11. Oktober 2026 Redaktion Sozialismus.de: Der Friedensnobelpreis 2026 geht an Navanethem Pillay
»Eine standhafte, unabhängige Stimme der Gerechtigkeit«
Das Norwegische Nobel-Institut hat in diesem Jahr den Friedensnobelpreis an die südafrikanische Juristin Navanethem »Navi« Pillay vergeben. Sie habe mit außergewöhnlichem Mut und Integrität den Weg zu einer umfassenderen globalen Rechtsordnung geebnet und so maßgeblich dazu beigetragen, dass Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord strafrechtlich verfolgt würden. Damit habe sie den Frieden und das Völkerrecht gestärkt.
Der Vorsitzende des Nobelkomitees, Jörgen Watne Frydnes, sagte, die Juristin werde in einer Zeit geehrt, in der »das System des Völkerrechts unter enormem Druck steht und seine Institutionen angegriffen werden«. Daher brauche es »Menschen mit Mut, Weitsicht und Entschlossenheit – Eigenschaften, die Navi Pillay in ihrer Arbeit als Richterin unter Beweis stellt.«
Navanethem Pillay ist eine südafrikanische Juristin mit den Schwerpunkten Menschenrechtsschutz und Völkerstrafrecht. Von 1995 bis 2003 war sie Richterin am Internationalen Ad-hoc-Strafgerichtshof (IStGHR) für Ruanda und ab 1999 dessen Präsidentin, von 2003 bis 2008 am ständigen Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) in Den Haag. Dort ist sie derzeit Ad-hoc-Richterin in einem Verfahren, in dem Myanmar des Völkermords beschuldigt wird.
Bis vor Kurzem hatte Pillay den Vorsitz einer unabhängigen Untersuchungskommission des UN-Menschenrechtsrats für die besetzten palästinensischen Gebiete inne. Das Gremium hatte Israel im vergangenen Jahr vorgeworfen, im Gazastreifen einen Völkermord im Gazastreifen zu begehen. Jörgen Watne Frydnes, der Vorsitzende des Nobelkomitees, sagte, ihre Arbeit in der Kommission sei ein wichtiger Teil der Überlegungen gewesen, ihr den Preis zu verleihen.
Israels Außenministerium bezeichnete die Verleihung des Nobelpreises an Pillay als »groteske Instrumentalisierung einer Auszeichnung, um Hass auf Israel und Vorurteile zu legitimieren«. Mit Blick auf den NS-Reichspropagandaminister fügte das Ministerium hinzu: »Joseph Goebbels applaudiert bestimmt aus der Hölle.« Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hatte schon zuvor den Vorwurf, sein Land begehe in Gaza einen Genozid, kürzlich als »größte Lüge des Jahrhunderts« bezeichnet.
Auch US-Präsident Donald Trump reagiert empört: »Heute hat sich das Nobelkomitee eine nicht wiedergutzumachende Schande geleistet und den einst angesehenen Friedensnobelpreis herabgewürdigt, indem es ihn Navi Pillay von der UNO verliehen hat. Pillay hegt einen erklärten Hass auf Amerika und Israel. In ihrer Funktion hat sie Terroristen gefeiert und die Hamas belohnt. Sie hat eine als ›Untersuchung‹ getarnte Farce geleitet, behauptet, Israel habe einen Völkermord begangen, und dessen strafrechtliche Verfolgung gefordert.« Die USA kündigen zudem weitere Sanktionen gegen den Internationalen Strafgerichtshof an.
Das Komitee für die Verleihung des Friedensnobelpreises, dem man nun wirklich nicht Einseitigkeit bei der Auswahl von Preisträger*innen vorwerfen kann – im vorigen Jahr verlieh man den Preis an die rechtsgerichtete María Corina Machado aus Venezuela, die ihre Preis-Medaille dann auch prompt an Trump weitergab – hat sich von der erwartbaren Protestwelle aus Israel und der Trump-Administration nicht von der Auszeichnung von Frau Pillay abschrecken lassen.
UN-Generalsekretär António Guterres begrüßte die Ehrung für Pillay. Die Entscheidung des Nobelkomitees trage zur Würdigung derjenigen bei, die sich für die Verteidigung des Völkerrechts, der Rechtsstaatlichkeit und der Menschenrechte einsetzten, erklärte er. Die Juristin würdigte er als »eine standhafte, unabhängige Stimme der Gerechtigkeit«.
Für die UN-Sonderberichterstatterin für die besetzten Gebiete, Francesca Albanese, seien mit der Entscheidung die Unterdrückten in Gaza-Streifen in eine repressionsfreie Zone gerückt worden: »Herzlichen Glückwunsch an Pillay! Bei der Verleihung des Friedensnobelpreises an sie erklärte das Komitee: ›Ein internationales Rechtssystem, in dem Kriegsverbrecher für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen werden und Opfer von Übergriffen Gerechtigkeit erfahren, ist eine Voraussetzung für eine friedliche Welt.‹ Möge diese Gerechtigkeit in Palästina ihren Anfang nehmen.«
Unterstützt wurde die Entscheidung auch vom Präsidenten des Europäischen Rates, Antonio Costa, dem südafrikanischen Präsidenten Cyril Ramaphosa und dem spanischen Ministerpräsidenten, Pedro Sánchez, der auf X unter anderem schrieb: »Als spanische Regierung schließen wir uns der Anerkennung und dem Lob für ihre Arbeit an und bekräftigen jetzt mehr denn je unsere Unterstützung für die internationalen Organisationen, die darüber wachen, dass der Frieden gewahrt wird.«
Bemerkenswert ist die Reaktion seitens der deutschen Bundesregierung, die sich häufig – wie die sie tragenden politischen Parteien – nicht gerade durch eine differenzierte Beurteilung der Israel-Palästina-Problematik auszeichnet. Ein Sprecher der Bundesregierung sagte in Berlin, Pillays »Lebenswerk vom Einsatz gegen die Apartheid bis zu ihrer herausragenden Arbeit für die internationale Strafgerichtsbarkeit und die Vereinten Nationen« verdiene »unsere höchste Anerkennung«. Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU) erklärte, Pillay stehe »für die Idee, dass Frieden auf Recht gründet«.
Pillay war in Nürnberg auf, als sie die Nachricht erhielt –in dem Gerichtssaal, in dem nach dem Zweiten Weltkrieg die Nürnberger Prozesse gegen NS-Kriegsverbrecher stattfanden –, wo sie sich an einer Veranstaltung zum 80. Jubiläum der UN-Charta beteiligte. Die 85-Jährige sagte dort: »Wir leben in einer Zeit, in der das Völkerrecht und die Menschenrechte massiv unter politischen Beschuss geraten […] besonders deutlich« zeige sich dies durch die Angriffe auf den Internationalen Strafgerichtshof. US-Präsident Trump hatte im vergangenen Monat alle Staaten, die Mitglied des IStGH sind, zum Austritt aufgefordert und den Internationalen Strafgerichtshof als »Schurkeninstitution« bezeichnet.
Auf die Preisvergabe reagierte Pillay in Anspielung auf die erwähnte Weitergabe der Preis-Urkunde der letztjährigen Preisträgerin an Trump mit einem Seitenhieb auf diesen, der den Friedensnobelpreis immer wieder für sich reklamiert hat: »Wenn ihr noch ein bisschen mehr klatscht, teile ich diesen Preis vielleicht mit Trump«, scherzte sie, als sie nach der Bekanntgabe ihrer Auszeichnung in Nürnberg mit stehenden Ovationen bedacht wurde.












