26. September 2025 Redaktion Sozialismus.de: Gemeinschaftsdiagnose Herbst 2025
Aufschwung Fehlanzeige, Wirtschaft stagniert auch in Zukunft
Die Wirtschaftsforschungsinstitute DIW (Berlin), Ifo (München), IWH (Halle/Saale), IfW (Kiel) und RWI (Essen) rechnen in ihrem Herbstgutachten nicht mit einer nachhaltigen Erholung der deutschen Wirtschaft. Für 2025 wird nach zwei Rezessionsjahren nur ein Mini-Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 0,2% erwartet, für die kommenden beiden Jahre ein Anstieg um 1,3% bzw. 1,4%.
Der für 2025 prognostizierte Mini-Zuwachs bedeutet, dass die Wirtschaft im Grunde ein weiteres Jahr stagniert. Und die für die nächsten zwei Jahre erwarteten Wachstumsraten liegen hauptsächlich an den stark steigenden Staatsausgaben durch das Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität sowie an der Erhöhung der Verteidigungsausgaben.
Regierungspolitiker*innen der schwarz-roten Koalition versprechen immer noch eine schnelle Wirkung der neuen Investitions-Sonderschulden. Sie hatten hohe Erwartungen an das Lockern der Schuldenbremse geknüpft. Bundeskanzler Friedrich Merz stellte den Bürger*innen spürbare Verbesserungen noch im Sommer in Aussicht. Kurz vor seinem Regierungsantritt wollte er Deutschland gar eine jährliche Wachstumsrate von 2% bescheren.
In ihrem Herbstgutachten konfrontieren die Wirtschaftswissenschafter*innen die Erwartungen mit der nüchternen Wirklichkeit. Trotz aller rhetorischen Beschwörungsrituale schleppt die kapitalistische Ökonomie sich mühsam auf einen minimalen Wachstumspfad. Faktisch steckt sie nicht in einem Krisenprozess der Akkumulation, also einer Reproportionierung des Wirtschaftspotenzials, sondern in einem Korridor der Stagnation.
Schon die letzten beiden Jahre waren durch eine Mini-Schrumpfung von 0,3 und 0,2% charakterisiert; und das Potenzialwachstum wird sich bis zum Ende des Jahrzehnts bestenfalls nahe null bewegen. Außerdem stehen auch die anderen großen Volkswirtschaften in Europa ähnlich schwach da wie Deutschland. Für Frankreich, dessen Bonität unter den hohen Staatsschulden und einer Haushaltskrise leidet, veranschlagt die OECD für 2025 ein BIP-Plus von 0,6%. Nächstes Jahr soll es dann mit 0,9% etwas stärker ausfallen. Italien trauen die OECD-Volkswirte für dieses und nächstes Jahr einen Zuwachs beim BIP von je 0,6% zu.
Doch ein schwaches Italien und Frankreich machen die Lage der deutschen Volkswirtschaft auch nicht besser. »Wir kommen ja aus sehr mühsamen Jahren«, sagt der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Michael Hüther. Etwa vier Jahre lang dürfte die deutsche Wirtschaft zuvor nicht gewachsen sein. Fakt ist: Die fünf führenden Wirtschaftsforschungsinstitute trauen der deutschen Wirtschaft auch künftig kaum Wachstum zu.
Die Debatte um den Bundeshaushalt 2026 im Deutschen Bundestag hat Kanzler Merz genutzt, um zu der von der CDU und der Regierungscrew verbreiteten illusionären Vorstellung einer erreichbaren Wachstumsrate von 2% Stellung zu beziehen; »Wir stehen als Land in einer der herausforderndsten Phasen unserer neueren Geschichte.« Die gesamte westliche Wertegemeinschaft stehe vor ihrer vielleicht größten Bewährungsprobe. Weil die deutsche Wirtschaft auf globale und freie Märkte ausgerichtet sei, habe diese Entwicklung unmittelbare Folgen für sie. Deutschland brauche eine offene und regelbasierte Weltordnung. Weil aber für die die bundesdeutsche Gesellschaft nun nur ein Wachstum von um 1% erreichbar ist, müssen sich alle gesellschaftlichen Akteure auf die Stagnation des Wohlstands und entsprechende Verteilungskonflikte einstellen.
Merz ging in seiner Rede so gut wie nicht auf die Anwürfe des AfD-Co-Vorsitzenden Tino Chrupalla ein, der die Generaldebatte als Oppositionsführer erstmals in der Geschichte des Bundestags eröffnet hatte und von einer »Schuldenorgie« sprach. Merz’ Antwort klang nicht wie eine Kampfansage an den politischen Gegner, sondern wie ein Fahrplan der künftigen Regierungsjahre. Danach verlangten die angespannte Weltlage und die Wirtschaftsflaute ein kohärentes Vorgehen. Nur in einer auf Wachstum ausgerichteten Volkswirtschaft würden die Mittel gewonnen, die Deutschland brauche, um seine Infrastruktur auf Vordermann zu bringen und soziale Sicherheit auf Dauer zu gewährleisten. Aber was folgt politisch daraus, dass mit einem signifikanten Wirtschaftswachstum nicht zu rechnen ist?
Merz wies den Vorwurf von Grünen und der der Partei Die Linke zurück, seine Regierung betreibe einen Kahlschlag am Sozialstaat. Das Ziel der Reformen sei der Erhalt des Sozialstaats, »so wie wir ihn wirklich brauchen«. Wer sich diesen Reformen verweigere, säge in Wahrheit an den Grundlagen der Sozialpolitik. Es geht unter anderem um eine Reform des Bürgergelds. Wiederum werden Missbrauchsfälle im Bürgergeld ins Zentrum der politischen Auseinandersetzung gerückt, wo es doch eigentlich um die Generierung von höheren Einnahmen und die Behebung von Fehlentwicklungen bei Vermögens- und Erbschaftssteuer gehen müsste.
In Gesprächen mit Unternehmern und Gewerkschaften habe er von der tiefen Sorge um die Zukunft und die Arbeitsplätze erfahren, erklärte Merz. »Deshalb müssen wir handeln, wir müssen es schnell tun, und wir müssen es bald tun.« Aber es ist keine Grundlage für einen nachhaltigen und sich selbst beschleunigenden Aufschwung ausmachbar. Die strukturellen Probleme am Standort bestehen weiterhin. So belasten die hohen Kosten für Energie etc. sowohl Unternehmen wir auch viele Bürger*innen. Dadurch wird für die schwarz-rote Bundesregierung der politische Druck erhöht, diese strukturellen Schwächen zügig anzugehen.
Zwar liefert die Binnennachfrage einen Wachstumsbeitrag in Höhe von 1,7% für das BIP im laufenden Jahr. Jedoch wird dieser Zuwachs durch den von Konflikten belasteten Außenhandel nahezu vollständig aufgezehrt. Ohne eine weitere Expansion der Binnennachfrage kann die Berliner Republik auch langfristig nicht auf einen nachhaltigen Wachstumspfad zurückzukehren – auch mit Blick auf den harten globalen Wettbewerb.
Auch die Gutachter sehen strukturelle Probleme
Die deutsche Wirtschaft lässt zwar die Talsohle leicht hinter sich, teilen die Institute in ihrem Herbstgutachten mit. Aber die »deutsche Wirtschaft steht nach wie vor auf wackeligen Beinen«, sagt eine Wissenschaftlerin vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW, das die Gemeinschaftsdiagnose koordiniert hat. »In den beiden kommenden Jahren erholt sie sich zwar spürbar. Angesichts anhaltender struktureller Schwächen wird diese Dynamik allerdings nicht von Dauer sein.« Die Impulse aus der Politik verdeckten die tiefer liegende Wachstumsschwäche.
Stefan Kooths vom Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) sagte bei der Vorstellung des Gutachtens, der Staat stimuliere mit den Schulden lediglich die wirtschaftliche Aktivität auf dem Binnenmarkt. Davon profitiere vor allem der Dienstleistungssektor. Die Schulden verdecken laut Kooths eher die Probleme Deutschlands, als dass sie diese lösen.
Demnach dürfte eine »expansive Finanzpolitik« die Konjunktur zunächst anschieben. Gemeint ist das 500 Mrd. Euro umfassende und mit Schulden finanzierte Sondervermögen für zusätzliche Investitionen in die Infrastruktur und den Klimaschutz, das eine Laufzeit von zwölf Jahren hat. Es geht um die Sanierung maroder Brücken, Bahnstrecken und Schulen, aber auch um mehr Geld für Kitas oder eine bessere Digitalisierung. Damit die Gelder schnell fließen, sollen Planungs- und Genehmigungsverfahren beschleunigt werden. Die Binnenwirtschaft werde dadurch in Bewegung versetzt, so die Institute.
Wegen der strukturellen Probleme drohten sich die mittel- und die langfristigen Wachstumsperspektiven allerdings weiter zu verschlechtern. Vor allem die Auslandsnachfrage nach deutschen Waren schwächele. »Hohe Energie- und Lohnstückkosten im internationalen Vergleich, Fachkräftemangel sowie eine weiter abnehmende Wettbewerbsfähigkeit bremsen die langfristigen Wachstumsaussichten weiterhin.«
Aus diesem Grund mahnen die Ökonom*innen tiefgreifende Reformen an und machen dazu auch Vorschläge für den von der Regierung angekündigten »Herbst der Reformen«. Beispielsweise müssten die Sozialversicherungsbeiträge durch Einsparungen im Gesundheits- und Rentensystem stabilisiert werden. Es müsse mehr Arbeitsanreize geben, insbesondere für Bezieher*innen niedriger Einkommen. Außerdem sollte Deutschland die eigenen Unternehmen nicht stärker regulieren als dies in Partnerländern geschieht – das beziehen die Ökonom*innen insbesondere auf Maßnahmen zum Klimaschutz.
Bislang nimmt sich die Wirkung der Sonderschulden auf die Konjunktur bescheiden aus. Das könnte nicht zuletzt daran liegen, dass die Regierung die Schulden nach Ansicht von Fachleuten auch dazu nutzt, Löcher im Haushalt zu stopfen. Nun soll es der »Herbst der Reformen« richten, mit dem die Regierung den Haushalt konsolidieren und die Sozialsysteme »verschlanken« möchte. Jede »Verschlankung« würde allerdings nicht nur gesellschaftliche Konflikte nach sich ziehen, sondern zugleich auch die Binnenkaufkraft beschädigen, deren minimales Wachstum einer wesentlicher Träger der gesellschaftlichen Stabilität ist.
Die Wirtschaftsexpert*innen warnen zudem vor einem voreiligen Optimismus angesichts der Rekordschulden, die die deutsche Regierung für Investitionen in Verteidigung und Rüstung aufgenommen hat. Die künftigen Auswirkungen dieser expansiven Finanzpolitik seien »schwer abschätzbar«. Sie kritisieren, dass sich mit Einzelmaßnahmen wie dem »Wachstumsbooster« für die Industrie oder der »Aktivrente« für die Rentner*innen die strukturelle Schieflage der deutschen Volkswirtschaft und der sozialen Sicherungssysteme nicht beheben lasse. Statt auf eine dirigistische Industriepolitik zu setzen, müsse die Politik die allgemeinen Standortbedingungen verbessern.
Dabei ist der innere und äußere Druck auf die exportorientierte deutsche Wirtschaft enorm. Im Inneren belasten bürokratische Hürden, eine bröckelnde Infrastruktur sowie hohe Energiepreise die Industrie. Von außen machen der deutschen Volkswirtschaft die amerikanischen Zölle gegen die Europäische Union und die staatlich subventionierte Billigkonkurrenz aus China zu schaffen. Diese unsichere Lage bremst Investitionen in deutsche Unternehmen und schwächt ihre Wettbewerbsfähigkeit.
Hinzu kommt ein stockender Arbeitsmarkt. Im August stieg die Zahl der Arbeitslosen erstmals seit Februar 2015 auf über drei Millionen, auch wegen schon bisherigen Massenentlassungen in der Industrie. Nach wie vor klagen zugleich viele Betriebe über einen hohen Fachkräftemangel. Dieser dürfte sich abermals verschärfen, wenn in den kommenden Jahren Millionen Arbeitskräfte aus der Babyboomer-Generation in Rente gehen. Doch von den nach Deutschland zugewanderten Migrant*innen gelang es bislang nur einem Teil, ohne staatliche Hilfen auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen.












