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Heide Gerstenberger/Ralf Ptak/
Christa Wichterich (Hrsg.)
ABC der globalen (Un)Ordnung
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272 Seiten | Klappenbroschur |
EUR 12.00
ISBN 978-3-96488-003-1

20. Dezember 2019 Björn Radke: Die Krise der Landwirtschaft

Bauern werden laut

Foto: dpa

Schon seit Monaten demonstrieren Bauern nicht nur in den Niederlanden und Frankreich. Auch in der Berliner Republik rufen verschiedene Bauern-Initiativen und Verbände zu spektakulären Traktorenkonvois als Zeichen des Protestes gegen die Agrar- und Umweltpolitik der Großen Koalition auf.

Am 22. Oktober fanden in vielen Bundesländern Treckerversammlungen statt, so etwa in Bonn (NRW), als ca. 5.500 Teilnehmer*innen dem Aufruf der Initiative »Land schafft Verbindung« folgten. Allgemeiner Tenor auf den Kundgebungen: mehr Dank der Gesellschaft – und weniger Einmischung. Hörbar sind aber auch ressentimentgeladene Beiträge, wonach Naturschützer und Medien »Angst und Abneigung« gesät, »falsche Tatsachen« behauptet und beim Klimawandel und Insektensterben Panik geschürt hätten.

Im Fokus der Kritik steht das Agrarpaket der Bundesregierung. Es gefährde landwirtschaftliche Betriebe, heißt es bei den Organisatoren der Aktion. Gleichzeitig sehen sich die Bauern als Buhmänner der Politik. »Die permanente negative Stimmungsmache, das ›Bauern-Bashing‹, führt zu Ärger und Frustration im Berufsstand«, erklärten die Organisatoren. »Diskriminierung, Benachteiligung und Mobbing von Angehörigen gehören zur Tagesordnung.« Auch sehen viele Landwirte das geplante Freihandelsabkommen der EU mit den Mercosur-Staaten in Latein- und Südamerika als Bedrohung.

Im hohen Norden versammelten sich in Rendsburg (Schleswig-Holstein) ca. 1.700 Fahrzeuge, die von insgesamt 14 Startpunkten gestartet waren. Auch hier hatte die bundesweite Bewegung »Land schafft Verbindung – Wir rufen zu Tisch« aufgerufen. In ganz Norddeutschland machten sich Treckerkonvois auf den Weg: Nach Hannover fuhren rund 2.000 Traktoren sternförmig in die Innenstadt. Entsprechende Aktionen gab es auch in Oldenburg, Stade (Altes Land) und Rostock (300).

In Hamburg. kamen ca. 3.500 Trecker aus Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern zusammen und legten vorübergehend den Innenstadtverkehr lahm. In Rheinland Pfalz demonstrierten rund 500 Landwirte am 11. Dezember in Mainz. »Land schafft Verbindung« (LsV) hatte alle Landwirte des Bundeslandes zu Teilnahme an der Kundgebung aufgerufen. Nur so gelinge ein Dialog, in der die Gesellschaft mit, statt nur über Landwirte rede. Am 10. Dezember waren laut Polizei 2.500 Landwirte mit 1.000 Traktoren in Wiesbaden auf der Straße.

Höhepunkt der Protestaktionen war die zentrale Kundgebung am 26. November in Berlin. Dort versammelten sich bis zu 40.000 Teilnehmern – und 8.600 Treckern, mit denen die Bauern das Zentrum der Hauptstadt lahmgelegt haben. Ihr Protest richtet sich u.a. gegen verschärfte Regeln zum Umweltschutz. Die Landwirte sehen sich in ihrer Existenz gefährdet. Bei der zentralen Kundgebung sprachen Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) und Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) zu den Bauern.

Bei aufgeheizter Stimmung und »Schulze weg«-Sprechchören versuchte die Umweltministerin Verständnis zu schaffen für Insekten- und Trinkwasserschutz. Dagegen brachte ein Redner die gegenwärtige Stimmung auf den Punkt: »Wir Bauern stehen mit dem Rücken zur Wand«, sagte er und bekam tosenden Applaus. Umweltministerin Schulze verwies dagegen darauf, dass jede/r Steuerzahler*in im Schnitt 114 Euro für die EU-Agrarförderung zahle. Es gab Buhrufe und ein Pfeifkonzert.

Diese bisher nicht gekannte Breite der Proteste ist nicht das Ergebnis einer gut vorbereiteten Kampagne des Bundesverbandes der Bauern, sondern die Reaktion auf eine sich krisenhaft entwickelnde Landwirtschaft, der die Regierung nach Wahrnehmung der Protestierenden nicht genügend entgegentritt. Sie ergreife vielmehr nur Maßnahmen, die zu weiteren Belastungen der Bauern führten.

Auch der Druck der unter dem Eindruck des Klimawandels anstehenden Transformation im Agrarbereich trägt zur Beunruhigung bei. In Hamburg wurde der Bundesregierung eine gemeinsame Erklärung vom »Aktionsbündnis Forum Natur« übergeben, das von 15 Verbänden und Organisationen getragen wird, die rund sechs Mio. Menschen im ländlichen Raum repräsentieren. Zu dem Bündnis zählen u.a. DBV, DLG und andere Eigentümerverbände bis hin zu den Jägern und Waldbesitzern. In der gemeinsamen Erklärung hat das Aktionsbündnis seine Forderungen in sieben Eckpunkten zusammengetragen. Bund und Ländern sollen

  • der Kooperation und Freiwilligkeit Vorrang vor Verboten und Auflagen einzuräumen,
  • zur Sicherung der Weidetierhaltung ein aktives Wolfsmanagement umsetzen,
  • Insektenschutz nur im Dialog und in Kooperation mit den Landnutzern umsetzen,
  • beim Gewässerschutz stärker regional differenzieren und die Kooperation stärken,
  • Waldbewirtschaftung und -nutzung zur Steigerung der CO2-Senke Wald stärken,
  • Klimaschutzleistungen der Land- und Forstwirtschaft honorieren und Klimaanpassungsmaßnahmen im ländlichen Raum unterstützen.


Zur Lage der bäuerlichen Betriebe

Deutlich wird, dass die Akteure den Weg zur Verbesserung ihrer Lage nicht in der Veränderung der verfehlten Subventionspolitik der EU sehen, sondern im Widerstand gegen Maßnahmen, die die Einhaltung von Umweltrichtlinien einfordern und diese verschärfen sollen. Nach Darstellung im Situationsbericht des Deutschen Bauernverbandes (DBV) verzeichneten deutsche Landwirte für das zurückliegende Wirtschaftsjahr 2018/19 schwache Ergebnisse. Ein gestiegener Kostendruck, die Folgen der Dürrejahre und niedrige Erzeugerpreise hätten die Unternehmensergebnisse im vergangenen Wirtschaftsjahr deutlich verschlechtert. Das drücke sich auch in den zukünftigen Investitionen der Betriebe aus. »Nur 30% der Betriebe planen in den nächsten Monaten zu investieren«, sagte der Präsident des Deutschen Bauernverbandes (DBV), Joachim Rukwied.

Die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe nahm laut Situationsbericht zwischen 2007 und 2018 um 54.900 auf 266.700 Betriebe ab, was einem Rückgang um 17,1% entspricht. Pro Jahr entspricht dies einer Abnahmerate von etwa 1,7%. Damit scheint sich der landwirtschaftliche Strukturwandel etwas verlangsamt zu haben. In den Jahrzehnten zuvor lag die durchschnittliche jährliche Abnahmerate der Betriebe bei etwa 3%, was statistisch etwa alle 20 Jahre eine Halbierung der Zahl der Betriebe entspricht.

Maßgeblich beigetragen zu dieser Entwicklung hat die bisherige Praxis der Subventionsvergabe durch die EU. Die Gemeinsame Europäische Agrarpolitik (GAP) ist der einzige voll gemeinschaftlich finanzierte Politikbereich der EU und seit 1962 in Kraft. Anfangs war die EU-Agrarpolitik vor allem auf hohe Ernteerträge ausgerichtet, um die Versorgung der Bevölkerung zu gewährleisten. Inzwischen geht es mehr darum, die EU-Landwirte auf dem Weltmarkt wettbewerbsfähig zu halten und hohe Standards zu gewährleisten.

58 Mrd. Euro Agrarzahlungen bekommen die Bauern in der EU aktuell aus Brüssel, davon 6,3 Mrd. Euro die deutschen Landwirte. Gut zwei Drittel des Agraretats sind sogenannte Direktzahlungen bzw. Flächenprämien. Nach Deutschland fließen jährlich etwa fünf Mrd. Euro aus dieser sogenannten ersten Säule.

Das heißt: Jeder Landwirt in Deutschland bekommt für jeden Hektar, den er bewirtschaftet 176 Euro. Dazu kommt noch eine sogenannte Greeningprämie von 85 Euro pro Hektar. Die gibt es allerdings nur, wenn der Bauer auf 5% seiner Flächen ökologische Maßnahmen ergreift, zum Beispiel Blühstreifen anlegt oder den Boden im Winter mit Zwischenfrüchten vor Erosion schützt. Um kleinere Betriebe besser zu stellen, kommen noch weitere Gelder dazu: Für die ersten 30 Hektar jeweils 50 Euro, für weitere 16 Hektar nochmal je 30 Euro. Derzeit tragen die Direktzahlungen im Durchschnitt rund 40% zum Einkommen eines Landwirts bei.

Daneben gibt es noch eine zweite Säule in Höhe von 1,3 Mrd. Euro – Geld für konkrete Leistungen wie Umwelt-, Klimaschutz- oder Tierwohlmaßnahmen. Für entsprechende Programme, an denen die Bauern freiwillig teilnehmen können, legen Bund und Länder im Rahmen der Kofinanzierung nochmal die gleiche Summe drauf. Weil die Kritik an den bisherigen EU-Direktzahlungen und die Forderung »Öffentliches Geld nur für öffentliche Leistungen« immer lauter wird, sollen in Deutschland nächstes Jahr 6% der Gelder (304 Mio. Euro) aus der ersten Säule in die zweite umgeschichtet werden. Für 2020 heißt das: weniger Flächenprämien, dafür mehr Geld für Umwelt- und Entwicklungsprogramme oder Infrastrukturprojekte im ländlichen Raum, zum Beispiel Dorferneuerung.

In dem vom BUND und den Grünen nahestehenden Böll-Stiftung schon im Januar 2019 vorgelegten »Agrar-Atlas« wird eine grundlegende Reform der milliardenschweren EU-Agrarsubventionen gefordert. Die derzeit fast 60 Mrd. Euro Fördergelder pro Jahr kämen hauptsächlich industriellen Großbetrieben zugute. Die Autoren sprechen sich für eine andere Verteilung der Gelder aus, die umweltfreundliches Wirtschaften stärker fördern soll.

Verabschieden müsse man sich besonders von der pauschalen Flächenprämie, durch die ein Großteil des EU-Geldes anhand der Fläche der Betriebe ausgezahlt wird. Das führe dazu, dass 1% der Betriebe 20% der Gelder bekomme. »Pauschale Flächenprämien sind ungerecht und unökologisch.« Rund drei Viertel des EU-Agrarbudgets gehen momentan in Form von Direktzahlungen an die Landwirte. Eine zweite Säule ist für die Entwicklung des ländlichen Raums vorgesehen.

In der EU wird derzeit über die Verteilung der Agrargelder ab 2021 diskutiert. An der Flächenbindung soll nach den aktuellen Plänen aber festgehalten werden. Geplant ist aber eine Obergrenze: Ab 60.000 Euro pro Betrieb soll die Förderung gekürzt, bei 100.000 Euro soll sie vollständig gekappt werden. Allerdings soll auch Arbeits- und Gehaltskosten – etwa bei Höfen mit sehr vielen Angestellten – berücksichtigt werden. Ein großer Betrieb kann dadurch weiterhin auf weit mehr als 100.000 Euro Förderung kommen.

Das Prinzip »mehr Geld für mehr Fläche« trägt aus Sicht der Autoren des »Agrar-Atlas« auch dazu bei, dass europaweit Landwirte ihre Höfe aufgeben. Das waren zwischen 2005 und 2016 knapp 30% aller Betriebe in der EU, die meisten Kleinbauern. Der EU-Rechnungshof hat den jüngsten Vorschlag der EU-Kommission zur Reform der Agrarpolitik unlängst ebenfalls kritisiert. Aus Sicht der Rechnungsprüfer käme der Umweltschutz mangels verbindlicher Vorgaben künftig wohl zu kurz.

Bei der vorangegangenen Agrarreform 2013 waren die Vorgaben für umweltverträglicheren Ackerbau noch verschärft worden. Rund 30% der Zahlungen an EU-Geldern wurden an die Einhaltung entsprechender Auflagen geknüpft. Dafür müssen die Bauern etwa einen Teil ihrer Felder mehr der Natur überlassen und Monokulturen vermeiden.

Die Flächensubventionen haben die Preise in die Höhe getrieben. Das führt dazu, dass  der Bodenkauf für Berufseinsteiger und kleine Betriebe unrentabel ist. Stattdessen wäre es sinnvoller, gezielt Landwirte zu fördern, die etwa Umweltmaßnahmen umsetzen oder zur Landschaftspflege beitragen.

Dagegen positionieren sich der Bayerische und der Deutsche Bauernverband, weil dadurch das Einkommen der Landwirte effektiv sinke. Bauernverbandspräsident Joachim Rukwied warnte vor zu strengen Auflagen: »Die finanzielle Zukunftsfähigkeit der Bauernhöfe darf nicht gefährdet werden. Für viele Betriebe sind die Direktzahlungen lebenswichtig.«


Das Agrarpaket

Der Bundesregierung ist es bisher nicht gelungen ein Agrarpaket zu schnüren, dass durch klare Fördermaßnahmen für kleine Produzenten deren Existenz sichert, während gleichzeitig eine Systemumstellung erfolgen muss. Das von der Deutschen Bundesregierung vorgelegte Agrarpaket besteht aus drei Elementen:

Erstens: Es soll es Anhebung der Umschichtungen von der ersten in die zweite Säule von bisher 4,5% auf 6% geben. Die Forderung von NGOs, Bioverbänden, einzelnen Parteien (SPD, Grüne) belaufen sich dagegen auf 15 %. Durch die Anhebung ergibt sich eine Kürzung der Direktzahlungen um 4,50 Euro pro Hektar. 90% der sich durch die Anhebung ergebenden Aufstockung der in der zweiten Säule zur Verfügung stehenden Haushaltsmittel sollen ausschließlich für die Landwirtschaft abrufbar sein.

Zweitens: Der Entwurf des Tierwohlkennzeichengesetzes, den das Bundeskabinett beschlossen hat, bleibt auf der Ebene der »Freiwilligkeit« und damit unverbindlich. Klare Ansagen über gesetzliche Standards in Bezug auf den Tierschutz sollen ohne Nennung eines konkreten Termins in einer Rechtsverordnung festgelegt werden.

Drittens: Klimaschutzmaßnahmen inkl. Insektenschutzprogramm und Novellierung. Die Klimaschutzmaßnahmen fußen auf einem 10-Punkte-Plan, wobei vor allem die Senkung der Stickstoffüberschüsse (Nitrat) und die Energetische Nutzung von Wirtschaftsdüngern den Protest der Bauernaktivist*innen hervorruft.


Zum Selbstverständnis von »Land schafft Verbindung«

Dies war der berühmte »Tropfen auf den heißen Stein«, der auch zur Gründung des LsV (»Land schafft Verbindung«) geführte hat. Am 1. Oktober gründete Maike Schulz-Broers die Facebookgruppe »Land schafft Verbindung«. Drei Wochen später, am 22. Oktober, strömten Zehntausende Menschen mit Tausenden Schleppern in mehrere deutsche Innenstädte. Sie machten auf die existenzbedrohende Situation vieler Landwirte aufmerksam und wünschten sich Gespräche mit der Politik. Die Proteste gaben der Branche neuen Elan. Dagegen wurden innerhalb des Orga-Teams Differenzen deutlich, die schnell eskalierten. Bei Facebook und Whats­App gab es heftige Anfeindungen gegen Maike Schulz-Broers, der vorgeworfen wurde, sie habe eine Nichtregierungsorganisation wie Greenpeace gründen wollen mit ihr an der Spitze, und dass sie sich unabgesprochen mit der Spitze des Deutschen Bauernverbandes getroffen habe.

Alle Seiten betonen ihre Unabhängigkeit von Parteien und Verbänden, was aber die Spaltung nicht verhindern konnte: Es gab vorübergehend zwei Initiativen. Und zwar »Land schafft Verbindung – das Original« um Maike Schulz-Broers, und »Land schafft Verbindung – Deutschland«, deren Ziel es ist, Vereinsstrukturen mit Wahlen in den Bundesländern und auf Bundesebene zu etablieren. Nachdem die Gruppe »Deutschland« erfolgreich die Großdemonstration vom 26.11. in Berlin organisiert und durchgeführt hatte, haben sich beide Gruppen wieder zusammengeschlossen.

Auf ihrer Homepage wird deutlich, worum es geht: »Wir Landwirte stehen für Insekten- und Naturschutz, für sauberes Grundwasser und gesunde Lebensmittel, für eine klimaschonende Landwirtschaft und Tierwohl in unseren Ställen. Bereits heute gibt es in unserem Land zahlreiche Aktivitäten und Kooperationen, um Tierwohl sowie Artenschutz nachhaltig und wissenschaftlich basiert weiterzuentwickeln und zu stärken. Wir Landwirte können das und wollen das!

Aber machbar ist dies nur unter sinnvoller Abwägung von Ökonomie, Ökologie sowie unter Berücksichtigung der sozialen Strukturen. Diesen Weg kann man nur miteinander beschreiten, nicht gegeneinander! Das Agrarpaket wurde durch die Bundesministerien ohne vorherigen Dialog mit der Branche, aber vor allem ohne eine der Tragweite entsprechenden Folgenabschätzung für die ländlichen Räume, die Versorgungssicherheit mit regionalen Lebensmitteln sowie die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Landwirtschaft erarbeitet. Dagegen verwahren wir uns und nicht gegen das Agrarpaket generell.«

Eine der Kernforderungen ist, »dass landwirtschaftliche Flächen in Schutzgebieten auch zukünftig nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch erfolgreich bewirtschaftet werden können. Hier sind smartere Lösungen als plumpe Verbote gefragt.«

Gemeint ist das Maßnahmenpaket der Bundesregierung. Es sieht vor, dass Direktzahlungen an Agrarbetriebe umgeschichtet und verstärkt an Umweltschutzauflagen gebunden werden. Besonders kritisiert werden die Insektenschutzpläne. 2,3 Mio. Hektar Fläche wären von erheblichen Einschränkungen betroffen. Auch die geplanten Änderungen bei der Düngeverordnung führten zu »Unterdüngung«, heißt es. »In den sogenannten roten Gebieten schadet das dem Boden und dem Wasser mehr, als es nützt.«  Als »rote Gebiete« werden in der Düngeverordnung Gebiete mit einer hohen Belastung bezeichnet. Dort müssen Landwirte bereits seit 2017 zusätzliche Auflagen bei der Düngung erfüllen.

Der LsV trumpft in seiner Selbstdarstellung mächtig auf: »Nach den Ankündigungen der Bundesregierung, ideologisch anmutende Gesetzespakete an den Start zu bringen und den Landwirten sogar gedroht wurde, Strafzahlungen der Alterssicherung der Landwirte anzulasten, wurde am 01. Oktober 2019 die Facebook-Gruppe ›Land schafft Verbindung‹ gegründet. (…) Zum heutigen Zeitpunkt sind nun etwa 15.000 Menschen bei Facebook und ca. 100.000 bei WhatsApp zusammen und gestalteten GEMEINSAM einen großen Aktionstag am 22.10.2019, der bundesweit wahrnehmbar war.«

Andere Akzente bei seiner Kritik am Agrarpaket setzt der BDM (Bund Deutscher Milchbauern). »Bei nüchterner Betrachtung ist den Maßnahmen kaum zu widersprechen. Die angestrebte Reduktion von Pflanzenschutzmitteln sollte auch Ziel der Landwirtschaft sein. Eine Grundvoraussetzung dafür ist eine Verbesserung der wirtschaftlichen Situation durch eine Weiterentwicklung der Gemeinsamen Marktordnung zur deutlichen Verbesserung der Marktstellung der Landwirtschaft gegenüber der Verarbeitungsindustrie. Damit kann auch überzogenen Anforderungen der Verarbeiterseite im Hinblick auf Standards begegnet werden.«

Und weiter: »Es gelten die im Zusammenhang mit den Aktionen gestellten Schwerpunktforderungen, die den Forderungen von ›Land schafft Verbindung‹ nicht widersprechen. Solange in der Agrarmarktpolitik nicht umgesteuert wird, können auch keine neuen Auflagen akzeptiert werden! Für ein gemeinsames Weiterwirken in dieser Bauernbewegung und nachhaltige Erfolge, müssen deren Forderungen entsprechend erweitert werden.«

Als Reaktion auf die Proteste hat Bundeskanzlerin Angela Merkel hat am 2. Dezember rund 80 Vertreter aus Landwirtschaft, Organisationen und Verbänden zu einem dreistündigen Gespräch im Kanzleramt getroffen. Dabei sind zwölf Punkte verabredet worden. Es soll eine »Zukunftskommission Landwirtschaft« eingerichtet werden, die unter Einbindung von Praktiker*innen, Wissenschaftler*innen und gesellschaftlichen Akteuren, praxistaugliche Wege für eine produktive und ressourcenschonende Landwirtschaft aufzeigen soll. Der Deutsche Bauernverband und das Aktionsbündnis »Land schafft Verbindung« sollen in Gespräche mit den vielen unterschiedlichen Interessenvertretungen der konventionellen und ökologischen Landwirtschaft um ein Verhandlungsmandat für die gesamte landwirtschaftliche Branche werben.

Die bisherigen Vorschläge und Erlasse zur Korrektur einer Fehlentwicklung der Landwirtschaft durch EU-Kommission und Bundesregierung bewegen sich weiterhin innerhalb des Prinzips »mehr Geld für mehr Fläche«. Für viele Produzent*innen stellen sie das Prinzip nicht infrage, und somit bleibt nur der Teilaspekt der Einschränkungen und geforderten Veränderungen. Wenn notwendige Veränderungen dann nicht mehr rational diskutiert werden, sondern nur als Verbote wahrgenommen werden, muss von Seiten der Regierung eine weitergehende Konzeption vorgelegt werden, die überzeugend für die Landwirte ist und existenzsichernde Perspektiven eröffnet und dem Klimaschutz gerecht wird. Gelingt dies nicht, bleibt die Flanke für das weitere Eindringen rechtspopulistischer Einflüsse offen.


Weitere Aktionen folgen

Viele weitere Absichtserklärungen sind noch keine Garantie für tatsächliche Änderungen der bisherigen Beschlüsse der Regierung. Am 18. Januar wird deshalb wieder zu einer Großdemonstration in Berlin aufgerufen, die nicht vom LsV, sondern von einem Bündnis ökologisch orientierter Initiativen und Organisationen getragen wird.

»Wir haben Agrarindustrie satt!

Wir sind Bäuerinnen und Bauern, konventionell und bio, von Tierhaltung bis Ackerbau, wir sind LebensmittelhandwerkerInnen, Natur-, Umwelt- und TierschützerInnen, Aktive der Entwicklungszusammenarbeit, engagierte Jugendliche und kritische Bürgerinnen und Bürger. Seit 2011 gehen wir zum Auftakt der weltgrößten Agrarmesse ›Grüne Woche‹ für bäuerliche Betriebe und eine ökologischere Landwirtschaft in Berlin auf die Straße. …

Liebe Bäuerinnen und Bauern, es ist offensichtlich – ein ›Weiter so‹ auf den Höfen und in der Agrarpolitik geht nicht mehr. Die Belastungsgrenzen unserer Erde werden überschritten. In der Land- und Forstwirtschaft sind wir die ersten, die mit den Auswirkungen des Klimawandels konfrontiert sind. Das soziale Ungleichgewicht wird größer – gerade auf dem Land. Die internationalen Märkte sichern die wirtschaftliche Tragfähigkeit vieler Höfe nicht ab. Der Umbau der Nutzierhaltung drängt sich seit Jahren auf. Nicht nur die wirtschaftliche, sondern auch die persönliche Belastungsgrenze vieler Kolleginnen und Kollegen ist erreicht.

Die Zeit ist reif

  • für eine ehrliche Wertschätzung bäuerlicher Arbeit,
  • für gerechte Preise und ein ausreichendes Einkommen,
  • für einen flächendeckenden Arten-, Klima- und Wasserschutz,
  • für eine besonders artgerechte Tierhaltung,
  • für eine Reform der Agrarpolitik, welche die Vielfalt der Bauernhöfe absichert,
  • für Regeln im Marktgeschehen, die den Absturz von Erzeugerpreisen verhindern.
  • für eine Offensive, die Existenzgründungen in der Landwirtschaft fördert,
  • für Welthandel, der die Menschenrechte achtet und Dumping ausschließt,
  • für faire Arbeitsbedingungen in der gesamten landwirtschaftlichen Lieferkette,
  • für ein neues gemeinsames Miteinander von Stadt und Land.

Dies zu schaffen ist eine Herkulesaufgabe. Wir sind bereit sie anzupacken.

Wir machen Politik und Gesellschaft ein Angebot: Bis 2035 werden wir in Deutschland flächendeckend umwelt- und klimaschonenden Ackerbau praktizieren und unsere Nutztiere artgerecht halten. Für diese Forderungen sowie unsere persönlichen Botschaften steigen wir auf die Trecker, fahren nach Berlin und werden zusammen mit der Zivilgesellschaft am 18. Januar 2020 bei der Internationalen Agrarministerkonferenz und auf der Demonstration ›Wir haben Agrarindustrie satt!‹ durch Berlin ein starkes bäuerliches Zeichen setzen.«

Ob der LsV sich auch noch entscheidet zu dieser Demo aufzurufen, bleibt offen. Die Zahl der Teilnehmer*innen wird einen Hinweis liefern, wer innerhalb der Landwirtschaftsszene die Deutungshoheit erlangen wird.

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