Supplement zu Heft 4-2020

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1. März 2020 Joachim Bischoff

Coronavirus als Krisenfaktor der Globalökonomie

Die massive Ausbreitung des Coronavirus beginnt, internationale Lieferketten zu zerstören und hat erste Auswirkungen auf die globale Ökonomie. Zu Beginn dieses Jahres stellte sich die Lage der Weltwirtschaft noch positiv dar: Das Wachstumstempo war leicht rückläufig, aber eine Krisenkonstellation war nicht gegeben. Zwar hatte sich das Wachstum gegenüber 2019 in den USA von 2,9% auf 2,3% und weltweit von 3,6% auf 2,9% leicht verlangsamt.

Allerdings zeichnete sich ein Hineinschlittern in eine globale Rezession nicht ab.[1] Mit der Verbreitung des Coronavirus COVID-19 hat sich diese Konstellation verändert. Es handelt sich nicht um eine auf China begrenzte Epidemie, sondern eine globale Pandemie. Bereits 45 Länder sind von der Verbreitung des Virus betroffen. Erstmals übertraf die Zahl der Neuerkrankungen, die binnen 24 Stunden rund um die Welt gemeldet wurden, die Zahl derer, die in China registriert wurde. Die Volksrepublik, wo das neuartige Virus erstmals Ende Dezember auftauchte, ist gleichwohl noch immer mit Abstand am stärksten betroffen. Der weitere Verlauf der Pandemie ist noch nicht absehbar.

Zuletzt griff das Virus, das Lungenentzündungen verursachen kann, auch in Europa immer stärker um sich, besonders in Italien, wo die Infektionszahl auf über 500 stieg. Die meisten Infektionsfälle nach China zählt Südkorea. Auch in den USA nimmt die Zahl der Infizierten rasant zu. Zuletzt wurden 64 Fälle in sieben Gliedstaaten bestätigt. Noch vor Tagen hatte US-Präsident Donald Trump getwittert, das Coronavirus sei »absolut unter Kontrolle in den USA. Die Aktienmärkte fangen an, sehr gut auszusehen!« Dieser Einschätzung widersprachen US-Gesundheitsexpert*innen, unter ihnen auch Gesundheitsminister Alex Azar.

Ende Februar war nicht nur die Zahl der Neuinfektionen explodiert, auch die Finanzmärkte reagierten mit starken Verlusten auf das sich verbreitende Virus. Der S&P-500-Index brach innerhalb von fünf Handelstagen um 12Prozentpunkte ein, der Dow Jones verzeichnete den größten Punktverlust an einem Tag in seiner Geschichte. Insgesamt war es die schlechteste Woche an der Wall Street seit der Finanzkrise 2008.

Im Versuch, diesen Abwärtstrend aufzuhalten, deutete der Vorsitzende der US-Zentralbank, Jerome Powell, dass die Fed notfalls die Zinsen senken würde, um die Wirtschaft vor den Folgen des Coronavirus zu schützen. »Die Grundlagen der amerikanischen Wirtschaft sind nach wie vor stark. Trotzdem stellt das Coronavirus ein wachsendes Risiko für die Wirtschaft dar.« Die Zentralbank beobachte die Entwicklungen genau und sei bereit, die Wirtschaft »in angemessener Form« zu stützen.

In Japan, wo mehr als 190 Menschen erkrankt sind, sollen die Schulen im März geschlossen bleiben. Saudi-Arabien hat wiederum aus Sorge vor einer Verbreitung des Virus seine Grenzen für Pilgerreisen von Ausländer*innen in die beiden Städte Mekka und Medina geschlossen. In Deutschland ist die weltgrößte Tourismusmesse ITB in Berlin abgesagt worden. Angesichts der rasanten globalen Ausbreitung des Virus verschärfen zahlreiche Länder ihre Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung.


Harmlose Epidemie?

Die ersten Prognosen über die wirtschaftlichen Auswirkungen von COVID-19 waren einschläfernd. Ähnliche Epidemien – wie der Ausbruch des schweren Atemwegssyndroms (SARS), eines ebenfalls aus China stammenden Coronavirus, im Jahre 2002/2003 – hatten weltweit kaum Schaden angerichtet. Auf Landesebene litt zwar das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP), aber es erholte sich rasch, da die Verbraucher*innen Ausgaben nachholten und Unternehmen ihre Lieferrückstände erfüllten. Es zeichnet sich ab, dass das neue Coronavirus viel mehr Schaden anrichten dürfte, die wirtschaftlichen Folgen dürften durch Chinas zunehmender ökonomischer Anfälligkeit verstärkt werden.

Chinas Wirtschaft ist im vergangenen Jahrzehnt deutlich langsamer gewachsen als davor. Das war nach jahrzehntelangem zweistelligem Wachstum zu erwarten, aber das Land hat es geschafft, einen harten Übergang in einen neuen Akkumulationszyklus zu vermeiden. Doch haben die chinesischen Banken einen großen Berg notleidender Kredite akkumuliert, sicher eine Quelle beträchtlicher Risiken.

Angesichts der teilweise durch die beispiellose Quarantäne enormer Bevölkerungsgruppen bedingten Störung der Wirtschaftsaktivität durch COVID-19 zeichnet sich für dieses Jahr ein Konjunkturabschwung ab, bei dem das Wachstum deutlich unter die letztjährige Wachstumsrate von 6,1% fällt. Während der jüngsten Sitzung der Finanzminister der G20 korrigierte der Internationale Währungsfonds (IWF) seine Prognose für China für 2020 auf 5,6% nach unten, das ist das niedrigste Niveau seit 1990. Die Abschwächung könnte das globale Wachstum beträchtlich bremsen, da die Weltwirtschaft abhängiger von China ist denn je. Im SARS-Jahr 2003 entfielen auf China lediglich 4% vom globalen BIP; heute sind es 17%.


Infizierte Weltwirtschaft

Die Hoffnung, dass sich die Lungenkrankheit auf China eingrenzen ließe, hat sich als Illusion erwiesen. Je länger die Coronavirus-Epidemie andauert und je weiter verbreitet die Pandemie ausfällt, desto schriller werden auch die Prognosen zu ihren Auswirkungen. Die Epidemie ist derzeit tatsächlich die größte Bedrohung für die Weltkonjunktur. Die Aktienmärkte sind ins Rutschen gekommen. Der weltweite Handel war schon vor dem Ausbruch des Virus gering und wird nun noch weiter geschwächt. Das Risiko einer globalen Industrierezession steigt, denn die deutlichen Korrekturen auf den Finanzmärkten können die Realökonomie weiter nach unten ziehen.

Für die Volksrepublik China rechnen zahlreiche Beobachter*innen bereits mit einer schrumpfenden Wirtschaft im ersten Quartal, denn das Land ist nicht nur ein großer Nachfrager von Produkten, sondern auch ein wichtiger Produzent in vielen grenzüberschreitenden Wertschöpfungsketten, die das herausragendste Merkmal der derzeitigen Globalisierungsphase sind.[2] So wird zum Beispiel ein Smartphones in den USA designed, elektronische Komponenten stammen aus Südkorea, andere aus Taiwan, zusammengebaut wird es in der Volksrepublik. Produktionsunterbrüche oder gar Produktionsstopps dürften noch zunehmen, und die kosteneffiziente Just-in-time-Fertigung, die auf lückenlosen Nachschub von Rohstoffen und Zwischenprodukten angewiesen ist, wird durch Störungen der Kette beschädigt.

Neben den gravieren Folgen für die Menschen führen die ergriffenen Maßnahmen, die eine Ausbreitung von COVID-19 vermeiden sollen, zu hohen Kosten und erzwingen Verhaltensänderungen. Bei einer Eindämmung der Pandemie und einer erfolgreichen medizinischen Bekämpfung des Virus (Impfstoff & Bekämpfung der Krankheitsfolgen) würden sich die Wertschöpfungsketten zügig rekonstruieren lassen. Werden die bereits getroffenen Vorkehrungen bald wieder aufgehoben, dürften die wirtschaftlichen Verwerfungen auf Dauer gering sein. Die Wirtschaft könnte nach einem Übergang auf ihren alten Wachstumspfad zurückkehren.

Damit wäre die Verunsicherung in Sachen Globalisierung allerdings noch nicht ausgestanden. Das Coronavirus hat aufgedeckt, wie fragil die weltwirtschaftliche Vernetzung geworden ist, denn die Anfälligkeit der Lieferketten markiert ein strukturelles Problem. Dadurch wird auch die Diskussion über eine wirtschaftliche Entkoppelung zwischen China und vor allem den USA weiter angefacht, die vom amerikanischen Präsidenten Donald Trump provoziert wurde. Der Handelsökonom Gabriel Felbermayr verweist deshalb darauf, dass selbst wenn es nicht zu einer Kettenreaktion kommt, das Virus sich als »Lehman-Moment« der Globalisierung erweisen könnte. Der Zusammenbruch der amerikanischen Investmentbank Lehman verschärfte die Finanzkrise 2007ff. und führte zu neuen Ansätzen der Regulierung.

Die frühere Gewissheit für Unternehmen, dass Produktionskosten gesenkt werden, wenn ausgelagert wird, hat einen weiteren Dämpfer erhalten. Inzwischen wird die geografische Diversifizierung der Lieferketten vorgeschlagen, um unabhängiger zu werden. Das ist zwar prinzipiell richtig, und bei manchen Produkten wie etwa gewissen pharmazeutischen Rohmaterialien und Wirkstoffen verursacht die geografische Konzentration der Fertigung tatsächlich ein hohes Risiko. Aber Diversifizierung bietet kurzfristig keine Lösung. Bei einer Pandemie stellt sich außerdem die Frage, wohin diversifiziert werden soll. Und für Firmen gilt das Gleiche wie für Netzwerke: Parallelorganisationen und Puffer sind kostspielig.

Peter Navarro, der Wirtschaftsberater von US-Präsident Trump, hat die Coronavirus-Krise als Weckruf bezeichnet, der auf die Abhängigkeit Amerikas von China aufmerksam mache. Vordergründig geht es um die Versorgungssicherheit, der Hintergedanke ist jedoch, Produktionsanlagen und Jobs wieder in die USA zurückzubringen. Dafür ist der Ausbruch einer Epidemie ein schlechter Anlass, weil implizit angenommen wird, dass ein Virus nur von außen kommen kann. Zudem ist Abschottung schwierig, wie die jüngsten Ereignisse zeigen.


Entglobalisierung?

Die weltweite Integration hat an Dynamik verloren, weil es weniger Regionen als früher gibt, die noch nicht am Welthandelssystem teilnehmen. Über die Zeit dürften die Transportkosten wegen der Klimapolitik steigen, und der grenzüberschreitende Handel mit Energiegütern wird zurückgehen. Auch die Technik reduziert das Ausmaß der Globalisierung etwas: 3-D-Drucker oder der vermehrte Einsatz von Robotern machen Lohnkosten weniger relevant, was dazu führt, dass Industrieproduktion verstärkt in entwickelte Länder zurückgeholt wird. Mit verkürzten Lieferketten wird versucht, Risiken zu vermindern und näher an den Kund*innen zu sein. Zudem ist die politische Stimme der Verlierer der Globalisierung lauter geworden.

Häufig wird argumentiert, dass in Zukunft die Handelsströme mit Dienstleistungen zulegen werden. Liberalisierungen in diesem Bereich sind aber komplexer und mit mehr Folgen verknüpft als der grenzüberschreitende Warenverkehr. Zudem sind viele Dienste nicht über größere Distanzen handelbar. Der Ökonom Richard Baldwin geht außerdem davon aus, dass die Digitalisierung einen starken Wandel nach sich ziehen wird. So können beispielsweise manche Operationen mit elektronischen Hilfsmitteln aus der Ferne durchgeführt werden. Selbst in Epidemiezeiten wäre der Handel von Dienstleistungen möglich.

Die Geschichte hat gezeigt, dass sowohl Technologien wie auch die Politik die Globalisierung treiben. Protektionistische Phasen hat jedoch meist die Politik eingeläutet. Darin liegt die größte Gefahr des Coronavirus für die Weltwirtschaft: eine beschleunigte, politisch bedingte Entglobalisierung und die Aufteilung der Welt in Regionen. Wirtschaftliche und sonstige Wechselbeziehungen können Verletzlichkeit bedeuten. Gegenseitige Abhängigkeiten und Handel bleiben jedoch trotz der erhöhten Risiken unverzichtbar für Kostenreduktion und die Verteilung von Produktivitätsfortschritten.

Zudem untergraben Störungen in China die Produktionsleistung anderswo, weil in China viele globale Lieferketten zusammenlaufen. Die Rohstoffexporteure – darunter Australien und die meisten Länder Afrikas, Lateinamerikas und des Mittleren Ostens – dürften am stärksten betroffen sein, da China ihr tendenziell größter Kunde ist. Doch alle wichtigen Handelspartner Chinas sind gefährdet.

Die japanische Volkswirtschaft zum Beispiel ist im vierten Quartal 2019, bedingt durch die Erhöhung der Verbrauchssteuer, bereits um 6,3% geschrumpft. Wenn jetzt noch Verluste aus dem Handel mit China dazukommen, erscheint eine Rezession wahrscheinlich. Auch die produzierende Industrie in Europa könnte beträchtlich leiden. Europa ist abhängiger vom Handel als etwa die USA und es ist durch ein Netz von Lieferketten noch stärker an China geknüpft. Während Deutschland im letzten Jahr einer Rezession gerade noch entgangen ist, könnte es dieses Jahr weniger Glück haben, besonders wenn das Dogma der schwarzen Null aufrechterhalten wird. Was das Vereinigte Königreich angeht, könnte der Brexit die lange befürchteten wirtschaftlichen Folgen zeitigen.

Sollte die US-Wirtschaft ins Taumeln geraten, hat die Fed nicht annähernd genug Spielraum, um die Zinsen wie bei früheren Rezessionen um 500 Basispunkte zu senken. Selbst wenn es kurzfristig nicht zu einer Rezession kommt, könnte Trumps Ansatz beim Handel das Ende einer Ära einläuten, in der der stetig zunehmende internationale Handel weltweit Frieden und Wohlstand unterstützte. Stattdessen könnten die USA und China innerhalb des Kontexts einer umfassenderen Entglobalisierung ihren Kurs in Richtung einer wirtschaftlichen Abkopplung fortsetzen. COVID-19 ist nicht der Grund dafür, dass die beiden weltgrößten Volkswirtschaften diesen Kurs eingeschlagen haben. Doch es könnte ihre Reise auf diesem Weg durchaus beschleunigen.


Corona-Crash (FAZ) und die Möglichkeiten der Notenbanken

Die stetige Akkumulation der Wertpapiere der vergangenen Jahre droht durch eine Corona-Panik umzuschlagen. Ende Februar sind wir mit den massivsten Kursrückschlägen an den globalen Aktienbörsen seit der Finanzkrise im Jahre 2008 konfrontiert. Die Akteure sind stark verunsichert und schichten in sichere Staatsanleihen und auch in Gold um. Die Renditen der US-Treasury-Bonds haben einen rekordtiefen Stand erreicht.

Wie wird es weitergehen? Ist es eine V-Bewegung, wie Vermögensverwalter ihren Kund*innen schreiben, um ihnen Mut zu machen? In diesem Falle würde auf einen steilen Absturz eine ebensolche Erholung folgen. Solche Bewegungen waren wegen der massiven Liquiditätsspritzen durch die Notenbanken in der langen Börsenhausse seit 2009 die Regel. Doch lassen sich solche Erfahrungswerte und Vergleiche mit der SARS-Epidemie im Jahr 2002/2003 wirklich auf die gegenwärtige Situation übertragen?

Anpassung der globalen und chinesische Aktienmärkte

Im Moment lassen sich keine belastbaren Prognosen zur Marktentwicklung machen. Es gibt zu viele offene Fragen bezüglich der Ausbreitung des Coronavirus, der Dauer der Epidemie sowie deren Einflusses auf die Ökonomie und die Finanzmärkte. Angesichts dieser Unwägbarkeiten sind die Finanzmärkte von Panikverkäufen bedroht. Ein weiterer Anstieg würde dagegen ein Pandemie-Szenario unterstützen.

Die chinesische Wirtschaft liegt seit Wochen de facto am Boden, und es zeichnet sich im ersten Quartal eine deutliche Wachstumsverlangsamung ab. Es könnte zum ersten Rückgang der Volkswirtschaft seit 1976 kommen. Einerseits ist die globale Industrieproduktion infolge von unterbrochenen Lieferketten tangiert, andererseits leiden zunehmend auch das Konsumentenvertrauen und der Konsum. Die Autoverkäufe in China sind beispielsweise im Februar um 92% eingebrochen. Ähnliche Rückgänge sind bei den Verkäufen von Konsum- und Luxusgütern zu verzeichnen.

Allein die Notenbanken könnten, wie in anderen großen Krisen, die fundamentalen Unsicherheiten über die Lage abfedern. Die chinesische Seite macht hier seit Wochen vor, wie das geht: Liquiditätsunterstützung, Überbrückungskredite und Marktinterventionen sind alles Mittel, um hier hohe Bereitschaft zum Krisenmanagement zu signalisieren.

Insbesondere die USA und China verfügen über reichlich Stellschrauben zur Stabilisierung der Märkte: Die US-Notenbank wird die Leitzinsen senken – was der Fed-Präsident bereits angekündigt hat. Die chinesischen Behörden könnten neben der geldpolitischen Antwort die Zahlung von Steuern von betroffenen Unternehmen – im Extremfall sogar von Privatpersonen – vorübergehend aussetzen.


Globale Pandemie als Faktor für das weitere Steigen des Goldpreises

Je stärker die Korrekturen bei den Aktien ausfallen, wird zur Absicherung wird die Tendenz verstärkt, auf Gold auszuweichen. Das Edelmetall profitiert nicht nur vom Status als sicherer Hafen, sondern auch von der Erwartung, dass die Zinsen noch tiefer sinken. In zahlreichen Währungen wie dem Yen, dem Euro oder dem Pfund hat der Goldpreis durch die jüngste Aufwärtsbewegung neue Höchststände markiert.

Ob dies in absehbarer Zukunft auch im US-Dollar geschehen wird, dürfte in erster Linie von der weiteren Entwicklung der Corona-Epidemie abhängen. Für den Fall einer Ausweitung zu einer globalen Pandemie mit einer Zunahme der Krankheits- und Todesfälle bis in das zweite Quartal, rechnen Analytiker*innen mit einem weiteren Anstieg des Goldpreises. Die mit dem Coronavirus verbundenen Sorgen sind ein Sondereffekt, der die Nachfrage nach dem gelben Edelmetall besonders beflügelt. Es gibt aber auch eine Reihe von Argumenten, die für eine Unterstützung des Goldpreises sprechen, wenn die Covid-19-Epidemie erst einmal überstanden ist.

An erster Stelle sind hier die Zinsen zu erwähnen. Da Gold keine laufenden Erträge abwirft, ist es für Anleger umso attraktiver, je weniger Rendite sie anderswo erzielen können. Für Staatsanleihen sind diese bekanntlich in etlichen Ländern – auch in Deutschland – schon lange negativ, selbst für lange Laufzeiten. Aber auch in den USA, wo die nominalen Renditen noch positiv sind, rutschen sie unter Berücksichtigung der Inflation etwa im zehnjährigen Bereich unter null.

Anmerkungen

[1] Vgl. dazu Joachim Bischoff, Ende eines langen Konjunkturzyklus? Die Weltwirtschaft zu Beginn des neuen Jahrzehnts, in: Sozialismus.de, Heft 2/2020, S. 12ff.
[2] Zur geografischen bzw. Netzwerkstruktur der aktuellen globalen Wertschöpfungsketten siehe auch die Abschnitte »Strukturwandel der Weltwirtschaft« und »Globale Wertschöpfungsketten und Akkumulation«, in ebd., S. 16ff.

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