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VSA: Verlag ist online.

VSA: Verlag – 50 Jahre Analysen & Alternativen

Einige Kontinuitäten aus 50 Jahren gibt es in dieser Präsentation.

Andreas Engelmann/Joachim Kerth-Zelter/Ursula Mende/Cara Röhner/David-S. Schumann/Lea Welsch (Hrsg.)
Streit ums Recht
Rechtspolitische Kämpfe in 50 Jahren »Vereinigung Demokratischer Juristinnen und Juristen« (VDJ)
256 Seiten | EUR 19.80
ISBN 978-3-96488-145-8

Malte Müller/Richard Rohnert/Petra Wolfram (Hrsg.)
Jetzt erst Recht!
Spurensuche für eine menschliche Gesellschaft trotz Corona
ZWISCHENRUFE 1
72 Seiten | EUR 7.00
ISBN 978-3-96488-128-1

Malte Müller/Richard Rohnert/Petra Wolfram (Hrsg.)
Emanzipatorische Bildungsarbeit
Herausforderungen in unsicheren Zeiten
ZWISCHENRUFE 2
72 Seiten | EUR 7.00
ISBN 978-3-96488-129-8

Louis Althusser
Die Krise des Marxismus
Ein hellrotes Bändchen aus
50 Jahren Verlagsarbeit
108 Seiten | Klappenbr. | € 14.00
ISBN 978-3-96488-148-9

Ágnes Heller
Theorie der Bedürfnisse
bei Marx

Ein hellrotes Bändchen aus
50 Jahren Verlagsarbeit
144 Seiten | Klappenbr. | € 14.00
ISBN 978-3-96488-149-6

Pierre Bourdieu
Die Intellektuellen
und die Macht

Ein hellrotes Bändchen aus
50 Jahren Verlagsarbeit
108 Seiten | Klappenbr. | € 14.00
ISBN 978-3-96488-150-2

Harald Neubert
Einführung Gramsci
Ein hellrotes Bändchen aus
50 Jahren Verlagsarbeit
96 Seiten | Klappenbr. | € 14.00
ISBN 978-3-96488-151-9

David Harvey
Die urbanen Wurzeln
der Finanzkrise

Ein hellrotes Bändchen aus
50 Jahren Verlagsarbeit
96 Seiten | Klappenbr. | € 14.00
ISBN 978-3-96488-152-6

17. Mai 2013 Richard Detje: Widersprüchliche Alternativen

Keine Mehrheiten für gespaltenes Europa

Das Projekt Europa – gibt es das eigentlich noch? Keine rhetorische Frage. Ökonomisch ist die Europäische Union und ihr Kern, der Euro-Club, tief gespalten. Und politisch hat die EU keine Mehrheit mehr hinter sich. Nur 45% der Bevölkerung aus acht Mitgliedstaaten stehen dem Projekt heute noch positiv gegenüber. Im vergangenen Jahr waren es noch 60% – ein Absturz, wie das PewResearchCenter in einer aktuellen repräsentativen Umfrage ausweist.[1]

Mehr noch: Am stärksten fiel der Absturz in Frankreich aus – um 19 Punkte auf 41% und damit unterhalb des Werts der traditionell europaskeptischen Britten! Umso krasser der Gegensatz zu Deutschland, das eine Sonderentwicklung aufweist: 60% Zutrauen zur EU – nur noch übertroffen von Polen – mehrheitlich der Auffassung, dass die europäische Integration der eigenen ökonomischen Entwicklung förderlich ist, relative Stabilität der politischen Elite.


                                  Ökonomische Integration stärkt Wirtschaft               Zustimmung zur EU

                                  2012          2013          +/-                                            2012        2013          +/-   (in %)

Deutschland           59              54              -5                                             68             60             -8
Britannien               30              26              -4                                             45             43             -2
Frankreich               36              22              -14                                           60             41              -19

Italien                      22              11              -11                                           59             58             -1
Spanien                   46              37              -9                                             60             46             -14

Griechenland          18              11             -7                                             37             33              -4
Polen                        48              41             -7                                             69             68              -1

Tschechien              31              29             -2                                             34             38              +4

Median                      34              28             -6                                             60             45              -15


Zu sozio-ökonomischer Nord-Süd-Spaltung, skandinavischer Wohlfahrtssicherung und angelsächsischer Abgrenzung gesellen sich die politischen Brüche des früheren Rheinischen Kapitalismus – lange das Kraftzentrum der wirtschaftlichen und politischen Integration. Selbst Sonntagsreden über die Zukunft Europas fallen da schwer.

Das Tempo des politischen Erosionsprozess wird vorgegeben von der Großen Krise. Ein Europa, dass seit eineinhalb Jahren nach einer nur kurzen Erholung in ein zweites Krisental (double dip) abgesackt ist, setzt zentrifugale Kräfte frei. Während die ökonomischen Bedingungen in Deutschland von 75% der Bevölkerung als »gut« eingeschätzt werden (im Vergleich 2007: 63%), liegen die Werte für Griechenland (1%), Italien (3%), Spanien (4%) und Frankreich (9%) im einstelligen Bereich. In Frankreich sehen nur noch 22% der Bevölkerung, in Italien nur noch 11% ökonomische Vorteile in der Integration – in Deutschland hingegen eine Mehrheit von 54%. Und das ist nicht das Ende der Fahnenstange. Organisationen wie der Internationale Währungsfonds – zugleich Akteur in der Troika – und das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung gehen davon aus, dass auch in der mittleren Frist bis 2018 Vorkrisenniveaus der gesellschaftlichen Reichtumsproduktion nicht erreicht sein werden. Ein verlorenes Jahrzehnt in Europa.

Dass 90% der Franzosen und annähernd drei Viertel der Briten und Italiener davon ausgehen, dass ihre Kinder künftig mit weniger werden auskommen müssen und es schwerer haben werden, hat nicht nur diesen rezessiven Hintergrund. In die Bewertung der Zukunftsaussichten fließen systemische Faktoren ein. Dass das »ökonomische System« (nach dessen Formbestimmung als Kapitalismus wurde nicht gefragt) die Reichen bevorzugt, sagen 77% der Bevölkerung in den acht Mitgliedstaaten (mit Spitzenwerten von 95% in Griechenland, 89% in Spanien und 86% in Italien), und dass der Gegensatz von Armut und Reichtum schärfer geworden ist, sogar 85% am höchsten in Spanien mit 95%).

Für vier Fünftel der Bevölkerung ist das Hauptproblem die Arbeitslosigkeit. In sieben der acht in die Befragung einbezogenen Staaten ist eindeutig, dass sich die Regierungen vor allem anderen um eines kümmern sollten: um die Schaffung neuer Arbeitsplätze. Auch wenn zugleich 71% der Bevölkerung in der öffentlichen Verschuldung und 67% in Inflationsgefahren »sehr große Probleme« sehen, ändert das nichts an den politischen Prioritäten. Für 72% der Spanier, über 60% der Italiener, Tschechen und Polen und über die Hälfte der Griechen und Franzosen hat Beschäftigungspolitik Priorität, während im Vergleich dazu der im politischen Diskurs an erster Stelle gesetzte Abbau öffentlicher Verschuldung mit kaum über 20% deutlich darunter liegt.

Interessant ist das Ausscheren Deutschlands aus diesem Konsens. 42% der Deutschen sehen in der Kluft zwischen Reichtum und Armut das zentrale Gegenwartsproblem. Dafür gibt es eine Erklärung, die nicht nur in der deutlich niedrigeren und im Krisenverlauf kaum gestiegenen Arbeitslosigkeit liegt. Während das obere Fünftel der Italiener über 5,6 mal so viel Reichtum verfügt wie das unterste Fünftel – in Griechenland liegt dieser Wert beim sechsfachen – disponieren die deutschen Top 20 Prozent über 12,8 mal so viel wie das untere Fünftel der Reichtumspyramide. PewResearch stützt sich auf eine Untersuchung der Europäischen Zentralband (De Grauwe/Ji), wonach »Deutschland die am stärksten ungleiche Verteilung des Reichtums von allen untersuchten Nationen Europas aufweist«. Entsprechend das Schwerpunktthema im deutschen Bundestagswahlkampf – wenn auch seiner sozialen Brisanz wiederum erheblich beraubt.

Dennoch fallen politische Schlussfolgerungen nicht leicht. Denn die Botschaften der Befragung sind widersprüchlich. Auf den eindeutigen Primat der Beschäftigungspolitik folgt kein Plädoyer für öffentliche Programme zur Stimulierung der Ökonomie (Ausnahme ist allein Griechenland). Im Vergleich hierzu hat der Abbau öffentlicher Verschuldung eindeutig Vorrang. »Die große Sorge der Bevölkerung hinsichtlich der Arbeitsplätze und ihr starker Wunsch, dass die Regierung Maßnahmen ergreift, um die Beschäftigung auszuweiten, setzt sich nicht um in eine Unterstützung von mehr Ausgaben zur Anfeuerung der Wirtschaft«. Eine paradoxe Konstellation.

    Abbau                                                      Öffentliche Ausgaben
                   öffentlicher Verschuldung (%)                 zur Stimulierung der Wirtschaft (%)

Frankreich                81                                                             18
Deutschland            67                                                             26

Spanien                    67                                                             28
Italien                       59                                                             29

Tschechien               58                                                             26
Britannien                52                                                             37

Griechenland           37                                                             56
Polen                         36                                                             42

Median                       59                                                             29

 

Noch ein bemerkenswerter Befund. Während nun auch hierzulande innerhalb der Linken Euro-Ausstiegsmodelle[2] als politische Option gehandelt werden, ist die deutliche Mehrheit der Bevölkerung in Europa weiterhin dafür, an der Gemeinschaftswährung festzuhalten.

      

                                  Weiterhin starker Rückhalt für den Euro
                                  (für Beibehaltung des Euro in % der Bevölkerung)

                                  2012                              2013                             +/-

 

Italien                      52                                   64                                +12
Spanien                   60                                   67                                +7

Deutschland           66                                   66                                0
Griechenland         71                                   69                                -2

Frankreich               69                                   63                                -6


Nur Minderheiten – am stärksten noch in Deutschland und Frankreich – votieren für eine Rückkehr zu einer nationalen Währung. In Italien und Spanien ist die Zustimmung im Vergleich zum vergangenen Jahr sogar noch gestiegen, in Griechenland ist sie mit 69% weiterhin exorbitant hoch. Mit Ausstiegsszenarien wird die politische Linke nicht punkten, eher verlieren.


[1] PewResearchCenter: The New Sick Man in Europe: the European Union vom 14. Mai 2013. Die repräsentative Befragung umfasst folgende Länder: Großbritannien, Frankreich, Italien, Spanien, Griechenland, Polen, die Tschechische Republik und Deutschland. Durchgeführt wurde sie zwischen dem 2. und 27. März 2013. Das Pew-Forschungszentrum mit Sitz in Washington wird von einer gemeinnützigen Stiftung getragen.
[2] Siehe zu der von Oskar Lafontaine angestoßenen Diskussion: Joachim Bischoff / Björn Radke, Der Euro, neoliberale Austeritätspolitik und DIE LINKE; http://www.sozialismus.de/kommentare_analysen/detail/artikel/der-euro-neoliberale-austeritaetspolitik-und-die-linke/. Wir werden darauf im Juni-Heft von Sozialismus ausführlich eingehen.

 

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