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transform! Webinare: Meeting the Left – transform! europe präsentiert eine Reihe von Web-Interviews mit führenden Persönlichkeiten von Parteien der europäischen Linken.

Friedrich Engels im Wuppertal
– eine Buchvorstellung

17.9.2020 | 19:30 Uhr | Haus der Jugend Barmen, Geschwister Scholl Platz 4-6, 42269 Wuppertal
Nur mit Anmeldung!

VSA: Programm Herbst

In Kooperation mit

Bernd Riexinger
System Change
Plädoyer für einen linken Green New Deal – Wie wir den Kampf für eine sozial- und klimagerechte Zukunft gewinnen können | Eine Flugschrift
144 Seiten | EUR 12.00
ISBN 978-3-96488-067-3

Reiner Rhefus
Friedrich Engels im Wuppertal
Auf den Spuren des Denkers, Machers und Revolutionärs im »deutschen Manchester«
184 Seiten | in Farbe | Hardcover | zahlreiche Fotos | EUR 16.80
ISBN 978-3-96488-065-9

Steffen Lehndorff
New Deal heißt
Mut zum Konflikt

Was wir von Roosevelts Reformpolitik der 1930er Jahre heute lernen können | Eine Flugschrift
96 Seiten | mit Abb. | EUR 10.00
ISBN 978-3-96488-073-4

»Die Natur ist die Probe auf die Dialektik«
Friedrich Engels kennenlernen
mit  Elmar Altvater, Joachim Bischoff, Michael Brie, Georg Fülberth, Eike Kopf, Thomas Kuczynski und Marcel van der Linden
184 Seiten | EUR 14.80
ISBN 978-3-96488-054-3

Ulrich Brand
Post-Wachstum und
Gegen-Hegemonie

Klimastreiks und Alternativen zur imperialen Lebensweise
Mit einem Beitrag zur Corona-Krise
256 Seiten | EUR 16.80
ISBN 978-3-96488-027-7

Hajo Funke
Die Höcke-AfD
Vom gärigen Haufen zur rechtsextremen »Flügel«-Partei
Eine Flugschrift
128 Seiten | EUR 10.00
ISBN 978-3-96488-066-6

8. Mai 2020 Otto König/Richard Detje: Der 8. Mai – Tag der Befreiung vom Faschismus

Gauland: »Ein Tag des Verlustes«

Esther Bejarano (Foto: Ulf Stephan | R-mediabase)

Der 8. Mai 1945, der Tag der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht und des Endes des Nationalsozialismus, gehört zu den wenigen Jahrestagen, die in Deutschland nicht nur von Staats wegen, sondern von all jenen gewürdigt und begangen werden, denen ein politisches oder historisches Bewusstsein eigen ist: Widerstandskämpfer*innen Demokraten, Gewerkschafter*innen.

Am 8. Mai 1945 war Europa ein Kontinent in Trümmern, voller Flüchtlinge, von Krieg und Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie traumatisierter Menschen. Rund 55 Millionen Menschen waren den faschistischen Vernichtungsfeldzügen zum Opfer gefallen.

In den Konzentrations- und Arbeitslagern, in den illegalen Widerstandsgruppen und unter den deutschen Emigranten hatte man/frau den »Tag der Befreiung« herbeigesehnt. Am 11. April erreichten US-amerikanische Truppen Buchenwald auf dem Ettersberg bei Weimar, wo sie auf bewaffnete Häftlinge trafen, die zuvor das KZ befreit und 220 Nazi-Schwergen gefangen genommen hatten.

Schon einen Tag danach fand der erste Freiheitsappell im Lager statt, in dem zwischen Juli 1937 und April 1945 die Nazis eine Viertelmillion Menschen gefangen gehalten und rund 55.000 ermordet haben. Beschönigend als »Arbeitslager« bezeichnet war Buchenwald eine Mordfabrik, in der sich die Faschisten ihrer Gegner – Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter – entledigten, nicht ohne sie vorher für den faschistischen Kriegswahn und Rüstungsprofite bis auf den letzten Blutstropfen auszubeuten.

Vier Tage später, am 15. April, befreiten britische Truppen das Konzentrationslager Bergen-Belsen am Rande der Lüneburger Heide. Von insgesamt 120.000 Häftlingen aus fast allen Ländern Europas starben dort mehr als 52.000 Männer, Frauen und Kinder. Unter ihnen war Anne Frank, die der Welt ihr Tagebuch über das Grauen der Judenverfolgung aus Sicht eines jungen Mädchens hinterließ. In dem Lager wurden von den Briten etwa 10.000 Tote gefunden. Die Schreckensbilder gingen um die Welt. »Nur wer damals hier in Belsen war, kann wirklich wissen, wovon wir Überlebenden reden. Nichts als Leichen, Leichen, Leichen«, so die 95-jährige Überlebende und Zeitzeugin Anita Lasker-Wallfisch.

Am 29. April erreichten die US-Amerikaner das Konzentrationslager Dachau in Oberbayern und fanden dort außer den Überlebenden einen Todeszug aus Buchenwald. In den Güterwagen lagen mehr als 2.300 tote Häftlinge, Menschen, die man einfach verhungern ließ. Dachau war das erste deutsche Konzentrationslager und Ausbildungsort für SS-Wachmannschaften und SS-Führungspersonal, die in anderen Vernichtungslagern eingesetzt wurden. Dort begann 1934 der Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß seine »verbrecherische Karriere der Gewalt«. Im Lager waren von 1933 bis 1945 mehr als 200.000 Menschen eingesperrt, 41.500 von ihnen wurden ermordet, verhungerten oder starben an Krankheiten.

Bereits am 27. Januar 1945 hatten Soldaten der Roten Armee das Vernichtungslager Auschwitz erreicht. Mindestens 1,3 Millionen Menschen aus mehr als 30 verschiedenen Nationen waren nach Auschwitz deportiert worden. Das KZ steht heute weltweit als Synonym für den industriellen Massenmord an Menschen, die systematische Tötung von Häftlingen mit Giftgas Zyklon B. Im KZ wurde mehr als eine Million Menschen getötet, weil sie Juden, Sinti und Roma oder Slawen, sowjetische Kriegsgefangene bzw. politische Gegner waren.

Auschwitz, Buchenwald, Dachau, Maidanek, Mauthausen, Oranienburg, Ravensbrück, Sachsenhausen, Stuthoff, Treblinka, Theresienstadt diese Namen stehen stellvertretend für das Terrorsystem der Nationalsozialisten. Die deutsche Geschichte zwischen 1933 und 1945 ist und bleibt der Beleg dafür, wohin es im Extremfall führt, wenn man Menschen in solche von Wert und solche mit geringerem oder ohne Wert einteilt, wenn Rechtsradikalen nicht rechtzeitig das Handwerk gelegt wird.

Für die vom Nazi-Terror verfolgten Menschen war der 8. Mai 1945 der »Tag der Befreiung vom Faschismus«. Die Planungen vieler gewerkschaftlicher, sozialistischer, christlicher und kommunistischer Gruppen sahen tiefgreifende Maßnahmen vor: eine soziale Demokratie, ein Rechtsstaat und ökonomische Veränderungen wie die Vergesellschaftung der Eisen- und Stahlindustrie sowie Wirtschaftsdemokratie und Mitbestimmung für die abhängig Beschäftigten – Neuordnung statt Wiederaufbau. Die meisten Arbeiter*innen und Angestellten, die frühzeitig die Gewerkschaftsarbeit aufnahmen, waren überzeugt, dass es keine Spaltung der deutschen Gewerkschaftsbewegung mehr geben darf. Für sie galt: »Die Einheit hüten wie einen Augapfel« (Willi Bleicher).

Vom Kriegsende bis 1947/48 stand ein kleines Fenster für weitergehende Reformen offen, danach begann in der BRD die Restauration, begünstigt durch die unterschiedlichen außen- und sicherheitspolitischen Interessen der Siegermächte: Der Ost- West-Konflikt und der Kalte Krieg begannen. Die machtpolitische Vereinnahmung der beiden Teile Deutschlands – BRD und DDR – durch die beiden »Supermächte« USA und Sowjetunion und die Beibehaltung der kapitalistischen ökonomischen Strukturen, die den Nationalsozialismus ermöglicht hatten, sowie das Wiedererstarken der Eliten in Staat und Wirtschaft verhinderten in Westdeutschland weitergehende Reformen.

Das erinnerungspolitische Interesse an den 8. Mai 1945 nahm in den folgenden Jahrzehnten verschiedene Formen an und setzte unterschiedliche Akzente – im Osten und im Westen. Als Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) am 8. Mai 1970 eine Regierungserklärung im Bundestag abgab, wurde er von CDU/CSU-Abgeordneten, die zuvor schon versucht hatten, seine Rede zu unterbinden, so beschieden: »Niederlagen feiert man nicht« und »Schande und Schuld verdienen keine Würdigung«.

50 Jahre später übernehmen Politiker der AfD diese schändliche Rolle. Auch für den AfD-Fraktionsvorsitzenden im Bundestag, Alexander Gauland, gibt es keinen Grund zum Feiern, denn der 8. Mai stehe für eine »absolute Niederlage, ein Tag des Verlustes von großen Teilen Deutschlands und des Verlustes von Gestaltungsmöglichkeit«, sagte er gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. In Gaulands und Höckes Geschichtsschreibung wird nach 1945 ein Schlussstrich gezogen und gleichzeitig aus der Rhetorik des Faschismus geschöpft. Die Verbrechen der Nazis werden von den AfD-Spitzen niemals komplett geleugnet, sie werden kleingeredet bis zum »Vogelschiss« der deutschen Geschichte.

Am 26. Januar 2020 wandte sich die 95-jährige Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano in einem offenen Brief »An die Regierenden und alle Menschen, die aus der Geschichte lernen wollen«: »Es ist für uns Überlebende unerträglich, wenn heute wieder Naziparolen gebrüllt werden, wenn Menschen durch die Straßen gejagt und bedroht werden, wenn Todeslisten kursieren.« Sie fordert: Der 8. Mai, der Tag der Niederschlagung des NS-Regimes, soll ein Feiertag werden; das könne dazu beitragen, »zu begreifen, dass der 8. Mai 1945 der Tag der Befreiung war«. Mittlerweile hat Esther Bejarano gemeinsam mit der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN-BdA) die Petition »8. Mai zum Feiertag machen! Was 75 Jahre nach Befreiung vom Faschismus getan werden muss!« auf den Weg gebracht. Zumindest für dieses Jahr hat die rot-rot-grüne Landesregierung in Berlin den 8. Mai zum gesetzlichen Feiertag erklärt.

Angesichts der Kontaktsperre in Folge der Corona-Pandemie fallen in diesem Jahr die Gedenkfeiern zum 75. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus aus. Gerade deshalb ist es wichtig, medial und über soziale Netzwerke an den »Schwur von Buchenwald« zu erinnern, den die befreiten Häftlinge auf dem Ettersberg am 19. April 1945 beim Totengedenken formulierten: »Wir stellen den Kampf erst ein, wenn auch der letzte Schuldige vor den Richtern der Völker steht! Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.«

Dieser Schwur der Überlebenden sollte auch heute allen demokratischen Kräften Richtschnur für antifaschistisches Handeln über politische, weltanschauliche und religiöse Grenzen hinweg sein. Gerade mit Blick auf den 8. Mai dürfen Gewerkschafter und Linke den Rechten der AfD und ihrer autoritären Ideologie weder in der Gesellschaft noch im Betrieb das Feld überlassen. Gegen Rassismus und Faschismus Stellung zu beziehen und der AfD den sozialen und politischen Nährboden zu entziehen, bleibt das Gebot der Stunde.

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