5. Juni 2026 Joachim Bischoff/Gerd Siebecke: Der neue Armutsbericht des Paritätischen
Armut in einem reichen Land
Insgesamt 13,3 Millionen Menschen sind in Deutschland von Einkommensarmut betroffen, so das Ergebnis des aktuellen Armutsberichts »Wachsende Armut, schrumpfende Sicherheit« des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes für das Jahr 2026. Die Armutsquote liegt bei 16,1%.
Diese Zahlen haben zwar einen Tag lang in den Medien Aufmerksamkeit erreicht und mitunter auch Irritation erzeugt. Insgesamt hat die Bewertung in der Berliner Republik jedoch kaum hemand bestritten. Auch die Aufforderung im Bericht des Paritätischen an die politische Klasse, doch wenigstens bei den als Reformen verkauften Maßnahmen des Sozialabbaues darauf Rücksicht zu nehmen, dass die Armutsbetroffenheit im Betrachtungszeitraum der letzten fünf Jahre einen weiteren Höchststand erreicht hat, führt nicht zu keinem anhaltenden Protest in der Öffentlichkeit.
Zumindest die regierende politische Klasse bleibt beim Weiter-so, was dazu führen wird, dass die »aktuelle Vorschläge der Regierung zum Sozialabbau (z.B. bei Wohngeld und Unterhaltsvorschuss) […] die Armut bei Gruppen, die ohnehin besonders von Armut betroffenen sind, wie ältere Menschen und Alleinerziehende zu verschärfen [drohen].« (Armutsbericht, S. 2)
Die Verteilung der »Wohlstandsverluste« durch die Regierung der »demokratischen Mitte« läuft weiter wie bisher. Weder zeichnet sich eine außerplanmäßige Aufstockung für die Renter*innen ab oder eine zielgerichtete Verbesserung für die Kinder: »Ende 2025 haben etwa 739.000 Personen Leistungen der Grundsicherung im Alter erhalten. Dies entspricht einem Anteil von 3,4% der Menschen in dieser Altersgruppe. Im Zehn-Jahres-Vergleich nahm die Zahl der Beziehenden dieser Leistung um 42,5% zu. Diese Zahlen dokumentieren nur die realisierten Ansprüche. Zahlreiche Ältere sind zwar hilfebedürftig, beantragen oder erhalten aus vielfältigen Gründen jedoch keine Leistungen. Zudem sind junge Erwachsene zwischen 18 und 25 Jahren besonders stark von Armut betroffen. Mit einem Anteil von 24,8% liegt ihre Armutsquote deutlich über dem Durchschnitt. Damit betrifft Armut nahezu jede vierte Person in dieser Lebensphase, die häufig durch Ausbildung oder den Einstieg ins Berufsleben geprägt ist.« (Ebd., S. 7)
Das kontinuierliche Anwachsen der Armut erschüttert die mediale Öffentlichkeit nur einen Tag lang. Und auch die politisch Verantwortlichen schauen relativ ruhig auf das Faktum, dass die große Mehrheit der Bevölkerung mit den Verteilungsstrukturen des gesellschaftlichen Wohlstands nicht einverstanden ist. Noch am 5. Mai 2025 erklärten die Spitzen von CDU, CSU und SPD in dem geschlossenen Koalitionsvertrag., »Deutschland steht vor historischen Herausforderungen«, und die Politik der kommenden Jahre werde »darüber entscheiden, ob wir auch in Zukunft in einem freien, sicheren, gerechten und wohlhabenden Deutschland leben.«
Nur ein Jahr später zeigt eine aktuelle Umfrage von infratest dimap für die ARD-Aktion »Deine Meinung zählt!«, bei der im April bundesweit 2.084 Menschen aus der deutschsprachigen Bevölkerung ab 16 Jahren befragt wurden, dass vier von fünf Deutschen die Verteilung ungerecht finden (so der entsprechende Bericht der tagesschau vom 27.4.2026). 81%, also vier von fünf Bürger*innen sind der Meinung, der wirtschaftliche Wohlstand im Land sei ungerecht verteilt, nur 15% halten den Status quo für akzeptabel.
Der Armutsbericht des Paritätischen zum aktuellen Stand zeigt sehr anschaulich die neuen Höchststände in der Übersicht auf, ergänzt werden muss der Aspekt, dass diese Resultate Defizite eines ungenügenden politischen Willens bezeichnen.
Deutschland zugleich ein Niedrigsteuerland
Zudem nimmt die Zahl der Superreichen in der Berliner Republik stark zu. »Rund 5.000 Superreiche besitzen nach Berechnungen der Boston Consutling Group (BCG) mehr als ein Viertel des Finanzvermögens in Deutschland. Der Unternehmensberatung zufolge ist die Zahl der Menschen, die hierzulande mehr als 100 Millionen Dollar besitzen, 2025 um rund 1.100 gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Ihnen gehören 27,3% des Finanzvermögens von 12,4 Billionen Dollar, also knapp 3,4 Billionen Dollar.« (Ebd.)
Würden die Hochvermögende, also Menschen mit einem Nettogeldvermögen von mindestens einer Million Euro, so besteuert, wie andere hochentwickelkapitalistische Länder dies tun, könnten die dringlichsten Finanzprobleme der Sozialetats und des Bundeshaushaltes ohne Sozialkürzungen gelöst werden.
Wir sehen also den charakteristischen Widerspruch zwischen dem von der entfremdeten Arbeit geschaffenem Reichtum bei gleichzeitiger Selbstverarmung, der die politische Ökonomie seit zwei Jahrhunderten prägt.[1] Der Widerspruch zwischen dem Reichtum und der gesellschaftlichen Armut wird immer krasser.
Und dieser Widerspruch ist keine Naturnotwendigkeit. Er könnte durch Steuerpolitik gemindert werden, worauf DIW-Chef Marcel Fratzscher schon am 22.12.2023 in seiner Kolumne »Fratzschers Verteilungsfragen auf ZeitOnline hinwies: »Fakt ist: Kaum ein Land in der Welt besteuert Arbeit stärker und Vermögen geringer als Deutschland. Die Behauptung des Bundesfinanzministers, Deutschland sei ein Hochsteuerland, ist zwar teilweise zutreffend: Vor allem Menschen mit mittleren und geringen Einkommen zahlen im internationalen Vergleich mit die höchsten Steuern und Abgaben auf ihr Arbeitseinkommen. Für Spitzenverdiener*innen gilt das aber weniger. Viele andere Länder, zum Beispiel auch Frankreich, besteuern Spitzenverdiener stärker. Betrachtet man die steuerliche Belastung von Hochvermögenden, ist Deutschland geradezu ein Niedrigsteuerland.« (www.zeit.de/serie/fratzschers-verteilungsfragen)
Armut ist vor allem Wohnarmut
Bereits in der Wohnarmutsstudie des Paritätischen Gesamtverband aus dem Jahr 2025 wurde aufgezeigt, wie viele Menschen in Armut leben, wenn nicht nur die Einkommensarmut betrachtet wird, sondern zudem die Wohnkosten einbezogen werden. Dabei wurde deutlich, dass Wohnarmut deutlich weiterverbreitet ist als die »klassisch« gemessene Armut.
Entscheidend für den Lebensstandard und gesellschaftlichen Wohlstand ist somit nicht allein die Höhe des Einkommens, sondern zunehmend die Frage, wie viel davon nach Abzug der Wohnkosten tatsächlich zum Leben verbleibt. Hohe Wohnkosten verschärfen Armut, vertiefen bestehende Ungleichheiten und machen Wohnungspolitik zu einer zentralen sozialpolitischen Herausforderung. Denn seit Jahren steigen in Deutschland die Mieten schneller als die Einkommen. Bei Berücksichtigung von Wohnkosten wird eine bislang unsichtbare Gruppe von 5,4 Millionen Menschen sichtbar, die an und unter der Armutsgrenze lebt. Nicht 13 Millionen, sondern 18,4 Millionen Menschen müssten demnach als arm gelten. Insgesamt leben damit 22,3% der Bevölkerung in Deutschland in Wohnarmut.
Die Wohnarmutsquoten liegen in allen Bundesländern über der konventionellen Armutsquote. Besonders hoch fällt die Wohnarmut mit 31,2% bei jungen Erwachsenen (18 bis unter 25 Jahre) als auch bei älteren Menschen ab 65 Jahren mit 28,8% aus. Nach der monatlichen Mietzahlung bleibt ihnen oft nicht mehr viel Geld übrig für die Lebensführung eines privaten Haushaltes. Schon lange sind es nicht mehr nur die Ärmsten in der Gesellschaft, die am Wohnungsmarkt verzweifeln. Das ist gefährlich, weil Wohnen »sich mehr und mehr zum Armutstreiber« entwickelt, wie der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands Joachim Rock unterstreicht.
Aktuell besteht also der wichtigste Treiber für die Armut in der Wohnungsmiete und den unterliegenden gesellschaftlichen Verhältnissen: geringer Neubau, Umwandlung von bisherigen durch staatliche Kredite gebundenen Sozialwohnungen in normale Mietverhältnisse und unzureichende Regelungen bei Erhöhungen von Mieten und Umwandlungen in Eigentum.
»Steigende Wohnkosten verschärfen zunehmend die soziale Ungleichheit in Deutschland. Traditionell galt die Empfehlung, dass nicht mehr als ein Drittel des Einkommens für Miete aufgewendet werden sollte. Doch inzwischen müssen viele Haushalte deutlich höhere Anteile ihres Einkommens für Wohnkosten aufbringen – in einigen Fällen über 50%. Gründe dafür liegen in einem angespannten Wohnungsmarkt und fehlenden bezahlbaren Alternativen. Hinzu kommt, die Mieten steigen vielerorts deutlich schneller als die Einkommen. Eine günstigere Wohnung zu suchen ist aufgrund auseinanderlaufender Bestands- und Angebotsmieten kaum möglich. Selbst wenn man den Wohnraum deutlich verkleinert, ist es oft nicht möglich, durch einen Umzug die Miete zu senken, weil die Neumieten deutlich höher ausfallen als die Bestandmieten. Im Mieterland Deutschland haben Menschen mit einem geringen Einkommen deshalb kaum Handlungsspielräume. Der Wohnungsmarkt ist nicht nur ›zur Lotterie‹ geworden, wie das Ifo-Institut kürzlich resümierte, sondern auch ein zentraler Armutstreiber.« (Paritätischer Gesamtverband, Mieten fressen Einkommen, Dezember 2025, S. 4)
Auch aktuelle Zahlen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe zeigen eindrücklich, wie weit Deutschland vom Ziel entfernt ist, Wohnungslosigkeit bis 2030 – wie im Nationalen Aktionsplan gegen Wohnungslosigkeit vorgesehen – zu überwinden. Statt Fortschritten deutet sich eine Verschlechterung an: Die Zahl der Betroffenen sowie der Druck auf das Hilfesystem steigen, während die Prävention angesichts eines extrem angespannten Wohnungsmarktes immer schlechter gelingt.
Abbau von Sozialleistungen bei Stärkung privat-kapitalistischer Vorsorge
Die Höhe von Gehältern, Löhnen und über das System der Sozialversicherung auch der Altersrenten ist nicht nur das Ergebnis von individuellen Verhandlungen über das monatliche Entgelt sowie kollektiven Tarifverträgen. Vielmehr verfügt auch die Politik über staatliche Handlungsoptionen, um den Bürger*innen eine angemessene Bezahlung ihrer Arbeitsleistung zu gewährleisten.
Der Paritätische hat in diesem Zusammenhang zu Recht im Blick, dass die gegenwärtigen Regelungen die Sicherung des Lebensstandards verfehlen: »Die gesetzliche Rentenversicherung muss zukunftsfest und armutsvermeidend aufgestellt werden. Statt einer Reduktion der Rentenversicherung auf eine Basisversorgung braucht es die Weiterentwicklung zu einer Erwerbstätigenversicherung, in die alle einzahlen. Dazu bedarf es einer perspektivischen Anhebung des Rentenniveaus auf 53% und einer armutsfesten Mindestrente.« (Armutsbericht 2026, S. 23)
Zu Recht kritisierte der Sozialverband zudem, dass die politischen Repräsentanten der »demokratischen Mitte« in der gesellschaftlichen Kommunikation sich auf die Seite der privat-kapitalistischen Vorsorge schlagen und kollektiven Sozialversicherungsleistungen faktisch damit untergraben. »Repressive und niedrige Sozialleistungen führen dazu, dass das allgemeine Lohngefüge nach unten gezogen wird. Die gute Nachricht ist, gegen zu niedrige Löhne gibt es ein Mittel: namentlich gute Löhne und gute Sicherung.« (Ebd., S. 22)
Die Sozialleistungen in der Berliner Republik bestehen aus einem umfassenden Netz an monetären Hilfen und Sachleistungen, die das soziokulturelle Existenzminimum sichern und in Lebenslagen wie Krankheit, Arbeitslosigkeit oder im Alter unterstützen sollen. Inzwischen treiben Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und die Regierungskoalition aus CDU/CSU und SPD den größten Umbau des deutschen Sozialstaates seit Jahrzehnten voran.
Ihre Kernstrategie zielt darauf ab, Kosten zu senken, das Bürgergeld durch eine neue Grundsicherung abzulösen und den Fokus stärker auf Leistungsträger und Gegenleistungen zu richten. Dieser Versuch, die Sozialleistungen auf sogenannte Basisleistungen zurückzuführen, die durch Sparleistungen ergänzt werden müssen, läuft auf die Aufkündigung des bisherigen gesellschaftlichen Kompromisses hinaus und verfolgt das Ziel, bisherige sozialkulturellen Regelungen aufzuknüpfen und neu festzulegen, weil das derzeitige System zu teuer sei.
Merz hat jüngst die Forderung nach tiefgreifenden Einschnitten im Sozialsystem noch einmal bekräftigt: »Wir können uns dieses System, das wir heute so haben, einfach nicht mehr leisten […] Das wird schmerzhafte Entscheidungen bedeuten, das wird Einschnitte bedeuten«. Damit die Kranken-, Pflege und Rentenversicherung leistungsfähig blieben und nicht überfordert würden, müsse auch »die Eigenverantwortung stärker werden«. Darauf ziele die Regierung und werde »dafür sorgen, dass auch die junge Generation die Chance auf Wohlstand und sichere Arbeitsplätze« habe. (Zitate laut tagesschau vom 30.8.2025).
Strategie zur Bekämpfung der Armut erforderlich
Wir sind in der Berliner Republik angesichts der grassierenden mehrjährigen Schwäche des Wirtschaftswachstums in der Tat mit wachsenden Defiziten in den Finanzen der Sozialversicherungssysteme konfrontiert. Aber anstatt den eklatierenden Widerspruch zwischen wachsender Armut und expandierendem Reichtum in das Zentrum des politischen Handelns zu rücken, zielen die Parteien der »demokratischen Mitte« auf eine Neufestsetzung, sprich Reduktion der sozialkulturellen Standards.
Eine wirksame Strategie zur Bekämpfung von Armut muss drei Säulen stark machen:
- Gute Löhne und Gehälter sowie eine starke soziale Absicherung, um Einkommen zu stabilisieren.
- Eine ambitionierte Wohnungspolitik, die Mieten begrenzt und den Bau von dauerhaft bezahlbarem und sozial gebundenem Wohnraum massiv fördert.
- Eine Wirtschaftspolitik zur Sicherung von Arbeits- und Fachkräften.
Ohne ein solch entschiedenes Handeln wird die Armut in Deutschland weiter zuzunehmen – und zugleich die Unsicherheit vieler menschenüber ihre Zukunft und die ihrer Kinder und Enkel befördern – mit den absehbaren gesellschaftlichen und politischen Deformationen.
Anmerkung
[1] Dazu schreibt Marx im nachgelassenen Manuskript zu Theorien über den Mehrwert: »In diesem Widerspruch sprach die politische Ökonomie bloß das Wesen der kapitalistischen Produktion aus, oder, wenn man so will, der Lohnarbeit aus; der sich selbst entfremdeten Arbeit, der der von ihr geschaffne Reichtum als fremder Reichtum, ihre eigne Produktivkraft als Produktivkraft ihres Produkts, ihre Bereicherung als Selbstverarmung, ihre gesellschaftliche Macht als Macht der Gesellschaft über sie gegenübertritt. Aber diese bestimmte spezifische, historische Form der gesellschaftlichen Arbeit wie sie in der kapitalistischen Produktion erscheint, sprechen diese Ökonomen als allgemeine, ewige Form, Naturwahrheiten aus, und diese Produktionsverhältnisse als die absolut (nicht historisch) notwendigen, naturgemäßen und vernünftigen Verhältnisse der gesellschaftlichen Arbeit.« (MEW 26,3 S. 255)












