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14. März 2019 Otto König/Richard Detje: Global Strike for Future

Handelt endlich!

»Global Strike For Future« heißt es am Freitag, den 15. März. In mehr als 1.200 Städten in 92 Ländern – davon allein in Deutschland an 180 Orten – streiken Schüler*innen für radikale Änderungen in der Umwelt- und Klimapolitik. Seit Wochen gehen sie auf die Straße und klagen einen nachhaltigen Umgang mit der Natur ein. Sie akzeptieren nicht mehr, dass dieser Planet – es gibt nur den einen! – weiter ausgeplündert wird.

Sie fragen nicht, was in einem irgendwie verkleisterten politischen Konsens möglich ist, sondern stellen fest, was getan werden muss. Und wenn sich keine Lösungen im bestehenden System finden, scheuen sie nicht davor zurück, zu fordern, dass das System verändert werden muss. Durch eine öffentliche Ordnung, die entschiedener und tiefgreifender in die Regulation von Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft eingreift.

Die Verabredung im Klimaabkommen von Paris lautet: »Die Erderwärmung soll im Vergleich zum vorindustriellen Niveau auf deutlich unter zwei Grad Celsius, idealerweise auf 1,5 Grad begrenzt werden.« Das Pariser Klimaübereinkommen wurde ratifiziert, doch es wurde wenig bis nichts dafür getan, es umzusetzen. Weder die deutschen Pläne zum Kohleausstieg noch die Ausbaupläne für erneuerbare Energien oder die Reduktionsbemühungen im Verkehrs- oder Wärmebereich reichen auch nur ansatzweise aus, das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen.

Mehr als 12.000 Wissenschaftler*innen verschiedener Disziplinen aus dem deutschsprachigen Raum erklären in ihrer Petition »Scientists for Future«, die Anliegen der Schüler »sind berechtigt und gut begründet. Die derzeitigen Maßnahmen zum Klima-, Arten-, Wald-, Meeres- und Bodenschutz sind unzureichend.

Der Klimawandel ist sichtbar: In der Ausbreitung der Wüsten- und Steppenzonen ebenso wie im Abschmelzen der Polkappen – von großen Speditionen wird bereits kalkuliert, wann die Nord-West-Passage für die Berufsschifffahrtsweg im arktischen Sommer nutzbar ist. Er ist fühlbar: als Hautkrebs in sich ausbreitenden Klimazonen. Und er ist messbar: nicht nur beim Abschmelzen der Gletscher und in Anstieg des Meeresspiegels, sondern auch in der Umlenkung der großen Meeresströmungen. Der »Global Strike For Future« transportiert dieses Wissen: nicht als fatalistische Botschaft, sondern in dem Bewusstsein, dass noch gegengesteuert werden kann. Unter der Bedingung: Die eingefahrenen Wege der Verdrängung und der nicht-zielführenden Deals müssen verlassen werden.

Und: Es muss der Kampf gegen die – global wirksamen – Vertreter der »alternativen Fakten« geführt werden, gegen jene, die den Klimawandel leugnen. Der Austritt der USA aus dem Pariser Abkommen darf nicht geringgeschätzt werden: Er hat nicht nur weltweit negative ökologische, sondern auch politische Emissionen. Längst hat sich eine Internationale der Klimaleugner herausgebildet, die global vernetzt ist und über hohe finanzielle Ressourcen im »Kampf um die Köpfe« verfügt – eine rechtspopulistische Internationale von den Schwedendemokraten bis zur Trump-Administration.

Der Jugendprotest (1) ist progressive Gegenwehr. Nach einer Umfrage des Bundesumweltministeriums aus dem vergangenen Jahr stimmten  86% der 14- bis 22-Jährigen der Aussage zu: »Zu einem guten Leben gehört für mich eine intakte natürliche Umwelt unbedingt dazu«. Was nicht weniger wichtig ist: Beinahe ebenso viele sind überzeugt, dass durch gezielte gesetzliche Maßnahmen mehr Umweltschutz für alle erreicht werden kann. Also kein auswegloser Kampf dagegen! Fatalismus ist nicht angesagt. Man kann was tun!

Sie »schwänzen« den Unterricht. Sie wissen, dass ihre Aktionen nur dann eine größere Aufmerksamkeit für das Thema »Klimawandel« erzielen, wenn sie gezielt Regelverstöße begehen. Dafür nehmen sie Sanktionen in Kauf. Und was genau so wichtig ist: Sie treten nicht als Bittsteller, sondern als Ankläger auf. Keine Unterwürfigkeit, sondern streiken für das Recht auf Zukunft.

Am 20. August 2018 war die damals 15-jährige Greta Thunberg in einen »Schulstreik« getreten. Die schwedische Schülerin setzte sich mit dem Transparent »Skolstrjk for Klimatet« vor den Reichstag in Stockholm, um für einen radikalen Klimaschutz in ihrem Land zu protestieren. Seither streikt sie jeden Freitag. Ihre Aktion verbreitete sich durch den Hashtag #FridaysforFuture wie ein Lauffeuer. Aus ihrem Protest ist eine globale Bewegung geworden und sie deren Symbolfigur. Spontan haben sich Schüler*innen erst in anderen schwedischen Städten, dann in Norwegen und schließlich in den Niederlanden und Belgien sowie in Deutschland und Australien angeschlossen. In Deutschland gibt es bereits über 220 Ortsgruppen von »Fridays for Future«.

Durch Auftritte auf der UN-Klimakonferenz im polnischen Katowice, dem Weltwirtschaftsforum in Davos und beim Kongress des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses in Brüssel ist Greta Thunberg weltberühmt geworden. »Wir können eine Krise nicht lösen, ohne sie als eine Krise zu behandeln«, lautete die Kernbotschaft in Kattowitz. Handelt endlich! Setzt das Pariser Klimaabkommen um! Denn sonst verspielt ihr unsere Zukunft! In Davos forderte Greta Thunberg: »Ich will, dass ihr handelt wie in einer Krise. Ich will, dass ihr handelt, als würde euer Haus brennen. Denn es brennt.« Dass die junge Umwelt-Aktivistin keine Träumerin ist, bestätigte der in Davos vorgelegt »Weltrisikobericht«, in dem es heißt: »Von allen Risiken ist es bei der Umwelt am offensichtlichsten, dass die Welt in eine Katastrophe schlafwandelt«.

Den Politikern in Brüssel sagte sie: »Wir können nicht mehr warten, bis wir erwachsen sind und das Sagen haben.« Es müsse umgehend etwas geschehen: »Wir machen unsere Hausaufgaben, die Politik nicht«. Damit antworten sie auf das »schulmeisterliche«, altväterliche Gehabe des EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker, der jovial »herzte«, es sei gut, dass sich junge Menschen für Veränderungen einsetzen, er selbst habe das Samstagnachmittags getan, aber »nicht während der Schulzeit«.  Auch Bildungsministerin Anja Karliczek und Wirtschaftsminister Peter Altmeier wollen dem Protest den Stachel ziehen: Freizeitdemo statt Schulstreik. »Wir schwänzen nicht, wir streiken!« antworten die Schüler*innen auf den Demos. Damit haben sie recht. Radikale Veränderungen wurden noch nie erreicht, ohne laut und lästig zu sein.

Statt froh sein, dass Jugendliche auf die Straße gehen und sich für politische und gesellschaftliche Themen einsetzen, schlägt Greta Thunberg und ihren Mitstreiter*innen, nicht nur, aber insbesondere von rechten Klimaleugnern regelrecht Hass entgegen. Die Schüler*innen seien gedrillte Gören linker Eltern wird gehöhnt, und Greta sei eine Marionette der Umweltlobby urteilte das Schweizer Magazin Weltwoche. Sie sprechen der Schülerin ihre Eigenständigkeit ab und behaupten, das Mädchen werde von egoistischen Erwachsenen politisch instrumentalisiert. Auf Facebook werden hohntriefende Kommentare verfasst und zornige Appelle an Jugendämter und Schuldirektoren adressiert, damit diese die Streikenden »disziplinieren«.

Dass eine 16-Jährige ihren Kopf nicht nur zum Zöpfe tragen benutzt, sprengt das Menschenbild dieser Kritiker. Auch CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak sah sich veranlasst, das junge Mädchen per Twitter anzugreifen. »Nur pure Ideologie. Arme Greta!«, kommentierte er, nachdem Thunberg den deutschen Kohlekompromiss als »absurd« bezeichnet hatte. Sogar von Kindesmissbrauch durch die Eltern ist die Rede und von »hybrider Kriegsführung«. Es war die Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die den Schülerprotest auf der Münchener Sicherheitskonferenz im Februar zunächst in die Nähe russischer Propaganda rückte. Später verbreitete die CDU-Politikerin in ihrem wöchentlichen Videopodcast: »Ich unterstütze sehr, dass Schülerinnen und Schüler für den Klimaschutz auf die Straße gehen und dafür kämpfen«.

Anstatt sich mit dem Anliegen der Jugendproteste auseinanderzusetzen, wird deren Glaubwürdigkeit durch gezielte Infantilisierung infrage gestellt – weil es sich um Kinder und Jugendliche handelt, können deren Argumente nicht »erwachsen« sein. Ein dümmliches Beispiel lieferte der FDP-Vorsitzende Lindner in der Bild am Sonntag: »Von Kindern und Jugendlichen kann man nicht erwarten, dass sie bereits alle globalen Zusammenhänge, das technisch Sinnvolle und das ökonomisch Machbare sehen. Das ist eine Sache für Profis«.

Das Bemerkenswerte ist, dass alle diese Vorwürfe bisher nicht verfangen haben. Im Gegenteil: Der Protest ist größer geworden. Die junge Schwedin war die Auslöserin, inzwischen bilden sich selbst organisierte lokale Gruppen, die über WhatsApp und Facebook kommunizieren und europaweit demonstrieren. Es ist die Dringlichkeit des Klimawandels, aber auch die Digitalisierung, die dazu führen, dass der Protest von Jugendlichen heute anders aussieht als früher. Bewegungen wie »Occupy 2011« oder der »March-For-Our-Lives«-Protest gegen Schusswaffen letztes Jahr mobilisieren zu einzelnen Themen und über mehrere Länder hinweg große Massen.

In Deutschland galt die Jugend lange als politisch desinteressiert. Forscher attestierten den jungen Menschen, dass für sie vor allem »der Spaß und der persönliche Erfolg« zähle. Allerdings zeigte schon die letzte Shell-Jugendstudie 2015, dass Jugendliche heute anders ticken, als noch vor zehn oder fünfzehn Jahren. Die politischen Proteste der Schüler*innen sind in den vergangenen Jahren allmählich herangereift. Seit 2002, als das politische Interesse der 12 bis 25 Jahre alten Befragten auf einem historischen Tiefpunkt war, steigt es an.Nach Auffassung der Klimaexpertin Lisa Göldner von Greenpeace entstehe »gerade eine neue Jugendbewegung«.

Ob das so kommt, ist offen, doch zum ersten Mal sei seit geraumer Zeit »so etwas wie Jugendproteste und das sogar transnational« festzustellen, so der Leiter der Shell-Studie, Mathias Albert. Die beteiligten Jugendlichen glauben nicht unhinterfragt, was man ihnen erzählt; sie streiken und schaffen es, ihren Forderungen Gehör zu verschaffen. Sie machen den Mund auf, mobilisieren öffentlichen Druck für radikales Umsteuern in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Das ist der erste Schritt in eine andere, ökologisch und sozial nicht verpestete Zukunft.

(1) Jugendprotest ist ebenfalls ein Protest gegen die Elterngeneration. Literarisch ausgedrückt: »Keiner von uns kann mit seinen Eltern reden. Und mit ›uns‹ meine ich meine Generation, diejenigen, die nach dem Wandel geboren wurden… Die alten haben das Gefühl, die Welt unwiederbringlich vor die Wand gefahren und es dann zugelassen haben, dass wir in die hineingeboren wurden … Das ist genau das, was sie getan haben.« (John Lanchester: Die Mauer. Stuttgart 2019, S. 72)

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