schablonen des alten Stamokap weitgehend befreit hat, und unglaublich ideenreich, kulturell und gesellschaftlich versiert argumentiert. Detlev Albers entwirft Strategien für den "Stellungskrieg", entsprechend dem von Antonio Gramsci geprägten Konzept. Den alten Slogan "Proletarier aller Länder vereinigt Euch" nimmt der bekennende Europäer ganz wörtlich. Die nationale Handlungsperspektive besteht für ihn in der Formierung eines neuen historischen Blockes, der aus der traditionellen Arbeiterbewegung und den neuen sozialen Bewegungen, beispielsweise der Frauen-, Friedens-und Ökologiebewegung, besteht und in dem es keine Hierarchisierungen der Ziele oder Bewegungen mehr gibt.

Realpolitische Wende

Es ist nicht nur so, dass Detlev Albers nach 1989 seine linken Positionen verlassen hätte, man könnte sagen, sie haben auch ihn verlassen. Die Strömung des westlichen Marxismus bzw. Euromarxismus hat nach 1989 fast aufgehört zu existieren. Warum gerade die westlichen Marxisten vom Zusammenbruch des realexistierenden Sozialismus so schwer getroffen wurden, müssen künftige Historiker der Linken herausfinden. Marxisten und Marxistinnen in der SPD gibt es heute kaum noch, auch Detlev Albers war am Ende seines Lebens keiner mehr. Seine Mitstreiter aus alten SPW-Zeiten sind heute meist Mitglieder der Linkspartei. Seinem Partei- und Organisationsverständnis wäre so ein Schritt zuwidergelaufen, denn wie Rossana Rossanda, Pietro Ingrao oder Georg Lukács befanden: aus der Partei auszutreten, bedeutet aus der Geschichtsphilosophie auszutreten. Gegenüber der Zusammenarbeit mit der Linkspartei war Albers aber prinzipiell aufgeschlossen, im letzten Interview, das er vor seinem Tod gegeben hat, kritisiert er die seiner Meinung nach unsinnigen Abgrenzungsmanöver führender SPD-Politiker deutlich.

Ein europäischer Linker aber ist Detlev Albers bis zum Schluss geblieben, sein Internet Journal "Social Europe" versuchte so etwas wie Programmdebatten der europäischen Sozialdemokratie zu organisieren, was angesichts von deren programmatischer Dürre kein ganz einfacher Job war. Europa bzw. der europäischen Struktur- und Gewerkschaftspolitik war auch seine Arbeit als Professor für europäische Sozialpolitik und soziale Bewegungen am Forum für europäische Regionalpolitik der Universität Bremen gewidmet, hierzu hat er auch zahlreiche Bücher herausgegeben.

Ausgebliebener Aufstand

Dem SPD-Landesverband Bremen stand Albers von 1996-2004 vor. Das Maß an Selbstverleugnung und eiserner Selbstdisziplinierung, das er bei der Bewältigung diverser Konflikte und im Umgang mit dem in großer Koalition regierenden Bürgermeister Henning Scherf aufbringen musste, fanden viele alte Freunde befremdlich. Nicht viel besser hatten es die Parteilinken im SPD-Bundesvorstand, dem Albers seit 1999 angehörte. In dem Konflikt um die Hartz-Gesetze konnten sich die führenden Parteilinken mehrheitlich nicht zum Aufstand durchringen, sondern haben sich aufs Nachbessern verlegt. In der Konsequenz bedeutete dies nicht nur das Zerwürfnis mit alten Freunden, sondern auch hilflos mit ansehen zu müssen, wie die Partei inhaltlich und mitgliedermäßig ausblutete, während viele alte Mitstreiter in der neugegründeten Linkspartei mit Erfolg die traditionellen Themen der SPD besetzen konnten. Es ist schon eine bittere Pointe, dass ausgerechnet Ex-Marxisten die Dynamik und das identitätsstiftende Potenzial der sozialen Frage so unterschätzten.

Detlev Albers' letztes großes Projekt war die Arbeit am neuen SPD-Grundsatzprogramm, das der SPD über die Betonung des demokratischen Sozialismus wieder zu etwas mehr Identität verhelfen sollte. Zum Dank dafür hat ihn die Partei auf ihrem Programmkongress 2007 nicht mehr in den Bundesvorstand gewählt. Die SPD, die zweimal ein Ausschlussverfahren gegen Albers anstrengte, liebt ihre Intellektuellen nicht. Zuletzt waren neben Albers nur noch Johanno Strasser und Wolfgang Thierse als Parteiintellektuelle übriggeblieben, was ein etwas seltsames Trio war, wie auch Thierse in der Rede zu Albers' 60. Geburtstag einräumte, in der er dem ehemaligen marxistischen Theoretiker Albers eher mit Unverständnis begegnete.

Niederlage und Stellungskrieg

Die Geschichte der Linken in den vergangenen 30 Jahren ist leider eine der Niederlagen, Detlev Albers hat das gewusst und oft genug zu spüren bekommen. Er hat trotzdem immer weitergemacht. Was auch immer man von bestimmten Handlungen und Positionen halten mag, seine Fähigkeit, Niederlagen zu trotzen, nötigt Respekt ab.

Es ist die italienische Linke, die jetzt im Moment ihrer größten Niederlage anfängt, das Phänomen Niederlage theoretisch aufzuarbeiten und Gramsci wiederzuentdecken, was Detlev sehr gefallen hätte, denn bei aller Distanz hing er doch an seinen italienischen Vordenkern. Wenn italienische Theoretiker und Theoretikerinnen wie Rossana Rossanda oder Remo Bodei nun davon sprechen, die Niederlage in ihrer ganzen Bitterkeit zu akzeptieren und nicht schön zu reden und sich aus dieser Position heraus auf einen langen Stellungskrieg einzurichten, dann bezieht sich das nicht nur auf Italien. In diesem langen europäischen Stellungskrieg wird Detlev Albers sehr fehlen.

Christina Ujma war seit ihrer Tätigkeit als stellvertretende Juso-Bundesvorsitzende von 1986-88 mit Detlev Albers befreundet. Sie arbeitet seit 1994 als Hochschuldozentin am Department of European and International Studies an der Loughborough University, GB. Zu Italien erschienen von ihr in Sozialismus: "Nach dem Untergang. Die italienische Linke sucht Wege aus der Krise" (6/2008); "Widerständig, elegant und intellektuell. Rossana Rossandas Lebenserinnerungen auf Deutsch" (1/2008); "Arbeiterführer, Intellektueller und Politiker. Nachruf auf Bruno Trentin 1926-2007" (11/2007); "Gramscis verschleudertes Erbe. Die italienische Linke im Prozess der Neuformierung" (10/2007).

Zurück