16. September 2025 Diane Abbott: Zum Aufmarsch der Rechtsextremisten in London
Der Rassismus darf nicht weiter beschwiegen werden
Was ich am Samstag bei der von dem Rechtsextremisten Tommy Robinson in London organisierten Großdemonstration gesehen habe, war purer Rassismus. Das Schweigen gegenüber dem hier sichtbaren Fanatismus wird von den Schlägern als Zustimmung zu ihrer Botschaft gewertet. Solange wir den Rassismus nicht beim Namen nennen, wird die Labour-Bewegung ihm nicht standhalten können.
Ich habe in meinem Leben schon an vielen politischen Demonstrationen teilgenommen. Die Gegendemonstration, die sich Robinsons »Unite the Kingdom«-Marsch mit 110.000 Teilnehmer*innen in London entgegenstellte, war jedoch die einzige, bei der ich mich tatsächlich bedroht fühlte.
Bei der antirassistischen Gegendemonstration waren wir dieses Mal nur 5.000 Demonstrierende und damit eins zu zwanzig unterlegen. Das war verblüffend, denn bei antirassistischen Märschen sind wir den Rassisten normalerweise zahlenmäßig überlegen. Der von Robinson, der eigentlich Stephen Yaxley-Lennon heißt, organisierte Marsch war als »Kundgebung für freie Meinungsäußerung« angekündigt. Freie Meinungsäußerung schien in diesem Fall zu bedeuten, dass die Leute alles sagen konnten, was sie wollten – allerdings nur zu einem einzigen Thema: Migration.
Einige Kommentator*innen behaupten gerne, dass Mobilisierungen wie diese nur Ausdruck der Unzufriedenheit von Menschen sind, die sich ein wenig übergangen fühlen. Wenn sie am Samstag im Zentrum Londons gewesen wären und das Meer von Männern – es waren fast nur Männer – gesehen hätten, die trotzig ihre St.-Georgs-Fahnen schwenkten, von denen einige die Polizei angriffen und Leute wie mich anspuckten, würden sie diese Ansicht vielleicht überdenken. Die Leute, die dort marschierten, wehren sich normalerweise dagegen, als Rassisten bezeichnet zu werden. Aber wie soll man diejenigen nennen, die sich in der Hauptstadt versammelt haben, um Massenabschiebungen zu fordern und darauf zu bestehen, dass schwarze und braune Männer eine einzigartige Bedrohung für weiße Frauen darstellen?
Abgesehen vom großen Umfang war an Robinsons Demonstration auch bemerkenswert, dass der Milliardär Elon Musk per Videolink zu ihr sprach. Er mag ein sehr erfolgreicher Geschäftsmann sein, doch sein Verständnis für das britische politische System scheint nicht sehr ausgeprägt zu sein. Er sagte: »Die Gewalt kommt zu euch. Entweder ihr wehrt euch, oder ihr sterbt.« Und: »Ich glaube wirklich, dass es in Großbritannien einen Regierungswechsel geben muss... Das Parlament muss aufgelöst und Neuwahlen müssen abgehalten werden.« Doch so funktioniert die Demokratie in Großbritannien nicht.
Die große Beteiligung an Robinsons Marsch war u.a. eine Folge der Online-Welt, in der wir heute leben. Die sozialen Medien haben eine solche Mobilisierung wesentlich einfacher gemacht. Als wir nach dem Marsch jedoch mit anderen Teilnehmer*innen der antirassistischen Kundgebung diskutierten, hatten wir das Gefühl, dass in der britischen Gesellschaft etwas Dunkles brodelt. Organisationen, die Opfer rassistisch motivierter Straftaten unterstützen, berichten, dass die Zahl dieser Taten stark angestiegen ist. Erst an diesem Wochenende wurde in den West Midlands eine Sikh-Frau am helllichten Tag von weißen Männern vergewaltigt und zudem mit den Worten »Ihr gehört nicht in dieses Land, verschwindet!« rassistisch beschimpft.
Meiner Erfahrung nach besteht eines der Probleme bei unserer Reaktion auf rassistisch motivierte Vorfälle darin, dass Teile der Gesellschaft, von denen man normalerweise erwarten würde, dass sie sich für eine fortschrittliche Sache einsetzen, zögern, diese als das zu benennen, was sie sind. Die Gewerkschaften geben sich damit zufrieden, dass ihre Ortsverbände bei antirassistischen Märschen ihre Banner tragen, schweigen aber allzu oft, wenn es darum geht, aktiv gegen Rassismus einzutreten. Liegt das vielleicht daran, dass sie befürchten, viele ihrer Mitglieder könnten rassistische Vorurteile haben, und sie diese nicht verärgern wollen?
Die Labour Party scheint sich selbst zu verknoten, um eine Auseinandersetzung mit dem Thema Rassismus zu vermeiden. Keir Starmer brauchte bis Sonntagnachmittag, um die Vorfälle vom Samstag anzusprechen. Gegenüber dem Guardian erklärte er: »Wir werden nicht hinnehmen, dass [...] sich Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder ihrer Hautfarbe auf unseren Straßen eingeschüchtert fühlen«. Zunächst wurde jedoch der Wirtschaftsminister Peter Kyle losgeschickt, um der Presse mitzuteilen, dass ihn die Kundgebung »nicht beunruhigt, denn sie ist eigentlich ein Beweis dafür, dass wir in einem Land leben, in dem die Rede- und Versammlungsfreiheit lebendig und gut ist«.
Vielleicht erhofft sich die Labour Party, mit dieser Strategie die rechtspopulistische Partei Reform UK zu übertreffen. Doch in Wirklichkeit hilft diese einwanderungsfeindliche Politik der Partei nicht. Anhand von Umfragedaten von mehr als 30.000 Befragten aus einer britischen Wahlstudie, die im Juli erhoben wurden – demselben Monat, in dem Starmer seine »Insel der Fremden«-Rede hielt –, fanden Politikwissenschaftler zwei Dinge heraus.
Erstens hatten die Wähler*innen die Rede registriert und schlussfolgerten, dass die Labour Party in der Einwanderungsfrage nach rechts gerückt ist. Zweitens hatte dies keine positiven Auswirkungen auf die Umfragewerte für Labour. Einer der beteiligten Politikwissenschaftler sagte dazu: »Die eigentliche Geschichte ist die negative Auswirkung der Rede auf die Labour Party. Sie hat Stimmen verloren, ohne von den Menschen, die sie ansprechen will, Stimmen hinzugewonnen zu haben, und ohne die von ihnen wahrgenommene Bedrohung durch die Reform-UK-Partei einzudämmen.«
In Großbritannien gibt es seit Generationen eine einwanderungsfeindliche Politik. Bereits in der unmittelbaren Nachkriegszeit wurden Einwanderer aus der Karibik von rechtsextremistischen Gruppierungen, den Vorläufern eines Robinsons, schikaniert und verprügelt. Der Unterschied zu heute ist, dass es ein toxisches Umfeld in den sozialen Medien gibt und dass US-Milliardäre bereit sind, die Nachfolger jener frühen Schläger öffentlich zu unterstützen.
Wenn Gewalt und Hass gestoppt werden sollen, muss die politische Klasse zunächst bereit sein, Rassismus als das zu benennen, was er ist. Das Schweigen über den Rassismus, der Veranstaltungen wie dem Robinson-Marsch innewohnt, kann als stillschweigende Zustimmung zu dessen Botschaft gewertet werden. Es ermutigt die in St.-Georgs-Flaggen gehüllten Männer, die die Polizei angreifen, noch mehr. Die Weigerung, rassistische Angriffe als solche anzuerkennen, kann dazu führen, dass sich die Opfer allein und schutzlos fühlen. Das Herumschleichen um den rassistischen Charakter dieser Gewalt macht sie nicht erträglicher.
Zweifellos war der Marsch an diesem Wochenende in gewissem Maße ein Ausdruck der Unzufriedenheit von Menschen, die sich ignoriert fühlen. Die Deindustrialisierung so vieler Regionen Großbritanniens hat Auswirkungen, mit denen sich die Politiker*innen nicht auseinandersetzen oder die sie nicht einmal verstehen. Wenn wir jedoch nicht wollen, dass die rassistischen Aufmärsche in London immer größer werden, müssen wir Robinson und den Kräften, die er vertritt, verstärkt entgegentreten. Dass sein Auftreten nicht akzeptiert wird, muss klar und deutlich ausgesprochen werden – nicht zuletzt von der Regierung unter Führung der Labour Party.
Diane Abbott ist seit 1987 Labour-Abgeordnete für Hackney North und Stoke Newington. Ihre hier dokumentierte Intervention (Übersetzung: Hinrich Kuhls) erschien zuerst am 15.9.2025 auf der Kommentarseite des Guardian unter dem Titel: »What I saw at Saturday’s rally was racism, pure and simple«.













