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9. Dezember 2013 Otto König / Richard Detje: Zum Tod von Nelson Mandela

Der lange Weg zur Freiheit

»Der lange Weg zur Freiheit«, in der alle Südafrikaner, Schwarze und Weiße, ohne Angst und in Würde leben können, ist noch nicht zu Ende. Madiba, wie Nelson Mandela respektvoll genannt wird, erlebt das Ende dieses Weges nicht mehr. Der Friedensnobelpreisträger ist 95-jährig in Johannesburg gestorben.

»Nie wieder ist mir ein Mensch begegnet, der Charme, Standfestigkeit und Einfühlungsvermögen auf so überzeugende Weise verband.« (Literaturnobelpreisträgerin Nadine Gordimer) Mandela war nicht nur eine bedeutende Persönlichkeit. Er war ein Symbol des Kampfes der schwarzen Bevölkerung für Freiheit, Gleichberechtigung und gegen Rassentrennung. Sein Widerstand hat viele Millionen Menschen weltweit inspiriert und den Geknechteten und Ausgebeuteten auf allen Kontinenten Kraft gegeben hat.

Sein Name steht für die Überwindung der Apartheid. Zu seinen Verdiensten zählt, dass Südafrika den friedlichen Übergang von einer menschenverachtenden, rassistischen Minderheitenherrschaft hin zur Demokratie vollbracht hat. Für ihn stand fest: »Wer Hass verspürt, kann nicht frei sein.«


Der Kampf des ANC gegen die weiße Vorherrschaft

Den im Juli 1918 in den ländlichen Weiten der Transkei geborenen Jungen nannte sein Vater Rolihlahla – der »Unruhestifter«. Seinen Vornamen Nelson erhielt er später von seiner Lehrerin. Sein Urgroßvater war König der Thembu-Dynastie des Xhosa-Volkes, sein Vater Häuptling in Mvezo, ein Dorf im ärmlichen Ost-Kap. Mit 16 Jahren wurde er von seinem Stamm als Erwachsener aufgenommen.

Später nahm Mandela ein Studium an der einzigen höheren Bildungsstätte für Schwarze – dem College in Fort Hare – auf. In Johannesburg begann er sein Jura-Studium. Während der Zeit an der dortigen Universität Witwatersrand lernte er den Antiapartheidskämpfer Joe Slovo kennen und arbeitete in einer Gemeinschaftskanzlei mit Oliver Tambo, dem späteren langjährigen Präsidenten des African National Congress (ANC), zusammen.

1944 trat er dem ANC bei und gründete im selben Jahr u.a. mit Walter Sisulu und Oliver Tambo die ANC Youth League, deren Präsident er 1951 wurde. Die Aktivitäten der Widerstandsbewegung richteten sich gegen die rassistische Politik der südafrikanischen National Party, der nur weiße Südafrikaner, »Afrikaaner« oder »Buren« angehörten.

Anfänglich sprach sich Mandela, beeinflusst von Mahatma Gandhi, für Gewaltverzicht aus. Doch das rassistische Regime schreckte nicht davor zurück, auf unbewaffnete Demonstranten schießen zu lassen. So wurden 1960 beim Massaker von Sharpeville 69 Farbige getötet. In der Folge radikalisierte sich der Widerstandkampf – vielen reichten Demonstrationen und Streiks gegen die Unterdrücker nicht mehr aus.

Mandela gehörte zu den Gründungsmitgliedern des Umkhonto we Sizwe, des »Speers der Nation«, dem militärischen Arm des ANC. 1962 wurde er als »Terrorist« verhaftet. In seiner Verteidigungsrede im Rivonia-Prozess in Pretoria 1964 betonte er: »Ich habe gegen weiße Vorherrschaft gekämpft, und ich habe gegen schwarze Vorherrschaft gekämpft. Ich habe das Ideal einer demokratischen und freien Gesellschaft gehegt, in der alle Menschen in Harmonie und mit gleichen Möglichkeiten zusammenleben.«

Am 12. Juni 1964 verurteilte Richter Quartus de Wet nach achtmonatiger Verhandlung ihn und sieben seiner Mitstreiter zu lebenslanger Haft wegen Sabotage und die Organisation des bewaffneten Kampfes. Sie wurden auf der Gefängnisinsel Robben Island, vor Kapstadt im Atlantischen Ozean gelegen, eingekerkert. Der Freiheitskämpfer lehnte in den darauffolgenden Jahren mehrmals das Angebot einer Freilassung ab. Er war nicht bereit, die damit verbundene Bedingung zu akzeptieren, dass der ANC auf den bewaffneten Kampf verzichten solle.


»Schwarze Terroristen«

Der ANC und sein inhaftierter Vorsitzender Nelson Mandela galten damit auch bei den westlichen Regierungen wie Großbritannien, den USA, der Bundesrepublik Deutschland als Terroristen. Britische Abgeordnete nannten ihn in den 1980er Jahren »schwarzer Terrorist«. Der konservative Abgeordnete Teddy Taylor wünschte Mandela gar den Tod. Die »eiserne Lady« Margaret Thatcher bezeichnete den ANC 1987 als »typische Terrororganisation« (Spiegel online vom 7.12.2013). Ins gleiche Horn blies der US-amerikanische Präsident Ronald Reagan, der sich vehement gegen Mandelas Freilassung aussprach.

Der bayrische Ministerpräsident Franz-Josef Strauß (CSU), begeistert von der Rassentrennung unter der Regierung Botha, lobte die »hohe religiöse und moralische Verantwortlichkeit« der politischen Führung in Südafrika als mögliches »Modellbeispiel« für die Welt (Süddeutsche Zeitung vom 6.12.2013). Erst 2008 nahmen die USA Nelson Mandela und den ANC von ihrer Liste der Terror-Organisationen.

»Du bist entweder für oder gegen Apartheid, und damit meine ich nicht nur rhetorisch. Du bist entweder auf der Seite der Unterdrückten oder auf der des Unterdrückers. Du kannst nicht neutral sein.« Der südafrikanische Bischof Desmond Tutu wandte sich damit gegen die Politik der Konservativen und Neoliberalen in den westlichen Staaten, die der Logik des Kalten Krieges und des daraus resultierenden Antikommunismus folgten: Die marxistischen Wurzeln des ANC und die Furcht vor sowjetischen Einfluss in den afrikanischen Ländern machten die Rassisten-Clique am Kap automatisch salon- und bündnisfähig.

Die Forderung der schwarzen BürgerInnen nach Gleichberechtigung wurden auf dem Altar der wirtschaftlichen Interessen geopfert: Noch im Jahr 1985 investierten beispielsweise bundesdeutsche Unternehmen rund 138 Millionen D-Mark in das Land, in der Rassentrennung herrschte, der größte Teil dieser Summe wurde durch die Bonner Bundesregierung über staatliche Hermes-Bürgschaften abgesichert.

Geradezu hochnotpeinlich war der vorauseilende Gehorsam des Bayerischen Rundfunks: Als internationale Pop-Stars am 11. Juni 1988 im Londoner Wembley-Stadion ein elfstündiges Solidaritätskonzert aus Anlass des 70. Geburtstages des im Gefängnis einsitzenden ANC-Führers Nelson Mandela veranstalteten, dem rund 600 Millionen Menschen in 67 Ländern weltweit am Radio und Fernsehen folgten, klinkte sich Bayerns öffentlich-rechtlicher Sender für ein paar Stunden aus dem Programm aus. Doch auch diese Handlung konnte nicht verhindern, dass die Forderung »Free Nelson Mandela« und nach Freilassung aller politischen Gefangenen in Südafrika in aller Munde war.


Vom Apartheidregime zur Regenbogennation

Als Nelson Mandela im Februar 1990 durch das Tor des Victor-Verster-Gefängnisses bei Kapstadt in die Freiheit schritt, war dies nicht nur sein persönlicher Erfolg, sondern der Triumph einer politischen Überzeugung. Der Befreiungskampf unter Führung des ANC, die weltweite internationale Solidarität mit den kämpfenden schwarzen Südafrikanern, das Engagement der kämpfenden Kubaner auf Seiten der namibischen Befreiungsfront SWAPO und der Befreiungsbewegung MPLA in Angola sowie die zunehmenden wirtschaftlichen Sanktionen gegen das Apartheidregime – all dies brachte die Regierung am Kap zum Wanken, ja zum Einstürzen.

Schon vor seiner Freilassung hatte Mandela Kontakte zur weißen Minderheitsregierung. Es gab rege Gespräche mit Vertretern des ANC zum Beispiel in London. Der Verurteilte traf auch den damaligen weißen Präsidenten Frederik Willem de Klerk, bevor er das Gefängnis verlassen konnte. Im Anschluss daran verhandelten Mandela und Vertreter des wieder legalisierten ANC vier Jahre lang mit der weißen Minderheit über einen politischen Kompromiss.

Der Afrikanische Nationalkongress errang in den ersten freien Wahlen des Landes im April 1994 einen überwältigenden Wahlsieg. Der Widerstandskämpfer Nelson Mandela wurde erster schwarzer Präsident. Seine Wahl zum Staatschef markierte das Ende von knapp 350 Jahren Kolonialherrschaft und fast einem halben Jahrhundert Apartheid.

Die Armut zu bekämpfen war nach der Wahl oberstes Ziel der ersten südafrikanischen Regierung unter Führung des ANC. Die Wirtschafts- und Sozialpolitik der Regierung Mandela diente als Grundlage für das so genannte Wiederaufbau- und Entwicklungsprogramm (RDP – Reconstruction and Development Programme), das in enger Abstimmung mit den Gewerkschaften entwickelt worden war. Den wirtschaftsliberalen Kräften im ANC und Unternehmern war dies zu »sozialistisch«, sodass es schon bald durch ein Programm für Wachstum, Beschäftigung und Umverteilung (Growth, Employment and Redistribution – GEAR) ergänzt wurde.

Mandelas Vizepräsident Thabo Mbeki spielte dabei eine führende Rolle und trieb diese Wirtschaftspolitik als Mandelas Nachfolger ab 1999 mit Nachdruck voran – und machte sich damit Feinde im linken Flügel des ANC, bei Gewerkschaften und der in ANC-Gremien einflussreichen Südafrikanischen Kommunistischen Partei (SACP). Das war einer der Gründe, warum Mbeki Ende 2008 von seiner Partei zum Rücktritt gezwungen wurde (siehe Blätter für deutsche und internationale Politik 12/2013).

In ihrer Trauer um den außergewöhnlichen Staatsmann ist die Regenbogennation wieder vereint. »Für mich war Mandela immer jemand, zu dem man zurückkehren konnte, wenn das Leben wie Asche in Mund schmeckte. Trotz allem, habe ich dann gedacht. Trotz allem war es möglich, ein faschistisches politisches System zu brechen, ohne dass es ein Blutbad gab. Trotz allem!« (Henning Mankell, schwedischer Schriftsteller und Theaterregisseur)

Mandela hätte es verdient, dass die Regenbogennation bewahrt bleibt und die Regierung unter Jacob Zuma die wichtigsten Aufgaben in seinem Sinne und im Interesse der Armen und der Arbeiterklasse anpackt. Die Einigung Südafrikas ist noch lange nicht vollendet. »Wir können nicht länger warten. Jetzt ist der Moment, den Kampf an allen Fronten aufzunehmen. Unser Marsch zur Freiheit ist unumkehrbar.« (Nelson Mandela)

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