15. Oktober 2021 Michael Brie: Dieter Klein zum 90. Geburtstag

»Ist das nicht der, der genau weiß, dass es nicht geht,
und es trotzdem tut?«

Immer wieder hat Dieter Klein, der heute seinen 90. Geburtstag feiert, diesen alten Spruch über den chinesischen Reformer und Tugendlehrer Konfuzius zitiert. Er war und ist sich bewusst, dass er sich und anderen das Unmögliche abverlangt.

Er will nicht weniger, als dass die Welt auf vernünftige Weise gestaltet wird: solidarisch, gerecht, ökologisch, demokratisch, friedlich. »… doch die Verhältnisse, sie sind nicht so!« (Brecht)

Dass die Verhältnisse nicht so sind, wie sie sein sollen, erfuhr Dieter früh. Sein Vater war vor 1933 in der KPD, die Mutter in der SPD. Die Tatsache, dass sein Vater laut Nürnberger »Ariergesetze« ein »Halbjude« war, rettete diesen vor dem Einsatz an der Front und verdammte ihn als kaufmännischen Angestellten zu schwerer, schlecht bezahlter Arbeit. Die Familie lebte in einer Laube und wurde im Krieg aus Berlin nach Werneuchen evakuiert. Dort ging Dieter in eine Dorfschule.

Für Kleins Familie war das Kriegsende von Anfang an Befreiung. Die Mutter arbeitete später in einer Kreisleitung der SED, der Vater wurde Personalchef der Komischen Oper, später der Volksbühne. Nach seiner Pensionierung arbeitete er im Archiv der Staatsbibliothek. Noch im Krieg konnte Dieter das Gymnasium in Wriezen besuchen, ungewöhnlich für einen »Vierteljuden«, und begann 1951 ein Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Humboldt-Universität. Ein Freund der Familie hatte einen dicken Konspekt des »Kapital« durch die Nazi-Zeit gerettet, und immer wieder davon erzählt.

Später wurde er dort wissenschaftlicher Assistent, dann für drei Jahre hauptamtlicher FDJ-Sekretär der Universität, danach wieder wissenschaftlicher Assistent und Oberassistent. 1961 promovierte er zur Integration in Westeuropa, und widerlegte die These von der Unversöhnlichkeit innerimperialistischer Widersprüche. 1964 erfolgte die Habilitation zu Planungsansätzen im Kapitalismus am Beispiel Frankreichs nach dem Zweiten Weltkrieg. Dieter machte klar, dass kapitalistische Gesellschaften durchaus strategiefähig sein können, und sich Kapitalismus und Planung nicht nur auf der Ebene der Unternehmen keinesfalls ausschließen.

Dieter wurde frühzeitig Direktor des Instituts für Politische Ökonomie der Humboldt-Universität. Das auch von ihm vertretene Konzept des staatsmonopolistischen Kapitalismus wandte sich kritisch gegen Monopolherrschaft und betonte zugleich die Flexibilität des Kapitalismus, indem die relative Selbstständigkeit staatlicher Politik hervorgehoben wurde (eine kritische Rückschau auf dieses Konzept erschien im Heft 9-2016 von »Sozialismus«). 1978 wurde Dieter Klein zum Prorektor für Gesellschaftswissenschaften der Universität und öffnete – was es so vorher so nicht gegeben hatte – die gesellschaftswissenschaftliche Lehre und Forschung für neue Fragen.

Die Theologie wurde aus der Ecke bloßer Duldung geholt, einschließlich ökumenischer Symposien unter Beteiligung von Marxistinnen und Marxisten der Universität. Forschungen zu Homosexualität wurden angestoßen und ein breites Programm der multidisziplinären Friedensforschung initiiert. Gegen den Widerstand von Mitgliedern des Politbüros wurde mit Egon Bahr ein einjähriger Austausch von Vorlesungszyklen zu Friedensfragen zwischen den Universitäten in Hamburg und Berlin realisiert.

Die letzten Jahre der DDR waren Jahre, in denen Dieter Klein mit besonderer Intensität zu intervenieren suchte. Die Perestroika und die Orientierung auf die Verhinderung einer nuklearen Katastrophe hatten dafür neue Möglichkeiten geschaffen. Sein 1988 im Dietz Verlag erschienenes Buch »Chancen für einen friedensfähigen Kapitalismus« beginnt mit den Worten: »Offen zum Positiven und offen zum Negativen und deshalb ebenso einmalig chancenreich wie niemals zuvor bedrohlich ist die Wende für die Menschheit in der Gegenwart.«

In diesen Jahren nach 1987 wurde Dieter auch zum Schutzpatron des Projekts »Moderner Sozialismus« an der Humboldt-Universität, das intellektuelle Reformkräfte der SED zusammenbrachte und von Rainer Land, Dieter Segert und mir geleitet wurde. Aus diesem Projekt gingen programmatische Dokumente der SED/PDS und das Institut für interdisziplinäre Zivilisationsforschung sowie Vorschläge für eine Reform der DDR hervor. Das Institut sollte die produktiven Ansätze sozialwissenschaftlicher Lehre und Forschung aus der DDR in die Bundesrepublik einbringen, und wurde doch abgewickelt, ohne ernstzunehmende Evaluation.

Dieter Klein konnte und wollte man den Respekt nicht versagen. Er blieb – geduldet – bis 1997 als Lehrender und Forschender an der Humboldt-Universität, Inhaber des Lehrstuhls Ökonomische Grundlagen der Politik im Institut für Sozialwissenschaften. Bei Umfragen der Studierenden besetzte er immer Spitzenplätze.

Früh engagierte sich Dieter im Verein Gesellschaftsanalyse und Politische Bildung, aus dem die Rosa-Luxemburg-Stiftung hervorging. Später wurde er Fellow der Stiftung, leitete zehn Jahre ihre Zukunftskommission. Bei der Erarbeitung aller Grundsatzprogramme von PDS und der Partei DIE LINKE war er maßgeblich beteiligt. Und er schrieb diverse Bücher, zuletzt 2016 »Gespaltene Machteliten« und 2019 »Zukunft oder Ende des Kapitalismus« (beide im VSA: Verlag). Dort erscheint in Kürze auch sein neues Werk »Regulation in einer solidarischen Gesellschaft«. Besonders hervorheben möchte ich die 2013 erschienene Schrift »Das Morgen tanzt im Heute. Transformation im Kapitalismus über ihn hinaus«. Es ist ein Werk im Geist von Ernst Bloch und zugleich auf der Basis politischer Ökonomie und moderner Sozialtheorie.

Dieter Kleins Werk umfasst jetzt mehr als 60 Jahre. Den Anspruch, die Welt menschlicher zu gestalten und dazu beizutragen, hat er unter sich dramatisch verändernden Bedingungen immer wieder neu erhoben, dabei das wissenschaftliche, künstlerische und moralische Potential seiner Zeit immer neu durchforstet. Mit Albert Camus könnte man ihn als Sisyphos bezeichnen: »Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.«

Die Konstante in seinen Arbeiten ist die Suche nach Chancen, die bleierne Lähmung aufzubrechen, Hoffnung zu begründen, Strategien der Veränderung zu erkunden und ganz konkrete Schritte zu tun. In der globalen Vielfachkrise des neoliberalen Finanzmarkt-Kapitalismus ist diese Aufgabe neu gestellt. Um bedrohliche Gefahren und herangereifte Möglichkeiten, sie zu überwinden, wahrnehmen zu können, müsste die Linke »nach vorn handeln«, die sich jedoch derzeit weitgehend in der Defensive befindet. Konkrete Utopie, wie sie Bloch versteht, verweist stets darauf, dass Bedingungen für die Realisierung von Zukunftsvorstellungen gegeben sein müssen, sodass die Utopie sich nicht von der Realität löst. Das setzt größte Anstrengungen der pluralen gesellschaftlichen Linken voraus.

Es gibt noch eine Konstante im Leben Dieter Kleins – der sehr konkrete Einsatz für andere. Weltveränderung und Einsatz für den Anderen sind für ihn untrennbar. Viele derer, die in der DDR in die Räder von Parteiverfahren und Ausgrenzungen geraten waren, können davon berichten. Politische Zwänge habe ihn nicht verführt, andere ihrem »Schicksal« ausgeliefert zu lassen. Er hat diesen Zwängen Menschlichkeit, sehr konkrete Menschlichkeit entgegengestellt.

Wenn Menschen das scheinbar Unmögliche versuchen und das ihnen Mögliche tun, damit Gesellschaften humaner, gerechter, ökologischer, friedlicher und demokratischer werden, kann man ihre Biografie in diesen Zeitläuften als eine Geschichte des Scheiterns lesen. Dies gilt auch für Dieter Klein. Man kann sich aber auch fragen, wie diese Welt wäre, wenn es diese Versuche nicht gäbe. »Ohne Visionen«, so die jüdischen Weisen, »werden die Menschen wild und wüst.« Ohne Dieters Versuche, analytisch immer neue Schritte auszuloten für eine andere Welt, wären viele von uns ärmer an Wissen, ärmer an Hoffnung, ärmer an Mitmenschlichkeit. Zugleich ist sein Werk eine Fundgrube für jene, die sich heute aufmachen, der ökologischen Katastrophe, der globalen Armut, den neuen Kriegen mit eigenen Kämpfen zu begegnen: sozialistisch inspirierte Möglichkeitswissenschaft in Zeiten, wo das scheinbar Unmögliche versucht werden muss – eine Transformation über den Kapitalismus hinaus.

Anmerkung der Redaktion: Eine ausführlichere Fassung der Würdigung von Dieter Kleins Werk und Wirken von Michael Brie erscheint in der November-Print-Ausgabe von Sozialismus.de

Quelle: https://www.sozialismus.de/kommentare_analysen/detail/artikel/ist-das-nicht-der-der-weiss-dass-es-nicht-geht-und-es-trotzdem-tut/