Die gedruckte Oktoberber-Ausgabe von Sozialismus.de kann aus unterschiedlichen Gründen erst am Mittwoch, den 7. Oktober an die Abonnent*innen versandt werden.

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6. Oktober 2026 Bernhard Sander: Die Schülerproteste in Frankreich

Der Staat gegen seine Kinder

Foto: Screenshot tagesschau

Zwei Jugendlichen wurde bei den Schüler*innenprotesten in Frankreich durch den Einsatz von polizeilichen Zwangsmitteln eine Hand abgerissen. Der Betrieb an 589 der insgesamt rd. 3.600 Bildungseinrichtungen ist beeinträchtigt, mit jedem Tag sind es mehr geworden. Im Mittelpunkt stehen insbesondere die Forderungen nach besserer Ausstattung, besseren Lernbedingungen und die Abschaffung von »Parcoursup«, der automatisierten Plattform für die Vergabe von Studienplätzen.

Gab es überhaupt einen »richtigen Zeitpunkt« für den Dialog mit der Schülerschaft wie die Tageszeitung Le Monde insinuierte? Oder ist nicht vielmehr die Frage nach dem jahrelangen »Kaputtsparen« des Bildungssystems zu stellen? Selbst in Polizeikreisen wird darüber gesprochen, ob man die Eskalation der Gewalt nicht mitverschuldet habe, weil man gegen Protestierende mit denselben bewaffneten Methoden vorgegangen sei wie gegen die Gelbwesten.

Am 6. Oktober gibt es einen landesweiten Protesttag von Lehrkräften und Schüler*innen. Ein Gewerkschaftsverbund des Bildungswesens (FSU, CGT, FO, CFDT, UNSA, SUD) ruft zur Teilnahme auf, »auch durch Streiks«. Mit der Unterstützung der Berufsverbände erreicht die Bewegung eine neue Qualität. Die Gewerkschaften können die jungen Demonstranten*innen dank ihrer Ordnungsdienste begleiten, sie schützen und Ausschreitungen sowie Gewalt so weit wie möglich verhindern. Sie werden aber auch ihre eigenen Mitglieder mitbringen, wodurch die Mobilisierung, die bisher verstreut und ohne echte Koordination war, automatisch an Dynamik gewinnt.

Den Kern des Problems hat noch am ehesten der ehemalige erzkatholische Präsidentschaftskandidat Philippe de Villiers berührt, als er kommentierte: »Die eine Jugend zündet Kerzen an, die andere Schulen.« Das rechte Frankreich jubelte gerade noch über den Papstbesuch mit 80.000 Jugendlichen im nationalen Sporttempel Stade de France. Man würdigte den zeremoniellen Auflauf der Le-Pen-Familie und des Petain-Verehrers und rechtsextremen Präsidentschaftskandidaten Eric Zemmour (beide Anhänger der Pius-Bruderschaft) als Indizien einer sich anbahnende rechten Zivilität und Union. Auch die französische Presse erging sich im Lobpreis über die Wiederbelebung der zerrissenen Nation im Glauben.

Die Schüler*innen selbst formulierten allerdings klar, dass die politische Klasse über radikalste und effektivste Form der Zugangskontrolle der Social Media, Handyverbot und entsprechende bauliche Nachbesserungen debattiere, während seit der Coronakrise und in der Gluthitze des vergangenen Sommers immer noch keine Klimatisierung der Schulgebäude in Aussicht sei.

Die Zeitschrift Politis sieht darin einen Beweis für ein allgemeineres Unwohlsein einer Generation, die sehr besorgt sei über den nationalen und internationalen Kontext und zitiert die um sich greifenden Wut: »Erwachsene halten uns für Idioten. Wir haben Forderungen, wir sind keine Kinder! Sie geben 6 Milliarden Euro für das Militär, aber keinen Cent für die Vorstadtschulen. Wach auf!«

Das ist allerdings nur für einen Teil der Kinder und Jugendlichen ein Problem. Rund ein Fünftel der Schüler*innen im Sekundarbereich geht nämlich auf staatlich subventionierte Privatschulen, in Paris sind es etwa 40% der Sechstklässler. Der größere Teil dieser Bildungsinstitute sind katholisch geprägt. Hier rekrutieren konservative und rechtsradikale Kreise ihre Kader und Demonstrierenden, wenn es gegen »Homo-Ehe«, Selbstbestimmtes Sterben und Schwangerschaftsabbruch geht. Es gibt auch ein paar muslimische Schulen dieser elitären Art. Im Grundschulbereich liegt der Anteil der Privateleven bei etwa 15%. Hier zündet die Jugend Kerzen an.

Die Vertreter der unterschiedlichen rechten Parteien sind sich im Grundsätzlichen einig: Die Familien sind schuld. Die Forderungen sind also klar: Streichung des Kindergeldes für straffällige Kinder (Zemmour), zivilrechtliche Haftung für Schäden (Justizminister Gérald Darmanin) und Hausarrest vor angekündigten Demonstrationen (Bildungsminister Eduard Geffray).

Ein auffälliges Merkmal dieser Mobilisierung, das wahrscheinlich nicht genug betont werden kann, ist die Nähe zur »klassischen Politik«, wenn auch autonom von jeder etablierten politischen Struktur. Die gewählten Amtsträger*innen, die zu den Blockaden gehen, werden gut behandelt, ja sogar gefeiert. Während seit Jahren der Diskurs von einem Bruch zwischen jungen Menschen und Politik, einem Bruch zwischen Arbeitervierteln und Politik, weit verbreitet ist, senden diese Mobilisierungen eine völlig gegenteilige Botschaft.

Der Innenminister lässt den Inlandsgeheimdienst ein Dossier erstellen, nach dem »La France Insoumise und seine Proxys« die »urbane Gewalt« angezettelt hätten. Es handelt aber keineswegs um Berufsrevoluzzertum, sondern es geht um die fehlende Aussicht auf ein Leben nach eigenem Geschmack: »Fashion, nicht Faschos!« steht auf einem Schild. Hier erscheint eine politische Kultur, die mehr von Populärkulturen genährt wird als von den traditionellen Kanälen der Politisierung. Die Schlüsselwörter sind nicht dem »Haut ab!«-Repertoire der Gelbwesten entnommen, sondern konzentrieren sich auf konkrete Forderungen: Stühle, Tische, Schulpersonal.

Die Zeitschrift Politis zitiert einen Soziologen, der auf das Neue der Bewegung hinweist: »Was von Schüler*innen und Mitarbeiter*innen hervorgehoben wird, ist nicht mehr der traditionelle ›Mangel an Ressourcen‹, sondern der Zusammenbruch der Aufenthaltsbedingungen an Schulen, in denen die überwiegende Mehrheit der Kinder aus Familien aus den früheren Arbeitervierteln unterrichtet wird. Die Hauptforderungen sind jene der Gleichbehandlung, formuliert aus der Perspektive und aus einer besonderen Erfahrung von Ungleichheit, wobei die soziale Identität der Arbeiterviertel beansprucht wird. Die Codes der Nachbarschaften bilden die Ästhetik dieser Mobilisierung, von den Worten bis zu den Outfits. Durch die Umkehrung des Stigmas zeigt die Bewegung die Konvergenz zwischen Straßenkultur und politischer Haltung.«

Diese Jugendbewegung »ist Teil eines ›Positionskriegs‹ im kulturellen Kampf gegen die extreme Rechte: Viele öffentliche Persönlichkeiten, die aus den benachteiligten Vierteln stammen, beziehen nun ›Stellung‹ und pflegen eine kulturelle Ordnung, die eindeutig entlang einer Konfliktlinie von Rassismus und Demokratie aktiviert. Die mobilisierte Jugend ist durch ihre Bezüge klar in dieser kulturellen Ordnung verankert. Die Präsidentschaftswahl 2027 strukturiert diese Positionierungsdynamiken zwangsläufig. Sie wird nicht nur als Perspektive erkannt, sondern als eine konkrete und sehr gegenwärtige Tatsache, die die Mobilisierung rechtfertigt und ihr Gewicht verleiht.«

Das zweite Thema im Hintergrund der Schülerstreiks sind gleichwohl die begonnenen Haushaltsberatungen. Nicht die sechs Mrd. Euro, die Macron und sein Ministerpräsident den Rentner*innen durch Einfrieren des Inflationsausgleichsindex wegnehmen will, lösen Krawall aus, sondern die anhaltend schlechte Finanzausstattung des Bildungswesens. Durch wiederholte Nullrunden im Öffentlichen Dienst ist auch der Pädagog*innen-Job so unattraktiv geworden, dass trotz Stellenstreichungen immer mehr Lehrer*innen fehlen (in Frankreich bei Einkommen von 2.000-2.500 Euro brutto bei ca. 15 Std. Unterrichtsverpflichtung, in Deutschland 4.000 Euro bei Befreiung von Sozialversicherungsbeiträgen als Beamte). Allerdings konnte Macron den zu Beginn seiner ersten Amtszeit angekündigten Stellenabbau nie durchsetzen.

Der Protest an den Schulen ist nur eine von mehreren sozialen Bewegungen. Die Feuerwehrleute, die im Sommer das Land vor dem Verbrennen gerettet haben, gingen auf die Straße und bekamen trotz Haushaltssperre die Zusage von einer Mrd. Euro zur Erneuerung ihrer Ausrüstung. Vor den Senatswahlen demonstrierten an 157 Orten im ganzen Land rd. 120.000 Menschen für eine Politik gegen den Klimawandel.

Damit sind wir beim dritten Strukturproblem der immer eklatanter werdenden Repräsentationslücke des politischen Systems gegenüber seinen Bürger*innen. Die Wahlen zum Senat, zu denen 93.000 Honoratioren aus Stadt- und Departementsräten regelmäßig gebeten werden, suggerieren einerseits, dass alles beim Alten bleibt: Die Kommunisten konnten ihre paar Sitze verteidigen, ebenso blieben mit Abstrichen die Grünen Fraktionen. Die Sozialisten wurden mangels Konkurrenz ihrer Abspaltungen wieder zweitstärkste Fraktion nach der traditionellen Rechten. Der Erfolg von La France Insoumise (LF) verdankt sich ihren deutlichen Stimmenzuwächsen bei der Kommunalwahl Anfang des Jahres.

Ebenso erfolgreich zieht nun der Rassemblement National (RN) ein, obwohl ihr Parteivorsitzender Jordan Bardella gerade wieder die Ent-Diabolisierungsstrategie von Marine Le Pen unterminierte. Von ihm wurde ein Zitat des primitivsten Antisemitismus ausgegraben: »Die Banken sind alle im Besitz von Juden.« Seine Äußerung macht allerdings weniger Sensation als Angriffe des Spiritus Rector des LFI, Jean-Luc Mélenchon, der wegen seiner derben Kritik an der Kolonialisten-Politik im Gaza und der Westbank zum Hauptgegner der gemäßigten Linken aufgebaut worden ist.

Ob diese Schul-Mobilisierung aufgrund ihres Ausmaßes, ihrer Entwicklungsdynamik und ihres polyphonen Auftretens bereits ein Wendepunkt im zeitgenössischen französischen politischen Leben darstellt, bleibt abzuwarten. Es gärt in Frankreich, aber die nach wie vor stärkste Kraft der gemäßigten Linken (PS) kann keine verbindende Strategie vorweisen, sondern demonstriert in drei Fernsehduellen ihrer erklärten sechs (!) Präsidentschaftskandidaten ihre Uneinigkeit im Umgang mit LFI und in der Außenpolitik.

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