Hajo Funke
Erobert die AfD Ostdeutschland?
Sachsen-Anhalt als Einstieg in Pläne für einen rechten Systemumbau
Sozialismus.de Supplement zu Heft 7-8/2026
40 Seiten | € 7.00
ISBN 978-3-96488-278-3

Ulrich Bochum/Jeffrey Butler/Klaus Kohlmeyer/Stephanie Odenwald
Berlin: l(i)ebenswert, innovativ, rebellisch
Die wachsende Stadt muss für alle bezahlbar gemacht werden
224 Seiten | € 14.00
ISBN 978-3-96488-271-4

Jürgen Lichey/Gottfried Meyer-Thoss/Wolfgang Schilling
Ökonomische, politische und mediale Macht
Verschränkung von Wachstumszwang und instrumenteller Vernunft
240 Seiten | € 19.80
ISBN 978-3-96488-274-5

Roland Süß
Den Abstieg ins Autoritäre stoppen!
Über den Neoliberalismus hinaus zu Autoritarismus und Faschismus
AttacBasisTexte 65
80 Seiten | € 8.50
ISBN 978-3-96488-273-8

Freerk Huisken
Schule, die 5. Gewalt
Die Zurichtung des Nachwuchses für Staat und Kapital
152 Seiten | € 14.00
ISBN 978-3-96488-269-1

Ingar Solty
Innere Zeitenwende
Die Militarisierung von Deutschlands Gesellschaft und Alltagskultur
Eine Flugschrift
120 Seiten | € 12.00
ISBN 978-3-96488-259-2

Jan Schulze-Husmann/Peter Trinogga/Aktivenkreis Bundesanzeiger (Hrsg.)
Streik doch einfach mit!
138 Tage Arbeitskampf beim DuMont-Konzern
WIDERSTÄNDIG
168 Seiten | in Farbe | € 12.00
ISBN 978-3-96488-246-2

23. Juni 2026 Redaktion Sozialismus.de: Posthume Ehrung von Marc Bloch in Paris

»Dilexit veritatem« – Er liebte die Wahrheit.

Marc Bloch, der berühmte jüdische Historiker und Widerstandskämpfer, den die Nazis 1944 in einem Kornfeld bei Saint-Didier-de-Formans erschossen, wurde am 23.6.2026 durch die symbolische Überführung seiner sterblichen Überreste ins Panthéon als einer der »Grands Hommes« der Nation geehrt.

Der Präsident der Französischen Republik hat seit der 5. Republik das Recht, bedeutende Persönlichkeiten auf den Hügel Sainte-Geneviève im 5. Arrondissement von Paris überführen zu lassen. Dort wurden seit der Französischen Revolution bislang 83 Persönlichkeiten geehrt, darunter die Schriftsteller Victor Hugo und Émile Zola, Europas Gründervater Jean Monnet, Jean Moulin, ein Held der Résistance, die Wissenschaftler*innen Pierre und Marie Curie, die Sängerin, Tänzerin und Widerstandskämpferin Josephine Baker.

Marc Bloch hat die moderne Geschichtsschreibung revolutioniert, war ein überzeugter Republikaner und eine moralische Instanz, der verfügt hatte, dass auf seinem Grabstein nur die zwei Worte »Dilexit veritatem« (Er hat die Wahrheit geliebt) stehe sollten. Staatspräsident Emmanuel Macron begründete seine Entscheidung, die immer von hoher Symbolkraft ist, damit, dass Bloch »der Mann der Aufklärung in der Armee der Schatten« sei, und betonte dessen »beißende Klarheit, die uns auch heute noch beeindruckt« – gerade in einer Zeit der Demokratie- und Wissenschaftsverdrossenheit.

Der Mittelalterhistoriker entstammte einer jüdischen Familie aus dem Elsass.[1] Berühmt wurden vor allem zwei seiner Werke, die auf Deutsch als »Die Feudalgesellschaft« und »Apologie der Geschichtswissenschaft oder Der Beruf des Historikers« erschienen. Sein vielleicht wichtigstes Buch aber handelte nicht vom Mittelalter, sondern handelte von Frankreichs Kapitulation vor den faschistischen Armeen: »L’étrange défaite« (in deutscher Übersetzung als »Die seltsame Niederlage: Frankreich 1940. Der Historiker als Zeuge« bei 2002 erschienen). Darin behandelte er die Frage, warum Frankreich 1940 so schnell kapitulierte und welche Rolle die französische Elite dabei spielte. In der Einleitung heißt es: »Es wird ein beschwerliches Unterfangen werden: Wie viel bequemer wäre es doch, der Erschöpfung und der Entmutigung nachzugeben!«

Es ist eine schonungslose Abrechnung mit den Versäumnissen von Frankreichs Eliten, den militärischen, aber auch den politischen und akademischen. Sein geliebtes Land sei »durch Konservatismus abgestumpft, durch Konformismus eingeschläfert und durch Bürokratie erschlafft« (Macron erwähnte diesen Satz bei der Ankündigung von Blochs Pantheonisierung). Die Deutschen hätten einen Krieg von heute geführt, die Franzosen einen von gestern und vorgestern. »Unsere Chefs [...] waren unfähig, den Krieg zu denken. Mit anderen Worten, der Triumph der Deutschen war im Wesentlichen ein intellektueller Sieg, und das ist vielleicht das Gravierendste an ihm gewesen.«

1943 schloss sich Marc Bloch dem Widerstand gegen die deutschen Besatzer an, war Mitglied einer sozialistischen Gruppe, ließ sich »Narbonne« rufen. Anfang März 1944 wird er verhaftet, die nationalsozialistische Parteizeitung »Völkischer Beobachter« schreibt: »Jude leitete Mordbanden in Frankreich.« Aber nicht die Gestapo hat Bloch festgenommen, sondern eine rechtsextreme französische Miliz, die im Auftrag der Nazis operierte, Widerstandskämpfer und Juden jagte, wie die Professorin für zeitgenössische Geschichte an der Universität Paris 1 Panthéon-Sorbonne Alya Aglan in ihrem gerade erschienenen Buch »La double mort de Marc Bloch« deutlich macht. Es waren Franzosen, die den Historiker und Widerstandskämpfer ins Hauptquartier der Gestapo in Lyon verschleppen und seinen Mördern auslieferten.

Nach seiner Verhaftung verhörte ihn die Gestapo und folterte ihn wochenlang, seine Tortur ging weiter in einem Verlies im Gefängnis Montluc, bis ihn SS-Männer unter Führung von Klaus Barbie, dem »Schlächters von Lyon«, eines Abends abholten. Am 16.Juni 1944 wird Marc Bloch mit rund zwei Dutzend Mitinsassen in einem offenen Kleinlaster abgeholt. Gegen 21 Uhr hält das Fahrzeug am Rande einer von hohen Büschen umgebenen Wiese in der Gemeinde Saint-Didier-de-Formans. Jeweils zu viert müssen die Gefangenen aussteigen, die Fesseln werden ihnen abgenommen, in der Dämmerung laufen sie los – ein Erschießungskommando steht bereit. Keine 20 Minuten dauert das Massaker, wer danach noch ein Lebenszeichen von sich gibt, erhält von den Nazis einen Kopfschuss. Die Leichen lassen sie liegen. Ein Lehrer aus dem Dorf macht am nächsten Morgen den grausigen Fund, informiert die Behörden, die die Identität der Hingerichteten festzustellen suchten.

Der Patriot Bloch ist, wie es das linke Nachrichtenmagazin »Le Nouvel Obs« formuliert, eine Ikone gegen Rassismus und Antisemitismus. So will ihn auch die Familie erinnert wissen. Deshalb wehrt sie sich entschieden dagegen, dass an der Ehrung im Panthéon auch Mitglieder des rechtsextremen Rassemblement National (RN) teilnehmen. Die Vorgängerorganisation des RN dabei war als Front National einst von ehemaligen SS-Mitgliedern mitbegründet worden, einer ihrer Gründer, Jean-Marie Le Pen, der Vater von Marine Le Pen, redete die Gaskammern der Nazis als ein »Detail in der Geschichte des Zweiten Weltkriegs« klein.

In einem Schreiben an Präsident Macron verlangte Blochs Familie, »dass die extreme Rechte in all ihren Erscheinungsformen von jeder Teilnahme an der Zeremonie ausgeschlossen wird«. Und sie wehrt sich zudem gegen eine chauvinistische Vereinnahmung Blochs: Er sei Patriot gewesen, aber kein Nationalist. Es soll zudem eine »rein weltliche« Zeremonie werden, wie es Bloch einst selbst in seinem Testament für die Trauerfeier verfügt hat.

Der Kontext der Kollaboration von Franzosen mit dem Nationalsozialismus und des Antisemitismus im Vichy-Frankreich, das Staatsbürger*innen verfolgte und entrechtete, macht die Panthéonisierung symbolträchtiger, als die Ehrung üblicherweise ist. Nicht nur Blochs wissenschaftliches Werk, das bis heute international anerkannt und prägend ist, sondern vor allem seine unerschütterliche Zivilcourage während Frankreichs dunkelster Zeit ist Anlass, sich mit dieser eminenten Persönlichkeit zu beschäftigen.

»Marc Bloch kommt ins Panthéon wegen seines Werkes, seiner Lehrtätigkeit, seines Muts«, sagte auch Staatspräsident Macron, als er die Ehrung ankündigte. Zu dem Verlangen von Blochs Nachfahren verwies er auf das Protokoll. Darin stehe, jede/r gewählte Politiker*in im Land sei geladen. Er sei aber überzeugt, dass jeder wisse, ob seine Anwesenheit passend sei.

Anmerkung

[1] Zu weiteren Informationen zur Biografie und zum Wirken Blochs siehe den Beitrag von Kai Nonnenmacher auf rentée litéraire: Marc Bloch im Pantheon: Historiker, Widerstandskämpfer, Märtyrer der Republik.

Zurück