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16. September 2018 Klaus Bullan: Die OECD-Studie »Bildung auf einen Blick 2018«

Bildungsgerechtigkeit im Fokus

Von der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, widmet sich die diesjährige OECD-Studie zur Bildung[1] schwerpunktmäßig der Bildungsgerechtigkeit. Ausgangspunkt sind die von der UNO 2015 beschlossenen nachhaltigen Entwicklungsziele bis 2030.

»Die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals – SDGs) ..., die von der 70. Generalversammlung der Vereinten Nationen 2015 verabschiedet wurden, sind ein universeller Aktionsaufruf, um die Armut zu besiegen, den Planeten zu schützen und sicherzustellen, dass alle Menschen in Frieden und Wohlstand leben. Das vierte Ziel (SDG 4) lautet ›Inklusive, gleichberechtigte und hochwertige Bildung gewährleisten und Möglichkeiten lebenslangen Lernens für alle fördern.‹«

Es soll durch die Umsetzung von zehn Zielvorgaben erreicht werden, »die die umfassendste und ehrgeizigste globale Bildungsagenda darstellen, die je in Angriff genommen wurde. Hierbei ist Zielvorgabe 4.5 mit dem Schwerpunkt Chancengerechtigkeit für die diesjährige Ausgabe von Bildung auf einen Blick von besonderem Interesse.«

Die OECD Studie 2018 »zeigt, dass der Bildungsstand in den letzten zehn Jahren zwar signifikant angestiegen ist, dass aber mangelnde Gerechtigkeit, die früh im Leben auftritt, sich tendenziell in späteren Jahren akkumuliert. Zu den verschiedensten Auslösern zuerst im Bildungssystem und dann auf dem Arbeitsmarkt gehören sozioökonomischer Status, Geschlecht, Migrationshintergrund und geografischer Standort.«

Das gilt für die an der Untersuchung teilnehmenden Länder generell. Folgende Ergebnisse sind bezogen auf die Bildungsgerechtigkeit zentral:

  • Der Einfluss des sozioökonomischen Status auf die Chancengerechtigkeit in der Bildung nimmt im Laufe des Lebens zu.
  • Der geschlechtsspezifische Unterschied begünstigt Mädchen im Bildungssystem, aber Männer auf dem Arbeitsmarkt.
  • Die Wahrscheinlichkeit, an Bildung teilzunehmen und im Arbeitsmarkt erfolgreich zu sein, ist für im Ausland geborene Erwachsene und Erwachsene mit Migrationshintergrund geringer.
  • Obwohl die öffentlichen Ausgaben im Bildungsbereich steigen, stammt ein signifikanter Teil der gesamten Mittel für den Tertiärbereich und die vorschulische Bildung vom privaten Sektor.

Kinder aus sozioökonomisch benachteiligten Familien und Kinder mit Migrationshintergrund – so zeigen Forschungsergebnisse – profitieren am meisten von hochwertigen Angeboten frühkindlicher Bildung. Beim Ausbau dieser Bildungseinrichtungen in den letzten zehn Jahren ist aber zu wenig auf die Beteiligung dieser Bevölkerungsgruppen geachtet worden, was die Ungleichheiten in den OECD Ländern verstärkt.

»Im Durchschnitt der OECD-Länder nehmen nur 28% der Kinder aus Haushalten, deren Einkommen im niedrigsten Terzil liegt, an FBBE-Angeboten (Frühkindliche Bildung, Betreuung, Erziehung) teil im Vergleich zu mehr als 44% der Kinder aus Haushalten, deren Einkommen im höchsten Terzil liegt.« Kinder aus Familien mit sozioökonomisch ungünstigem Hintergrund benötigen zwar am dringendsten ein gutes FBBE-Angebot, »häufig fehlen diesen Familien jedoch Informationen über bestehende FBBE-Angebote.«

Durch den Ausbau der frühkindlichen Bildungseinrichtungen für unter dreijährige Kinder in Deutschland in den letzten zehn Jahren ist der Anteil der Kinder, die diese Bildungseinrichtungen besuchen, um 20 Prozentpunkte auf 37% gewachsen und hat sich damit mehr als verdoppelt. Nach wie vor profitieren Kinder aus benachteiligten Familien in geringerem Maße von diesem Ausbau. 49% aller Kinder, deren Mütter einen Hochschulabschluss haben, nehmen daran teil, aber nur 37% der Kinder von Müttern ohne Hochschulbildung. Die Bildungsexpansion in diesem Bereich geht also nicht einher mit mehr Bildungsgerechtigkeit – die Schere öffnete sich gerade auch hierzulande mit zunehmendem Alter der Bildungsteilnehmer*innen immer weiter.

Zwar gehört Deutschland zu den Staaten der OECD, in denen ein großer Teil der Jugendlichen einen Sekundarstufen II-Abschluss erwirbt. 13% der Jugendlichen verlassen die Schule ohne einen solchen Abschluss. Das liegt unter dem OECD-Durchschnitt von 15%, aber zahlreichen Ländern in Europa gelingt es, diesen Anteil unter 10% zu halten. Wenn der Sekundarstufen II Abschluss heute der Standard für die junge Generation ist, sind diejenigen besonders gefährdet, die diesen Abschluss nicht erreichen. Das zeigt sich u.a. daran, dass die Erwerbstätigenquote in dieser Gruppe nur bei 55% liegt (bei denen mit Abschluss sind es 84%), die Erwerbslosenquote derjenigen ohne Abschluss liegt fünfmal höher.

Aufgrund des erfolgreichen Berufsbildungssystems mit der dualen Ausbildung in Deutschland und der guten konjunkturellen Entwicklung der letzten Jahre liegt der Anteil der jungen Menschen, die weder in Bildung, Ausbildung oder Beschäftigung sind (sog. NEET), mit ca. 10% deutlich unter dem OECD-Durchschnitt.

Allerdings ist auch hier von Chancengerechtigkeit nicht viel zu sehen: »In den meisten OECD-Ländern ist der Anteil der NEETs unter den im Ausland geborenen 15- bis 29-Jährigen höher als unter den im Inland geborenen. Im Durchschnitt der OECD Länder gehören 18% der im Ausland geborenen 15-bis 29-Jährigen zu den NEETs, verglichen mit 13% der im Inland geborenen. Am deutlichsten ist der Unterschied in Deutschland und Österreich, dort gehören rund 25% der im Ausland geborenen 15- bis 29-Jährigen zu den NEETs und weniger als 10% der im Inland geborenen. Im Gegensatz hierzu beträgt der Unterschied zwischen den beiden Gruppen in rund einem Drittel der Länder weniger als 3 Prozentpunkte.«

Jeder vierte junge Erwachsene zwischen 15 und 29 Jahren, der nicht in Deutschland geboren ist, befindet sich 2017 weder in Bildung noch in Beschäftigung. Auch wenn dies teilweise auf den ab 2015 gestiegenen Flüchtlingsanteil zurückzuführen ist, bleibt das Problem bestehen, dass es in Deutschland schlechter als in vielen anderen Ländern gelingt, Bildungschancen für Menschen mit Migrationshintergrund zu verbessern.

Das zeigt sich auch beim Zugang zu den Hochschulen und der Erwerbsbeteiligung von Migrant*innen mit akademischer Bildung in Deutschland, die deutlich hinter der von Deutschen zurückbleibt. »Zurückzuführen ist diese Kluft auf die Schwierigkeiten, denen sich im Ausland geborene Erwachsene mit Tertiärbildung bei der Anerkennung ihrer Bildungsabschlüsse und Berufserfahrung im Aufnahmeland gegenübersehen, aber auch auf sprachliche Probleme und möglicherweise die ein oder andere Form von Diskriminierung bei der Suche nach einem Arbeitsplatz.« Das Resultat ist, dass die Beschäftigungsquote der inländischen Hochschulabsolventen eine der höchsten, die der ausländischen eine der geringsten im OECD-Vergleich ist.

Auch der Zugang zur Hochschule ist in Deutschland stark vom sozioökonomischen Status der Eltern bzw. vom ethnischen Hintergrund abhängig. »In Deutschland haben 58% der 25- bis 64-Jährigen mit mindestens einem Elternteil mit Abschluss im Tertiärbereich ebenfalls einen tertiären Bildungsabschluss erreicht. Unter Erwachsenen, deren Eltern höchstens einen Abschluss im Sekundarbereich II oder im postsekundären nichttertiären Bereich erreicht haben, ist der Anteil halb so groß (29%).«

Im Hochschulbereich setzt sich somit fort, was in der frühkindlichen Bildung beginnt und über die Schulabschlüsse weiter geht: Wer hat, dem wird gegeben. Auch wenn durch den Ausbau der Hochschulen und die Steigerung der Studierendenzahlen in den letzten Jahrzehnten mehr junge Menschen eines Jahrgangs studieren, bleibt die Hochschule eine Domäne der Kinder von besserverdienenden und besser gebildeten Eltern. Privilegien vererben sich so weiter, denn Hochschulabsolventen haben nach wie vor eine höhere Erwerbsquote, sind weniger von Arbeitslosigkeit betroffen und haben signifikant höhere Einkommen.

Trotz quantitativem Ausbau des Hochschulbereichs kann von einer »Akademikerschwemme« in Deutschland nicht die Rede sein. Noch immer liegt der Anteil der Studienanfänger*innen, der Studierenden und der Studienabschlüsse unter dem OECD-Durchschnitt. »Vom Anstieg des Bildungsstands in den vergangenen Jahrzehnten haben hauptsächlich Frauen profitiert. Während unter älteren Erwachsenen (55-64 Jahre) mehr Frauen (17%) als Männer (11%) keinen Sekundarbereich-II-Abschluss und weniger Frauen (21%) als Männer (32%) einen Tertiärabschluss erreicht haben, hat sich die Genderlücke bei den Bildungsabschlüssen unter den 25- bis 34-Jährigen nahezu geschlossen.«

Auf allen Bildungsniveaus ist das Einkommen von Frauen geringer als das von Männern. Das ist auch mit der geschlechtsspezifischen Berufs, - Ausbildungs- und Studienwahl zu erklären: 85% beträgt die Frauenquote in der Ausbildung in den Bereichen Gesundheit und Sozialwesen, 9% im Ingenieur- und Bauwesen, an Grundschulen beträgt der Frauenanteil unter den Lehrkräften 87%.

Schließlich zeigt ein Blick auf die Bildungsfinanzierung, dass Deutschland nach wie vor zu wenig in Bildung investiert: »Voraussetzung für hochwertige Bildung ist eine nachhaltige Finanzierung, der Anteil des Volksvermögens, der für Bildung ausgegeben wird, liegt aber unter dem Durchschnitt der OECD-Länder.« Die sogenannte Bildungsrepublik Deutschland ist noch immer weit von den selbstgesteckten Zielen entfernt. »2015 beliefen sich die Ausgaben im Primar, Sekundar- und Tertiärbereich für eigentliche Bildungsdienstleistungen, zusätzliche Dienstleistungen und FuE in Deutschland auf 4,2% des Bruttoinlandsprodukts (BIP), was deutlich unter dem OECD-Durchschnitt von 5,0% lag. Zwischen 2010 und 2015 gingen die Bildungsausgaben in Prozent des BIP um rund 7% und mithin deutlicher zurück als im OECD-Durchschnitt (etwa 5%).

Nach einem Anstieg von 8,9% auf 9,7% der Gesamtstaatsausgaben zwischen 2005 und 2011, sind die öffentlichen Bildungsausgaben 2015 geringfügig auf 9,2%, d.h. unter den OECD-Durchschnitt von 11,0%, gesunken.«

Dass die Ausgaben pro Schüler*in trotzdem noch gesteigert werden konnten, ist allein auf die zurückgehenden Schüler*innenzahlen zurückzuführen. Die jetzt wieder steigenden Schüler*innenzahlen werden die Probleme weiter verschärfen, wie das bereits im Hochschulbereich in den zurückliegenden Jahren zu erkennen war. Dort sind die Ausgaben je Studierenden von 2010 auf 2015 um 12% gesunken.

Besonders gravierend für den notwendigen sozialen Ausgleich im Bildungswesen ist die Tatsache, dass der staatliche Ausgabenanteil in der frühkindlichen Bildung mit 80% einer der geringsten im OECD-Vergleich ist – die privaten Haushalte also einen vergleichsweise hohen Anteil der Bildungskosten für die Jüngsten übernehmen müssen. Die OECD- Studie identifiziert einen hohen Anteil privater Kosten im Bildungsbereich als ein Hemmnis auf dem Weg zur Bildungsgerechtigkeit. Für Erfolgsnachrichten über den Stand der Bildung in Deutschland 2018 taugt der Bericht der OECD nicht. Vom Ziel der Vereinten Nationen, inklusive, gleichberechtigte und hochwertige Bildung zu gewährleisten und Möglichkeiten lebenslangen Lernens für alle fördern, ist die »Bildungsrepublik« Deutschland 2018 weit entfernt.

[1] www.oecd.org/berlin/publikationen/bildung-auf-einen-blick.htm. Bildung auf einen Blick 2018: OECD-Indikatoren und: Länderbericht Deutschland, alle Zitate und Tabellen daraus.

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