Mario Keßler
Sozialisten gegen Antisemitismus
Zur Judenfeindschaft und ihrer Bekämpfung (1844-1939)
368 Seiten | EUR 26.80
ISBN 978-3-96488-144-1

Michael Brie
SOZIALISMUS neu entdecken
Ein hellblaues Bändchen zu den Widersprüchen einer solidarischen Gesellschaft
176 Seiten | EUR 14.00
ISBN 978-3-96488-055-0

Silvia Habekost/Dana Lützkendorf/Sabine Plischek-Jandke/Marie-Luise Sklenar (Hrsg.)
Gebraucht, beklatscht – aber bestimmt nicht weiter so!
Geschichte wird gemacht: Die Berliner Krankenhausbewegung
WIDERSTÄNDIG
108 Seiten | in Farbe | EUR 10.00
ISBN 978-3-96488-139-7

Fritz Reheis
Erhalten und Erneuern
Nur Kreisläufe sind nachhaltig, Durchläufe nicht
144 Seiten | EUR 12.80
ISBN 978-3-96488-163-2

Christine Morgenstern
Gleichstellung
Impulse aus der Frauenbewegung und Erfahrungen aus einem Vierteljahrhundert Frauenpolitik
288 Seiten | EUR 19.80
ISBN 978-3-96488-161-8

Wolfgang Harsch
Kindheit, Kapitalismus, Kommunismus

Die gesellschaftlichen Verhältnisse psychoanalytisch gedeutet
144 Seiten | EUR 14.80
ISBN 978-3-96488-156-4

M. Giesert/T. Reuter/A. Liebrich (Hrsg.)
Mit psychischer Beeinträchtigung umgehen (statt sie zu umgehen)
Betriebliches Eingliederungsmanagement (BEM)
240 Seiten | EUR 19.80
ISBN 978-3-96488-141-0

René Senenko (Hrsg.)
»Mit revolutionären Grüßen«
Postkarten der Hamburger Arbeiterbewegung 1900–1945
288 Seiten | Hardcover | EUR 24.80
ISBN 978-3-96488-108-3

12. November 2022 Redaktion Sozialismus.de: Der Sozialist, politische Ökonom und Ökologe Klaus Steinitz wird 90

Erfahrungen im Zeitalter der Extreme

Im Juni 2021 stellte Klaus Steinitz auf einer Bildungsveranstaltung der Hellen Panke e.V./Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin, deren Vorsitzender er lange war, seine Erfahrungen von 40 Jahren Leben und Arbeiten in der DDR und von 30 Jahren Aufarbeitung des gescheiterten Sozialismusversuches zur Diskussion.

Klaus Steinitz gehört zur DDR-Aufbaugeneration. Er entstammt einer großen wissenschaftlichen Familie, die heute über die ganze Welt verstreut ist. Dass er Jude war, habe er in der DDR nie versteckt, aber auch nie betont, sagt er in dem Film »Once we were Jews«, der 2020 über ihn gedreht wurde: »Ich bin einfach nie gefragt worden.« Die politische Allianz war für ihn als Kommunisten immer klar: mit den Palästinensern, nicht mit dem Staat Israel. Das Anti-Jüdische, so Steinitz, spielte seiner Erfahrung nach in der DDR eine geringere Rolle als in der UDSSR.

Die Widersprüche des 20. Jahrhunderts bestimmten das Leben von Klaus Steinitz, der am 12. November 1932, wenige Monate vor dem Ende der Weimarer Republik, in Berlin geboren wurde. 1934 emigrierte er mit seinen Eltern aus dem faschistischen Deutschland in die Sowjetunion und anschließend nach Schweden, kehrte 1947 nach Westberlin zurück, von wo die Familie 1949 nach Ostberlin in die DDR umzog.

»So kann ich heute sagen, dass ich in vier verschiedenen politischen Systemen gelebt habe.« Prägend wurde der Sozialismusaufbau in der DDR, seine Widersprüche und sein Scheitern, aber ebenso die über 30 Jahre danach: Sozialismus-Aufarbeitung als erfahrungsgestützter Lernprozess – in diese Richtung zielt die politisch-theoretische Arbeit von Klaus Steinitz.

Klaus Steinitz engagierte sich als Kommunist parteipolitisch und durchlief die Transformation von der SED bis zur Linkspartei. In seiner Biografie spiegeln sich die Verhältnisse des Realsozialismus und die entwickelte spätkapitalistische Berliner Republik: immer involviert in Konflikten bei der Verwirklichung einer sozialistischen Perspektive.

Erfahrung wird so – neben Theorie und Analyse – selbst Erkenntnisquelle für  emanzipatorische Ziele, in der Sozialismus als ergebnisoffenes Projekt mit Variantenvielfalt und experimentellem Mut gedacht und gelebt werden kann – ganz im Sinne einer von Marx geforderten selbstkritischen Kultur der Niederlage: »Moderne Revolutionen kritisieren beständig sich selbst, unterbrechen sich fortwährend in ihrem eigenen Lauf, kommen auf das scheinbar Vollbrachte zurück, um es wieder von neuem anzufangen, verhöhnen grausam-gründlich die Halbheiten, Schwächen und Erbärmlichkeiten ihrer ersten Versuche.«

In der DDR arbeitete Klaus Steinitz an insgesamt sechs verschiedenen Einrichtungen und sammelte Erfahrungen: Als Wirtschaftswissenschaftler war er von 1955 bis 1963 in der Lehr- und Forschungstätigkeit an der Hochschule für Ökonomie (HfÖ) in Berlin-Karlshorst sowie an der Karl-Marx-Universität Leipzig tätig, von 1963 bis 1967 folgte eine Tätigkeit am Ökonomischen Forschungsinstitut der Staatlichen Planungskommission. Anschließend war er in der Plankommission selbst bis 1979 zuständig für langfristige Planung und Strukturpolitik. Danach ging er 1980 an das Zentralinstitut für Wirtschaftswissenschaften der Akademie der Wissenschaften. 1990 wurde er zunächst Abgeordneter der Volkskammer der DDR und anschließend Mitglied des Deutschen Bundestages.

Nach 1990 wurde Klaus Steinitz in den Vorstand der PDS gewählt und war Sprecher ihrer AG Wirtschaftspolitik, von 2005 bis 2011 schließlich leitete er als Vorsitzender die Helle Panke e.V./Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin. Gerade dieses Engagement in politischer Bildung unterstreicht den engen Zusammenhang von Sozialismuserfahrung, Aufarbeitung und politisch-theoretischen Lernprozessen.

Klaus Steinitz war wie andere Wissenschaftskolleg*innen DDR-Ökonom und Kommunist in einer Person. Wie die Mehrzahl der DDR-Ökonom*innen wollte er sich auf Grundlage der historisch gemachten Erfahrungen in das Projekt der Entwicklung eines Sozialismus auf deutschem Boden einbringen. Aber dieser Versuch der Entwicklung einer neuen Wirtschafts- und Sozialordnung ging einher mit einem strukturell bedingten und im Realsozialismus letztlich nicht auflösbaren Spannungsverhältnis zwischen einem von innerwissenschaftlichen Normen geprägten kognitiven Eigensinn und einer theoretischen Legitimierung politisch-ideologischer Dogmen. Das hinderte Klaus Steinitz nicht daran, das Spannungsverhältnis auszuloten und z.B. zusammen mit Fritz Behrens und Otto Reinhold 1968 auf dem legendären Frankfurter Colloquium »Kritik der politischen Ökonomie heute – 100 Jahre ›Kapital‹« aufzutreten, was dem Marxschen Verständnis von Kritik alle Ehre machte.

Worin liegt das gesellschaftsbiografische Scheitern dieses Engagements letztlich begründet? Für Klaus Steinitz, der den Zusammenhang von ökonomischer Forschung und Politik in der DDR im Vergleich mit der Bundesrepublik inzwischen kritisch reflektiert, konnten sich die Wirtschaftswissenschaftler*innen der DDR nicht auf Erfahrungen einer gelungenen, erfolgreichen sozialistischen Alternative zum Kapitalismus im Sinne einer »freien Assoziation von Menschen, in der die freie Entwicklung einer/eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist«, wie es im Kommunistischen Manifest heißt, stützen.

Eine heute umso mehr erforderliche moderne politische Ökonomie des Sozialismus steht vor der Herausforderung, Modernisierungsprozesse und Produktivkraftentwicklungen so zu gestalten, dass über einen intensiven demokratischen Diskurs eine Verständigung über die Frage erreicht werden muss: Wie wollen und wie könnten wir leben? Das schließt, das gehört zu den von Klaus Steinitz immer wieder betonten Grundsätzen, immer auch eine sozialökologische Dimension mit ein.

Noch zu DDR-Zeiten schlug Klaus Steinitz für deren Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung einen Kriterienkatalog vor, der de facto eine Absage an die nationaleinkommensfixierte Wachstumslogik ist, in der die Identität von Steigerung des Wachstums = Steigerung der Wohlfahrt unterstellt ist – »Ein hohes Wachstumstempo darf nicht als Ziel an sich betrachtet werden«, schrieb er 1982 –, und plädiert nicht nur für die Einbeziehung der Reproduktion der Naturressourcen, sondern ebenfalls für die Einbeziehung der Leistungen der nichtproduktiven Sphäre – ein Impuls, den er in seinen wirtschaftspolitischen Analysen, Interventionen und Vorschlägen nach 1989 immer weiter ausbaute.

In zahlreichen Buchpublikationen und Aufsätzen hat Klaus Steinitz schon damals die Erfahrungen mit den Phasen der Öffnung und Schließung von Spielräumen für wirtschaftspolitische Alternativen in der DDR festgehalten: von den hoffnungsvollen Versuchen des Neuen Ökonomischen Systems der Planung und Leitung (NÖSPL) in den 1960er-Jahren, der Verbesserung der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung um ökologische Indikatoren über die Anstrengungen zu erhöhter betrieblicher Autonomie für verstärkte Eigenerwirtschaftung bis hin zu den »Überlegungen zu Problemen und Perspektiven des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandels in der DDR und anderen sozialistischen Staaten des RGW« aus dem Forschungsprojekt »Moderner Sozialismus« um Dieter Klein, Michael Brie u.a. Ende der 1980er-Jahre.

Der Kampf für Reformen im Realsozialismus war eine Zwischenetappe. Wie es eine »doppelte Transformation« – vom Staatssozialismus in den neoliberalen Finanzmarktkapitalismus und die jetzt anstehende sozial-ökologische Transformation – für Sozialisten intellektuell erforderlich macht, gehört zur Neubegründung des Sozialismus auch eine Kapitalismusanalyse und -kritik des 21. Jahrhunderts. Umgesetzt wurden diese Erkenntnisse in der Arbeitsgruppe Wirtschaftspolitik der PDS, der politischen Bildungsarbeit der Hellen Panke und in der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik (Memo-Gruppe).

Auch das Publikationsprojekt »Sozialismus.de« und der VSA: Verlag partizipierten von der Aufarbeitung der Sozialismus-Erfahrungen und den Überlegungen von Klaus Steinitz für einen zukunftsfähigen Sozialismus im 21. Jahrhundert. Dazu gehört, dass Klaus nach 1989 kontinuierlich in der »Sozialistischen Studiengruppe« mitarbeitete, das Themenspektrum der Zeitschrift bereicherte, so manches Supplement beisteuerte und etliche Bücher im VSA: Verlag veröffentlichte. Den Dank dafür verbinden wir mit sozialistischen Glückwünschen zum 90. Geburtstag!

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