2. November 2026 Björn Radke: Ergebnisse der UN-Biodiversitätskonferenz (COP17)
Einigung mit Schwächen
Rund 200 Staaten haben sich auf der COP17 vom 19. bis 30. Oktober in der armenischen Hauptstadt Eriwan nach zwei Wochen zäher Verhandlungen geeinigt. Im Zentrum des Treffens standen Maßnahmen gegen den weltweiten Rückgang der Artenvielfalt und den Verlust natürlicher Lebensräume.
Obwohl nach einer durchverhandelten Nacht eine Einigung erzielt wurde, mussten in den Abschlussdokumenten viele Formulierungen abgeschwächt oder gestrichen werden. Vor allem Russland, Saudi-Arabien und weitere erdölexportierende Staaten blockierten zahlreiche ambitionierte Punkte. Strittig waren insbesondere die Bezüge zu Menschenrechten, klimaschädlichen Subventionen, dem UN-Hochseeschutzabkommen sowie die konkrete Finanzierung des Naturschutzes. Bis zum Schluss wurde um die Mitspracherechte für indigene Völker gerungen.
Umweltorganisationen äußerten sich erleichtert, dass überhaupt Abschlussdokumente verabschiedet werden konnten. Das beschlossene Strategiepapier – der sogenannte Jerewan-Pfad – soll die Umsetzung der Artenschutzziele bis 2030 beschleunigen. Insgesamt sehen Wissenschaftler*innen im Ergebnis Stärken und Schwächen, das in der Summe jedoch positiv zu bewerten sei.
Deutschland forderte, dass finanzstarke Golfstaaten für den Naturschutz in ärmeren Ländern zahlen sollen. Der Abschlusstext lädt diese Staaten jedoch lediglich zu freiwilligen Beiträgen ein. Die Überprüfung des 2022 beschlossenen Kunming-Montreal Global Biodiversity Framework (GBF) zeigt, dass die Weltgemeinschaft weit hinter dem Zeitplan hinterherhinkt.
Was wurde 2022 in Montreal beschlossen:
Das Abkommen wurde im Dezember 2022 auf der COP15 von 196 Staaten beschlossen. Es gilt als das wichtigste internationale Naturschutzabkommen und wird häufig als das »Paris-Abkommen für die Natur« bezeichnet. Das übergeordnete Ziel ist es, den weltweiten Verlust an biologischer Vielfalt bis 2030 zu stoppen und umzukehren. Die vier zentralen Langzeitziele für 2050 lauten:
- Natur erhalten: Die Integrität und Resilienz aller Ökosysteme deutlich erhöhen; die vom Menschen verursachte Aussterberate von Arten bis 2050 um das Zehnfache reduzieren.
- Nachhaltige Nutzung: Die Leistungen der Natur (sauberes Wasser, Nahrung, Bestäubung) für künftige Generationen bewahren.
- Gerechte Aufteilung: Vorteile aus der Nutzung genetischer Ressourcen (z.B. für Medikamente) fair teilen.
- Finanzierung sichern: Die weltweite Biodiversitäts-Finanzierungslücke (geschätzt auf 700 Mrd. US-Dollar pro Jahr) schließen.
Die wichtigsten Handlungsziele sollten sein: Mindestens 30% der weltweiten Land- und Meeresflächen effektiv sollen unter Schutz gestellt werden. Mindestens 30% der bereits degradierten Ökosysteme (wie Moore oder abgeholzte Wälder) sollen aktiv wiederhergestellt werden. Umweltschädliche Subventionen sollten um global um mindestens 500 Mrd. US-Dollar pro Jahr reduziert oder umgewidmet werden.
Das Risiko durch den Einsatz von Pestiziden und gefährlichen Chemikalien soll um 50% gesenkt werden. Die Industrieländer sollten bis 2025 jährlich 20 Mrd. US-Dollar und bis 2030 jährlich 30 Mrd. US-Dollar an die Entwicklungsländer des Globalen Südens zahlen. Die Territorien und Rechte indigener Völker müssen bei allen Maßnahmen respektiert werden.
Tatsächliche Bilanz auf der COP 17
Die weltweite Abdeckung der Landflächen liegt aktuell bei rund 17,5%. Um das 30%-Ziel bis 2030 zu erreichen, müssten in den verbleibenden vier Jahren Schutzgebiete von der Größe des afrikanischen Kontinents ausgewiesen werden. Der Rückstand zur Erreichung des Schutzes von Meeresflächen ist noch größer. Trotz des historischen UN-Hochseeschutzabkommens stehen derzeit erst knapp 8,5% der Meere unter Schutz.
Die Europäische Union versucht beim »30x30-Ziel« eine Vorreiterrolle zu spielen, kämpft jedoch mit internen Widersprüchen. Sie hat das 30%-Ziel für ihr eigenes Territorium verbindlich übernommen. Zudem sollen 10% der Gesamtfläche unter strengen Schutz gestellt werden (vollständiges Verbot menschlicher Eingriffe wie Forstwirtschaft oder Fischerei).
Auf dem Papier meldet Deutschland bereits rund 37% seiner Landfläche als Schutzgebiete (z.B. durch Naturparks). Der reale Schutzstatus ist jedoch oft schwach: Intensive Landwirtschaft, Pestizideinsatz und Forstwirtschaft sind in vielen Gebieten weiterhin erlaubt. Der Anteil streng geschützter, echter Wildnisgebiete liegt in Deutschland bei weit unter 1%.
Wie dringend nötig Fortschritte sind, zeigt der aktuelle Living Planet Report des WWF: In den letzten 52 Jahren hat der Mensch die untersuchten Wirbeltierbestände um durchschnittlich 73% dezimiert. Die Hauptgründe sind Lebensraumzerstörung, Übernutzung, Umweltverschmutzung und die Klimakrise.













