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25. Januar 2019 Michael Brie: Zum Tod von Erik O. Wright

Durch reale praktische Utopien im Kapitalismus über ihn hinausgehen

Am 23. Januar starb Erik O. Wright nach einer längeren Krankheit. Er hat sich ihr und dann dem nahenden Tod auf seinem Blog genauso reflektiert und analytisch gestellt wie vorher der gesellschaftlichen Wirklichkeit.

Sein letzter Eintrag, geschrieben am 21. Januar, beginnt mit den Worten: »Die letzten Blogs waren ziemlich heftig, verständlicherweise. Ich bin in den letzten Tagen meines Lebens. Dies fokussiert den Geist auf die größten Fragen. Dies verband sich mit einigen Gesundheitskrisen, die so starke körperliche Auswirkungen auf mich hatten, dass ich auch das mitteilen musste.« Angehängt sind Auszüge eines Briefes an seine Enkelinnen und Enkel. Er selbst, so schreibt er, könne sie auf ihrem Wege nicht mehr begleiten, nicht wieder mit ihnen gemeinsam am Lagerfeuer sitzen.

Erik O. Wright, geboren 1947 in einer jüdischen Familie in Berkeley, Kalifornien, hat in Harvard und Oxford studiert und an University of California 1976 promoviert. Seit dieser Zeit war er ununterbrochen an der University of Wisconsin als Professor für Soziologie tätig. Er gehörte der Neuen akademischen Linken in den USA an und hat den analytischen Marxismus zu Einfluss und Wirksamkeit verholfen. Auf besondere Weise verband er so, was Ernst Bloch den Kältestrom des Marxismus nannte, mit dem Wärmestrom emanzipatorischer Visionen.

Dies wird vor allem dann deutlich, wenn man sich vor Augen führt, das Erik O. Wright zwei Hauptprojekte verfolgt hat. Zum einen hat er mit einer ganzen Reihe von Werken seit den 1970er Jahren die marxistische Klassenanalyse erneuert. Nach seinem ersten Buch The Politics of Punishment: A Critical Analysis of Prisons in America von 1973 folgten immer neue Bücher zum Thema des Kapitalismus als Klassengesellschaft, beginnend mit dem Buch Class, Crisis, and the State von 1978 und endend mit dem Werk Understanding Class, in dem er auf außerordentlich originäre Weise die Ansätze von Marx, Weber und Durkheim verbunden hat.

Zum anderen begann Erik O. Wright in den 2000er Jahren das große Projekt zu realen Utopien, die im Kapitalismus über ihn hinausführen bzw. eine große sozialistische Transformation vorbereiten und erleichtern können. Er knüpfte dabei ganz bewusst an jene Fragen an, die ihn schon als Student umtrieben, wie er im deutschen Vorwort seines großen zusammenfassenden Werkes »Envisioning Real Utopias« (2010) (auf Deutsch Reale Utopien. Wege aus dem Kapitalismus 2017) schrieb.

In einem studentischen Seminar von 1970 habe er folgende Aufgabe formuliert: »Ich glaube, es wäre nicht wünschenswert, den Entwurf einer Vorstellung von Utopie, wie er uns hier beschäftigt, als Versuch zu begreifen, abschließende institutionelle Antworten auf verschiedene Probleme zu finden. Wir können vielleicht bestimmen, welche Art gesellschaftlicher Institutionen unsere Ziele negieren und welche Art von Institution sich zumindest auf diese Ziele zuzubewegen scheint, aber es wäre unmöglich, detaillierte Blaupausen tatsächlicher Institutionen zu entwickeln, die sämtliche unserer Ideale vollständig verkörpern würden. Unsere wirkliche Aufgabe besteht im Versuch, Institutionen zu konzipieren, die selbst zu dynamischer Veränderung fähig sind, die auf die Bedürfnisse der Menschen reagieren und sich entsprechend entwickeln können, und nicht etwa Institutionen, die dermaßen perfekt sind, dass sie keiner weiteren Veränderung bedürfen.«

Mehr als drei Jahrzehnte später hat sich Erik O. Wright daran gemacht, dieses sozialistische Forschungsprogramm zu verwirklichen. Er hat mit vielen anderen zusammen konkrete Projekte studiert, die das Potenzial aufweisen, so seine Überzeugung, das Kapitalistische im Kapitalismus zurückzudrängen.

Sieben Bücher sind entstanden und »Envisioning Real Utopias« ist dabei jenes, dass diesen Ansatz systematisch entfaltet, ihm eine schlüssige theoretische Grundlage gibt, an einzelnen Projekte skizziert und abschließend drei Strategien von Transformation entwickelt: der Strategie des Ausbaus von alternativen Ansätzen in den Nischen kapitalistisch dominierter Gesellschaften, der Strategie der Stärkung alternativen demokratischer, sozialer, ökologischer Logiken und schließlich der Strategie des Bruchs mit Macht- und Eigentumsstrukturen und verfassten Ordnungen im Ganzen.

Eine kurze Zusammenfassung des Gesamtansatzes gab er als Präsident der American Sociological Association im Jahre 2012 (auf deutsch abgedruckt in der von mir bei VSA: herausgegebenen Reihe »Beiträge zur kritischen Transformationsforschung«, Bd. 2: Mit Realutopien den Kapitalismus transformieren, Hamburg 2015).

Mehrfach war Erik O. Wright Gast der Rosa-Luxemburg-Stiftung und hielt Rosa Luxemburg Lectures (2011, 2016). Die Übersetzung seines Buchs »Reale Utopien« erhielt eine umfangreiche Unterstützung durch die Stiftung. Seine vermutlich letzte Arbeit und somit sein Vermächtsnis (»How to be an Anti-capitalist for the 21st Century«) wird in deutscher Sprache nun posthum unter dem Titel Was es bedeutet, demokratischer Sozialist zu sein. Für einen zeitgemäßen linken Antikapitalismus im Frühjahr im VSA: Verlag erscheinen.

Wir haben einen brillanten Marxisten, einen der originärsten Denker des demokratischen Sozialismus und einen Freund verloren, einen Genossen auf dem gemeinsamen Weg. Aber lernen können wir weiter von ihm.

Michael Brie arbeitet als Referent für »Theorie und Geschichte des Sozialismus« am Institut für Gesellschaftsanalyse der Rosa-Luxemburg-Stiftung, auf deren Website dieser Nachruf zuerst erschien. Er hat soeben den Band Rosa Luxemburg neu entdecken veröffentlicht.

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