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Neue VSA: Bücher

Bernd Riexinger
Neue Klassenpolitik
Solidarität der Vielen statt Herrschaft der Wenigen
160 Seiten | EUR 14.80
ISBN 978-3-89965-827-9

Knut Nevermann (Hrsg.)
Die 68er
Von der Selbst-Politisierung der Studentenbewegung zum Wandel der Öffentlichkeit
248 Seiten | EUR 19.80
ISBN 978-3-89965-793-7

Uwe Hoering
Der Lange Marsch 2.0
Chinas Neue Seidenstraßen als Entwicklungsmodell
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160 Seiten | EUR 14.80
ISBN 978-3-89965-822-4

Hartmut Meine
Gewerkschaft, ja bitte!
Ein Handbuch für Betriebsräte, Vertrauensleute und Aktive
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ISBN 978-3-89965-779-1

IG Metall Bezirk Baden-Württemberg (Hrsg.)
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160 Seiten | Hardcover | durchgehend farbig | Abbildungen | EUR 16.80

Klaus Busch/Joachim Bischoff/Hajo Funke
Rechtspopulistische Zerstörung Europas?
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ISBN 978-3-89965-778-4

Marcello Musto
Der späte Marx
Eine intellektuelle Biografie der Jahre 1881 bis 1883
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Karl Marx
Das Kapital
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Buch I: Der Produktionsprozess des Kapitals
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ISBN 978-3-89965-777-7

27. Juni 2018 Klaus Bullan: Der Bildungsbericht 2018

Bildungsexpansion in Deutschland – nicht für alle

Der alle zwei Jahre von einer Autorengruppe von Wissenschaftler*innen renommierter Institute erarbeitete Bildungsbericht 2018[1] für die Bundesrepublik Deutschland ergänzt die Bildungsberichterstattung der OECD (Bildung auf einen Blick, PISA etc.) um die nationale Sicht.

Höhere Bildungsbeteiligung von der Kita bis zur Hochschule und weiterhin bestehende – teilweise sich ausdehnende – massive Ungleichheiten bei Teilhabe und Ergebnissen in verschiedenen Bevölkerungsteilen sind die hervorstechenden Merkmale der diesjährigen Ergebnisse: Haushalte, in denen Kinder unter 18 Jahren leben, sind im Jahr 2016[2] in der Bundesrepublik die Minderheit, in 52% der Haushalte leben keine Kinder. (Ehe)Paare/Lebensgemeinschaften mit Kindern, 1996 mehr als 50% der Haushalte, machen 2016 nur noch 40% aus, die Zahl der Haushalte ohne Kinder und die von Alleinerziehenden hat zugenommen.

Der Bildungsbericht gibt Auskunft darüber, wie sehr sich das Leben mit Kindern verändert hat. Die Frauenerwerbsquote hat weiter zugenommen, besonders bei Frauen mit akademischer Bildung. Nur noch 20% der Haushalte mit Kindern sind »Alleinverdienerhaushalte«, 20% Alleinerziehendenhaushalte und in 60% der Haushalte arbeiten beide Partner– Frauen meist in Teilzeit. Allein im ersten Jahr nach der Geburt ist die Frauenerwerbsquote mit Einführung des Elterngeldes zurückgegangen. Mehr als 90% der Elterngeldzeiten werden nach wie vor von Frauen in Anspruch genommen.

Steigende Geburtenraten, Zuzüge von Migrant*innen und höhere Erwerbsquoten von Frauen führen zu einem massiven Ausbau von Kindertageseinrichtungen für die bis zu Sechsjährigen. Jedes dritte Kind unter drei Jahren und 94% der Drei- bis Sechsjährigen besucht 2016 eine Kindertagesbetreuung. Dass diese Quote konstant geblieben und nicht gestiegen ist, liegt daran, dass der Ausbau der Einrichtungen personell und finanziell nicht mit dem Bedarf Schritt hält. Bei starken regionalen Disparitäten zwischen Stadt und Land, Ost und West sowie Nord und Süd bleiben Quantität und Qualität der Kitas und Krippen weit hinter den Bedürfnissen zurück. Insbesondere für die unter Dreijährigen gibt es eine große Lücke zwischen Betreuungswunsch und Realität. Dabei spielen neben dem Vorhandensein einer Krippe überhaupt, wo es vor allem Engpässe im Süden der Republik gibt, auch die Öffnungszeiten eine große Rolle.

Nur im Osten sind die Öffnungszeiten den Bedürfnissen der Erwerbstätigkeit weitgehend angepasst. Im Westen ist es kaum irgendwo möglich, Kinder vor 7:00 Uhr und nach 18:00 Uhr betreuen zu lassen. Regionale Disparitäten gibt es auch bezüglich der Beitragsfreiheit: Nur in wenigen Ländern sind alle Kitajahre beitragsfrei, in einigen gibt es keinerlei Beitragsfreiheit und in den meisten Ländern ist das letzte Jahr vor der Schule beitragsfrei.

Trotz erheblichem Ausbau der Beschäftigung im Kitabereich seit 2006 um 62% auf jetzt mehr als 600.000 Beschäftigte bleibt die personelle Ausstattung weit hinter den geforderten pädagogischen Standards zurück, bei massiven regionalen Unterschieden: »In Gruppen für Kinder zwischen 3 Jahren und dem Schuleintritt lag der Personalschlüssel zuletzt bei 1 zu 8,5. Die großen Unterschiede zwischen West und Ostdeutschland wie auch zwischen den Ländern bestehen nach wie vor. Dabei reicht beispielsweise die Spanne in Gruppen für unter 3 Jährige von 1 zu 3,0 in BadenWürttemberg bis zu 1 zu 5,9 in Sachsen (Abb. C42, Tab. C412web), sodass Kinder entsprechend ihrem Wohnort ganz unterschiedliche Bedingungen hinsichtlich der Personalausstattung vorfinden.«

Bei Mehrbedarfen durch nicht erfüllte Elternwünsche, Personalschlüsselverbesserungen, steigende Kinderzahlen und höhere Anforderungen an das Personal durch Inklusion behinderter Kinder und Kinder mit mangelnden Sprachkenntnissen konstatiert der Bildungsbericht eine Deckungslücke von über 300.000 Vollzeitstellen bis 2025.

17,1 Mio. Menschen beteiligen sich 2016 an Bildung, wobei neben den steigenden Geburtenzahlen und Zuzügen auch der Trend zu früherer, längerer und besserer Bildung entscheidend ist. Der Trend zu Ganztagsschulen ist ungebrochen. Im Grundschulbereich haben sich die Ganztagsangebote von 2006 bis 2016 von unter 30% auf 66% erhöht, wobei nach wie vor sog. offene Angebote, die wahrgenommen werden können, aber nicht müssen, gegenüber gebundenen Angeboten, in denen die Nachmittagsschule verbindlich ist, bei weitem überwiegen. Auch hier gibt es riesige Unterschiede zwischen den Ländern. Während in Hamburg 91% der Grundschüler*innen Ganztagsangebote wahrnehmen sind das in Baden-Württemberg gerade 21%.

Die Abiturientenquote (Hochschul- und Fachhochschulreife) beträgt 2014 52,8%. Es ist also inzwischen eine Minderheit, die keine Studienberechtigung erwirbt. Neben starken regionalen Unterschieden – Hessen: 63,8%  Sachsen-Anhalt 38,1% – ist die soziale Prägung der Bildungsbeteiligung entscheidend. »Die sozialen Disparitäten im Bildungsbereich sind unverändert stark ausgeprägt: Kinder aus Haushalten mit hohem Bildungsstand besuchen häufiger allgemeinbildende Schulen (76%), die zu einer Hochschulreife führen, als Kinder aus Haushalten mit niedrigerem Bildungsstand (54%).«

Das gilt auch anders herum: »Während ein Großteil der Hauptschulen mit einer Schülerschaft mit niedrigem Sozialstatus, hohem Migrationsanteil und geringem Leistungsniveau konfrontiert ist, zeigt sich an Gymnasien ein entgegengesetztes Muster.«

Dieses Bild, dass die Bildungsbeteiligung insgesamt stark ansteigt, aber ein sozial benachteiligter Teil der jungen Menschen davon ausgeschlossen ist, setzt sich fort, wenn man die berufliche Bildung und die Hochschulbildung betrachtet.

Neben der Ausbildung im dualen System und im Schulberufssystem existiert an den beruflichen Schulen das sog. Übergangssystem, in dem Schüler*innen landen, die keinen Ausbildungsplatz finden, was nicht auf mangelnde Ausbildungsreife, sondern vor allem auf fehlende Ausbildungsplätze zurückzuführen ist. Trotz kurzzeitiger demografischer Entspannung »fehlen in knapp drei Viertel der Arbeitsagenturbezirke nach wie vor Ausbildungsplätze, wobei sich ein Süd-Nord-Gefälle abzeichnet.« Insbesondere bei den Berufen für Menschen mit Behinderungen gibt es eine Verschlechterung der Angebots-Nachfrage Relation.

In allen Ländern ist ein »deutlicher Anstieg ausländischer Jugendlicher im Übergangssektor erkennbar, deren Anteil von 14 % der Neuzugänge 2005 auf 36% im Jahr 2016 gewachsen ist.« Neben der Fluchtbewegung seit 2015 ist dies auch auf die Benachteiligung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund bei der Ausbildungsplatzsuche zurückzuführen.

Ganz allgemein gilt: »Die verallgemeinerte Annahme, dass Jugendliche, die zunächst eine Alternative im Übergangssektor besuchen, auch niedrigere Kompetenzen aufweisen, kann nicht bestätigt werden. Dies steht im Gegensatz zur öffentlichen Wahrnehmung, in der mit den Jugendlichen im Übergangssektor nicht selten niedrige Kompetenzausprägungen verbunden werden, die schließlich zum Teil auch als Ursache für das Scheitern bei der Ausbildungsplatzsuche gelten.«

Die Studienanfängerquote [3] lag 2016 bei 56,7% und damit weiterhin wie in den fünf vorhergehenden Jahren bei über 500.000 Personen. Nach wie vor ist das Studium fest in der Hand derjenigen, die Eltern mit akademischer Bildung haben. Fast 80% der Akademikerkinder gelangen an die Hochschule, aber nur ein knappes Viertel derjenigen, die Eltern mit einer beruflichen Ausbildung haben.

In Zeiten wie diesen, in denen ein Abitur und ein Hochschulstudium immer mehr zum »Standard« in den Bildungsbiografien der jungen Menschen in Deutschland und Europa wird, ist es umso schwieriger für diejenigen, die da nicht mithalten können, einen Platz im Beschäftigungssystem und in der Gesellschaft zu finden. Der Bildungsbericht 2018 zeigt klar, dass die Bildungschancen ganz ungleich verteilt sind. Kinder aus armen Familien, aus ethnisch und sozial benachteiligten Familien und aus bildungsfernen Elternhäusern werden auch im Bildungssystem benachteiligt und partizipieren nicht ausreichend an der Bildungsexpansion.

Es bedarf massiver Investitionen in alle Bildungsbereiche, um diese Schieflage Schritt für Schritt zu begradigen. Abgehängte Regionen, benachteiligte Stadtteile und Familien in sozialen Problemlagen brauchen zusätzliche Mittel für den quantitativen Ausbau und die qualitative Weiterentwicklung ihrer Bildungseinrichtungen und intelligente Konzepte, um die Bildungschancen der benachteiligten Kinder und Jugendlichen zu verbessern.

Das Fazit des Bildungsberichts klingt nicht optimistisch: »Es bleibt eine große Zahl an Personen mit geringen Bildungserfolgen. Das zeigt sich auf allen Stufen des Bildungssystems und in unterschiedlichsten Aspekten der Bildungsteilhabe sowie der Bildungsergebnisse. Als besonders bedeutsam erweist sich dabei nach wie vor die Herkunft, bei der meist sozioökonomische und migrationsbezogene Problemlagen zusammenfallen. Trotz vieler bildungspolitischer Reformprojekte und damit verbundener Verbesserungen ist es bisher nicht gelungen, Bildungsungleichheiten entscheidend zu verringern ... Die Kluft zwischen Personen, die ihre Bildungserfolge Schritt für Schritt steigern können, und anderen, deren ungünstige Ausgangslagen langfristig nachwirken, könnte größer werden.«

[1] www.bildungsbericht.de , alle Zitate aus diesem Bildungsbericht.
[2] Alle Daten beziehen sich, wenn nicht anders angegeben, auf Erhebungen in 2016.
[3] Die Studienanfängerquote gibt an, wie hoch der Anteil der Studienanfänger*innen an der altersspezifischen Bevölkerung ist.

 

 

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