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20. März 2024 Erhard Korn: Zum 140. Geburtstag August Thalheimers (1884–1948)

Gegen den Strom

Während eines Hurrikans wurde sein Leichnam auf dem jüdischen Friedhof Havannas eilig zugeschaufelt, noch bevor die aus gerade drei Personen bestehende Trauergesellschaft am Grab ankam. Die Rückkehr nach Deutschland war dem kritischen Kommunisten ebenso verweigert worden wie eine Arbeit als Lehrer in Württemberg. Das Klima setzte ihm zu, für einen qualifizierten Arzt fehlte das Geld, und so starb August Thalheimer am 19.September 1948 an einer Herzschwäche.

In Deutschland wurde sein Tod kaum beachtet, dabei galt er doch »als bedeutendster Theoretiker der KPD nach 1919174 (Disput 7/2004), war einer der Führer der Novemberrevolution im Südwesten, designierter Finanzminister, dann in der Nachfolge seiner Freundin und Lehrerin Rosa Luxemburg Redakteur der »Roten Fahne«.

1.

Geboren wurde Thalheimer am 18.März 1884 in Affaltrach, einem kleinen Dorf in der Nähe von Heilbronn. Schon der Vater war Sozialdemokrat, befreundet mit Clara Zetkin und Fritz Westmeyer, in deren anregendem Umfeld August und seine Schwester Berta aufwuchsen. Eine Hochschullaufbahn blieb dem linken Philologen versperrt, so blieb nach dem Volontariat bei der »Leipziger Volkszeitung« nur die Arbeit für sozialdemokratische Zeitungen »Die neue Zeit« und »Die Gleichheit« als Redakteur in Göppingen und Braunschweig.

1915 war er, neben Luxemburg, Zetkin und Franz Mehring, einer der Autoren der ersten Nummer der »Internationale«, legte offen, wie das Volk mit dem Mythos »Verteidigungskrieg« mobilisiert würde, während die Eliten diskutierten, wie »der Anteil an der Weltmacht und am Weltmarkt« ausgebaut und die Dominanz Deutschlands in der künftigen europäischen Ordnung gesichert werden könne. Am 1.1.1916 konnte er noch an der Gründungskonferenz der Spartakusgruppe im Rechtsanwaltsbüro von Karl Liebknecht teilnehmen, bevor er wie die meisten Kriegsgegner eingezogen wurde.

Nach einer Verwundung wurde er kurzzeitig als Vertretungslehrer an der Oberrealschule Reutlingen eingesetzt, aber schon im Oktober 1918 entlassen – da wirkte er mit den Stuttgarter Spartakisten, einer gut vernetzten Gruppe junger Facharbeiter, schon an der Vorbereitung der Revolution, getragen von »einer Bewegung der allgemeinen Stimmung«, verursacht durch die »Tatsachen des Krieges und der russischen Revolution«, so Thalheimer in einem Brief an seine wegen ihrer antimilitaristischen Tätigkeit verurteilte Schwester Berta. Mitte November holte ihn Rosa Luxemburg nach Berlin, um dort die sehr schwache Spartakusgruppe als Redakteur der »Roten Fahne« zu verstärken.

Wie viele der jungen Spartakisten neigte er zum Voluntarismus. Die russischen Revolutionäre sah Thalheimer als Autorität und Vorbild. Eine Jahr später schaute er, inzwischen Chefredakteur der Zentralorgane, selbstkritisch zurück: »Die Blicke starrten wie gebannt auf das Vorbild der russischen Revolution.« Mahnungen, die deutsche Entwicklung könnte einen verwickelteren Gang oder gar eine Rückschreiten beinhalten »schlugen auf taube Ohren der Vorwärtsstürmenden« (Die Internationale 15/16, 1.11.1919). 1921 galt das auch für Thalheimer, der die missglückte Märzaktion, von Clara Zetkin intern als Putschismus kritisiert, mit einer »Offensivtheorie« rechtfertigte. Lenin gibt ihr beim III. Weltkongress der Komintern recht, kritisiert die Offensivtheorie scharf als Ausdruck einer »Kinderkrankheit des linken Radikalismus«. Als vorbildlich stellt Lenin eine Politik dar, in der die italienischen Kommunisten die Sozialisten und Gewerkschaften zum gemeinsamen Kampf gegen den Faschismus mobilisiert hatten (Brief vom 14.8.2021).

2.

Diesen Hinweisen folgte Thalheimer trotz der Schwankungen der Kommunistische Internationale, wurde nun zum Theoretiker der »Einheitsfrontpolitik« und eines Programms von »Übergangsforderungen« wie der Produktionskontrolle und Sachwerterfassung, mit denen an das Wollen der sozialdemokratischen Arbeiter und Arbeiterinnen angeknüpft werden sollte. Angestrebt wurde eine »Arbeiterregierung« von Sozialdemokraten und Kommunisten, wie sie 1923 in Sachsen und Thüringen angebahnt wurde und vom Reichspräsidenten Ebert umgehend durch Einsatz der Reichswehr beseitigt wurden.

Moskau forderte einen Aufstand, für die aber die Voraussetzungen fehlten. Nach dem Rückzug galten Thalheimer und der Parteivorsitzende Heinrich Brandler als Schuldige, wurden als Parteiführer abgewählt, für vier Jahre im Hotel Lux in Moskau »kominterniert«. Sie wurden Mitglieder der KPR (B) und mussten sich zusammen mit Karl Radek vor einem »Tribunal« verantworten. Das Verfahren vor der Kontrollkommission der KPR (B), bei dem Thalheimer einen Genossen ohrfeigte, der sich als Sympathisant eingeschlichen hatte und nun als Kronzeuge auftrat, endete mit einem Betätigungsverbot in der KPD wegen fraktioneller Tätigkeit. Ausgerechnet mit dem schon verfemten Leo Trotzki, der doch zu ihren schärfsten Kritikern gehörte, sollten sie konspiriert haben.

Thalheimer unterrichtete nun an der Sun-Yat-Sen-Universität vor allem chinesische Studenten. 1927 wurden seine 16 in sehr einfacher Sprache formulierten Vorträge als »Einführung in den dialektischen Materialismus« publiziert. Hermann Dunker gab noch den Vortrag Thalheimers über Spinoza vor der Kommunistischen Akademie am 2.4.1927 heraus, der 1656 wegen seines freien Denkens aus der jüdischen Gemeinde verbannt worden war und betonte im Vorwort dessen Bestehen auf der Freiheit zu philosophieren. Davon konnte in der Sowjetunion nach der Entmachtung des »rechten« Bucharin, 1928 offiziell noch Vorsitzender der Komintern, nicht mehr die Rede sein. Der neuerliche ultralinke Schwenk Stalins gegen die »Rechten« wurde auf die zu »bolschewisierende« KPD übertragen, auch hier galten nun die »Rechten und Versöhnler« als Parteifeinde und die »sozialfaschistische« Sozialdemokratie als Hauptfeind der KPD.

Dies musste auf den schärfsten Widerspruch Thalheimers stoßen, der im Anschluss an die ersten Versuche zur Beschreibung der Besonderheiten des Faschismus in Italien durch Clara Zetkin an einer marxistischen Einschätzung arbeitete. Vergeblich hatte Thalheimer versucht, dies in die Programmdiskussion von Komintern und KPD einzubringen. Er warnte zunächst vor allem vor der Ausdehnung des Begriffes der Faschismus auf alle Formen der Reaktion und der bürgerlichen Herrschaft, wodurch die Sozialdemokratie zum »linken Flügel« des Faschismus erklärt werde.

Durch einen Vergleich der populistisch-diktatorischen Herrschaft Napoleons III. (Bonapartismus), die Marx analysiert hatte, und des italienischen Faschismus arbeitet er Merkmale des Faschismus heraus, die nationalen Mythen, den Scheinkampf gegen die parlamentarische Korruption, Milizen und charismatische Führer einerseits, die Aushöhlung der Demokratie in Krisensituationen, die Verschanzung der Staatsmacht, schließlich die offene Diktatur mit dem Ziel imperialistischer Ausdehnung, eine Führerdiktatur, in der eine geschwächte und gespaltene Bourgeoisie ihre politische Macht aufgibt, um ihre ökonomische zu bewahren.

Er verweist aber auch auf die Lernfähigkeit der Eliten, »den Erziehungswert militärischer Niederlagen«. So habe Frankreich nach der krachenden Niederlage Napoleons III. 1870 gegen Preußen und der Niederwerfung der Pariser Kommune unter parlamentarischer Herrschaft zu einer Stärke gefunden, die erst 1914 die Abwehr des deutschen Vormarschs ermöglichte. Den »Erziehungswert« der militärischen Niederlage 1945 für die deutschen Eliten kann man als Unterordnung unter die Dominanz Amerikas bei zunächst sehr eingeschränkten parlamentarischen Kompetenzen unschwer beobachten.

3.

Mit Mühe gelang 1928 die Rückkehr nach Deutschland, wo Brandler und Thalheimer mit einem »Aktionsprogramm« auf eine realistische Strategie hinwirken wollten. In der Reaktion allerdings wurden sie – und in der Folge hunderte in Betrieben und Gewerkschaften verankerte Kommunisten – wegen fraktioneller Tätigkeit ausgeschlossen. Die aus diesen Ausschlüssen entstehende KPD-Opposition mit ihren etwa 5.000 gut geschulten Mitgliedern wandte sich gegen die Spaltungspolitik der »Roten Gewerkschaftsopposition«.

Thalheimer wirkte als Redakteur der Wochenzeitschrift »Gegen den Strom«, in der er seine Analyse des Faschismus vertiefte. 1967, in einer Zeit des Erstarkens des Neofaschismus der NPD, gab Wolfgang Abendroth, der selbst aus der KPO kam und stets mit großem Respekt von Thalheimer sprach, erstmals wieder Thalheimers Faschismusanalyse in Buchform heraus (»Faschismus und Kapitalismus«), 1973 folgte die Sammlung »Der Faschismus in Deutschland«, sie ist bei der herausgebenden »Gruppe Arbeiterpolitik«, die sich in der Tradition der KPD-O sieht, noch immer erhältlich, wie auch viele andere Broschüren Thalheimers.

Die KPO forderte vergeblich eine Einheitsfront gegen den stärker werdenden Faschismus, wurde aber auch selbst durch Abspaltungen geschwächt und in der Emigration zunehmend isoliert. Doch selbst unter widrigsten Umständen schrieb Thalheimer in Kuba Analysen, die aus der zeitgenössischen Publizistik herausragen, von 1945 bi s1948 »Internationale monatliche Übersichten« (Nachdruck 1992), die in kleiner Auflage hektografiert und unter den nach dem Naziterror verbliebenen Diskussionskreisen kursierten, aus denen sich dann die kleine »Gruppe Arbeiterpolitik« bildete.

1945 analysierte Thalheimer »Die Potsdamer Beschlüsse«, bei denen mit den Methoden der Geheimdiplomatie über das Schicksal der Völker entschieden worden sei, Grenzen und Millionen Menschen »verschoben« wurden.  Klar verweist er schon 1945 auf die Konsequenzen der Teilung, durch welche die Besatzungszonen sich zu Aufmarschgebieten der absehbaren Blockkonfrontation und Quellen für »Hilfstruppen für ihre eigenen Ziele« entwickeln müssten.

1946 schrieb er über die »Grundlinien und Grundbegriffe der Weltpolitik nach dem 2. Weltkrieg«. Er warnte davon, dass die stalinsche Methode der sozialistischen Ausdehnung unter Missachtung des »nationalen Selbstgefühls« und »den Gewohnheiten der proletarischen Demokratie« sowie der Versuch, die Fremdherrschaft »dauernd zu machen« nur mit einer Schwächung für die erobernde Sowjetunion und des internationalen Sozialismus und Kommunismus enden könne.

Doch diese Broschüren fanden nur in kleinen Kreisen innerhalb der Gewerkschaften Verbreitung. Erst im Zuge der wilden Streiks, der Studentenbewegung und einer neofaschistischen Welle entstand neues Interesse. 1978 lud Theodor Bergmann (1916–2017) in Stuttgart zu einer Tagung »50 Jahre KPD (Opposition)« ein und veröffentlichte bis zu seinem Tod eine ganze Reihe von Forschungsarbeiten zur KPD-O und auch zu August Thalheimer, 2004 etwa »Die Thalheimers. Geschichte einer Familie undogmatischer Marxisten«.

Wolfgang Abendroth weckte Interesse durch seine Biografie »Ein Leben in der Arbeiterbewegung« (1976) und veröffentlichte Arbeiten zu Thalheimer und Brandler für ein breiteres Publikum. Für die »Marburger Schule« und Frank Deppe war Thalheimer stets ein »Denkpartner«. Anfang der 1990er-Jahre entstanden, oft ermutigt von Theodor Bergmann, dann neue Forschungsarbeiten zu Thalheimer. Die aktuelle Rechtsentwicklung jedenfalls sollte anregen, an Thalheimers Analysen anzuknüpfen. Zu selten ist es der Linken gelungen, wie die Eliten aus Niederlagen zu lernen.

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