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26. November 2018 Joachim Bischoff

Absturz eines kapitalistischen Industriegiganten

Foto: rik-shaw 黄包车/flickr.com (CC BY 2.0)

Der Industrieriese General Electric verliert immer mehr an Vertrauen auf den Finanzmärkten. Eine massive Abschreibung in der kriselnden Kraftwerksparte hat der angeschlagenen US-Industrie-Ikone einen riesigen Quartalverlust eingebrockt. Unter dem Strich stand in den drei Monaten bis Ende September ein Minus von 22,8 Mrd. US-Dollar.



GE galt über Jahrzehnte als Symbol für die Leistungsfähigkeit des US-Kapitalismus. Der Aufstieg des Unternehmens ist verknüpft mit der gesellschaftlichen Betriebsweise des Fordismus: Den Grundstock lieferten die Erfindungen aus dem Labor von Thomas Edison – gegründet 1876. Drei Jahre später ebnete die Erfindung der Glühlampe den Siegeszug eines technologisch fundierten kapitalistischen Unternehmens. Im Jahr 1890 gründete Edison in den USA die Edison General Electric Company, um seine verschiedenen Unternehmungen unter einem Dach zu vereinen. Das Unternehmen stellte in der Frühzeit (zwischen 1894 und 1898) Kraftfahrzeuge her. GE legte mit der Vermarktung der Coolidge-Röntgen-Röhre (1913) den Grundstein für den GE Healthcare Sektor.

1917 wurde mit dem Flugzeugtriebwerk auch die technologische Basis für den Geschäftsbereichs Aviation geschaffen. Die Dynamik des Unternehmens wurde aus der Elektrifizierung der USA gespeist, zu der neben der industriellen Ausrüstung auch der Konsumsektor gehörte – von der elektrischen Waschmaschine, Mixern, Staubsaugern etc. bis zu Klimaanlagen. Schon damals bot GE den Kunden Finanzierungen an. Erst in den 1960er Jahren gab GE die Sparte Haushaltsgeräte auf und konzentrierte sich auf Firmenkunden in den Märkten für Verbrauchs-, Handels- und Industriegüter.

GE war eines der zwölf Unternehmen, die im 1896 neu eingeführten Dow Jones Index gelistet wurden und erst im Juni 2018 schied GE nach 111 Jahren Zugehörigkeit wegen der unzureichenden Größe aus dem Dow Jones Index raus.

Im vordigitalen Zeitalter wurde der Dow sowohl im In- als auch im Ausland zum zentralen Gradmesser für den Zustand der US-amerikanischen Wirtschaft und der Aktienmärkte. Er wurde weltweit von den Aktionären und Investoren mit Argusaugen verfolgt. Von den zwölf ursprünglichen Index-Unternehmen ist heute keines mehr in dem Börsenbarometer oder »Fieberthermometer« der industriellen Produktion enthalten. Noch Anfang des Jahrtausends war General Electric der wertvollste Konzern der Welt. Im Jahre 2000 belief sich die Marktkapitalisierung auf 594 Mrd. US-Dollar. Diese schrumpfte bis 2018 auf weniger als 70 Mrd. US-Dollar, weshalb GE nur noch im Mittelfeld des Aktienindex von S&P 500 gelistet ist.

Als ineffizientes Konglomerat in den 1970er-Jahren kritisiert, wurde das Unternehmen unter Führung des legendären Jack Welch zum Vorbild für die Schaffung von Shareholder Value in diversifizierten Unternehmen: Er bereinigte das Geschäftsportfolio, und führte moderne Managementmethoden ein, die schnell zum Vorbild für andere Unternehmen und die Reorganisation von Wertschöpfungsprozessen wurden.

Über viele Jahre stand General Electric symbolisch für die starke US-Wirtschaft. In den letzten Jahren wurde der Industriekonzern im Kontext des US-amerikanischen Niedergangs des Anteils der industriellen Wertschöpfung von mächtigen Internetgiganten (Facebook, Amazon, Netflix, Google) überholt. Heute ist von GE als einem der weltweit führenden Industriekonglomerate keine Rede mehr, geschweige denn als Trendsetter des digitalen Zeitalters.

Der Niedergang erfolgte mit der Anpassung der Wertschöpfung an die Finanzialisierung, d.h. der Ausweitung des Finanzsektors in den kapitalistischen Gesellschaften, die durch Deregulierung seitens der Politik und die Niedrigzinspolitik der US-Notenbank Fed verstärkt wurde. Dies führte zum einen zum deutlichen Ausbau des eigenen Finanzgeschäfts (GE Capital), zum anderen zu einer konsequenten Nutzung der Instrumentarien des Financial Engineerings. War es zunächst der Unternehmenschef Jack Welch, der es sich zur Angewohnheit machte, die Erwartungen der Analysten bezüglich der Quartalsergebnisse immer leicht zu übertreffen, kamen Aktienrückkäufe, Erhöhungen des Verschuldungsgrades (Leverage) und schließlich aggressive Bilanzierungen hinzu.

Mit der Zeit wuchs der Anteil des Financial Engineerings, während das operative Geschäft an Wettbewerbsfähigkeit und Ertragskraft verlor. Statt auf den harten Weg der Neustrukturierung des Kerngeschäfts und Modernisierung der industriellen Wertschöpfung zu setzen, konzentrierte sich das Management auf den Weg der Finanzialisierung. Financial Engineering kann – wie der Fall GE zeigt – zeitweilig dazu führen, dass maximale Verwertung aus einem Unternehmen herausgeholt wird. Dies führt auf mittlere Sicht aber zur Vernachlässigung der industriellen Wertschöpfung, die strategische Weichenstellung auf die Finanzsphäre lässt wachsende operative Probleme im Konglomerat entstehen.

In den letzten zwölf Monaten hat sich der Börsenwert von GE halbiert. Der Konzern trennt sich von der Sparte Gesundheit (vorwiegend Medizinaltechnik), Erdöl und Gas bzw. der 63%-Beteiligung am Erdöl-Serviceunternehmen Baker Hughes. Bereits zuvor hatte GE den Verkauf der kleineren Sparten Transport und Beleuchtung umgesetzt. Sorgen bereitet aktuell vor allem die hohe Schuldenlast von General Electric – mittlerweile belaufen sich die langfristigen Schulden auf etwa 115 Mrd. US-Dollar. Ende September hatte das Unternehmen also fast 1,7-mal höhere Schulden als es an der Börse noch Wert ist. Um die Bilanzposition zu verbessern, beschleunigt der Konzern den Verkauf von Assets. Der GE-Konzern will künftig auch sein Gasturbinen- und Dienstleistungsgeschäft von anderen Teilen des Stromgeschäfts trennen – ein Schritt, der die Struktur des Power-Hauptquartiers effektiv beseitigen würde. Was nach dem Umbau noch übrig bleibt, ist ein Konzern, dessen drei Industriesparten – Energie, Luftfahrt und erneuerbare Energie – knapp 60% des letztjährigen Umsatzes (von 122 Mrd. US-Dollar) erzielen werden. Die drei Sparten verkaufen überwiegend Turbinen an Kraftwerke und Triebwerke an Flugzeugbauer.

»Unsere Ergebnisse sind weit vom vollen Potenzial entfernt«, sagte der neue Vorstandschef Larry Culp. Er hatte den Spitzenjob erst Anfang Oktober übernommen, nachdem das über 125 Jahre alte Traditionsunternehmen Vorgänger John Flannery vor die Tür setzte – es war bereits der zweite Chefwechsel innerhalb von nur 14 Monaten. General Electric befindet sich schon länger in einer schweren Krise. Die Erlöse sanken im abgelaufenen Quartal verglichen mit dem Vorjahreswert um 4% auf 29,6 Mrd. US-Dollar.

Einen Vertrauensvorschuss wird das Unternehmen nach diesem Niedergang von den Finanzmärkten und Banken nicht erhalten. GE kämpft um das Überleben durch Aktivierung der industriellen Kernkompetenz. Das Unternehmen hat mit seinem ausgedünnten Kapitalstock und dem geschwächten personellen Kader wenig Chancen zu einer Neuaufstellung im Kontext der vierten industriellen Revolution, bzw. der Beteiligung und Ausrichtung auf eine neue gesellschaftliche Betriebsweise. Für Investitionsgüterkonzerne liegt die Zukunft in der Ausstattung ihrer Produkte mit der Fähigkeit, Daten zu sammeln, diese auszuwerten und die Erkenntnisse zur Verbesserung der eigenen Funktionsweise oder der Fertigungsprozesse beim Kunden einzusetzen. Eigentlich müsste sich GE um die Chancen der Zukunft kümmern, anstatt die Probleme der Vergangenheit zu bewältigen.

Dies gilt nicht nur für überlebte Konglomerate wie GE, sondern im Grundsatz insgesamt für den angeschlagenen Sektor der technologisch-industriellen Fertigung und Wertschöpfung der US-Wirtschaft. Der Überlebenskampf von GE ist auch ein Lackmustest oder Indikator für die Zukunft des Kerns der US-Wirtschaft. General Electric kann daher auch als ein Symbol für die Umbruchsituation oder die große Transformation der kapitalistischen Produktionsweise, wenn nicht gar als Systemkrise interpretiert werden, die uns in den kommenden Jahren ebenso herausfordern wird wie das anstehende Ende des konjunkturellen oder industriellen Zyklus.

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