Die gedruckte September-Ausgabe von Sozialismus.de wird zusammen mit dem Supplement »Die Wurzeln des Faschismus wirken« (Antonio Scurati) am Mittwoch, den 2. September an die Abonnent*innen versandt.

Aktuelle Supplements

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»Die Wurzeln des Faschismus wirken« (Antonio Scurati)
Benito Mussolini und der italienische Faschismus – Scuratis dokumentarisches Romanprojekt
Sozialismus.de Supplement zu Heft 9/2026
36 Seiten | € 7.00
ISBN 978-3-96488-285-1

Hajo Funke
Erobert die AfD Ostdeutschland?
Sachsen-Anhalt als Einstieg in Pläne für einen rechten Systemumbau
Sozialismus.de Supplement zu Heft 7-8/2026
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ISBN 978-3-96488-271-4

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ISBN 978-3-96488-246-2

21. Juli 2011 Jens Becker: Zum Tod von Werner Thönnessen (1928-2011)

Links und scharfsinnig

Am 15. Juni 2011 verstarb mit Werner Thönnessen einer der letzten und einer der engsten Mitarbeiter des langjährigen IG Metall-Vorsitzenden Otto Brenner. Zusammen mit Fritz Opel gehörte er zu den Strategen von Brenners »Think Tank«, wie der Führungskreis bereits damals respektvoll genannt wurde.

Thönnessen revolutionierte die eher träge Pressearbeit der IG Metall, analysierte und parierte scharfsinnig die Attacken insbesondere seiner Gegenspieler von »Gesamtmetall« und den zahlreichen Kritikern des IG Metall-Vorsitzenden aus dem »bürgerlichen«, neoklassisch geprägten Lager, denen die effiziente Tarifpolitik und die Organisationsstärke der IG Metall zuwider war.

Als Werner Thönnessen 1953 mit seinem Soziologie-Studium an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt a.M. begann, war noch wenig von jenem gesellschaftspolitischen Aufbruch zu spüren, der das restaurative Klima der Adenauer-Ära nachhaltig verändern sollte. Seiner Sozialisation und Erziehung nach bürgerlich-katholisch geprägt, sollte er nach dem Willen des Vaters, der 1927 einen steilen Aufstieg beim Stahlriesen ARBED in Saarbrücken begann und diesen nach dem Zweiten Weltkrieg fortsetzte, eine vergleichbare Laufbahn als Spitzenfunktionär in der westdeutschen Wirtschaft machen.

Werner Thönnessen wählte einen anderen Weg. Er brach mit den Zwängen der Saarbrücker Herkunft, wechselte zum Soziologiestudium nach Frankfurt, trat dem Sozialistischen Studentenbund SDS (und später der SPD) bei, hörte Vorlesungen bei Max Horkheimer und Theodor W. Adorno und promovierte bei letzterem 1957 mit dem damals noch weitgehend ignorierten Thema »Frauenemanzipation – Politik und Literatur der deutschen Sozialdemokratie zur Frauenbewegung, 1863-1933«. Parallel zu den innerorganisatorischen Auseinandersetzungen rund um den SDS und den Folgen des Kalten Krieges interessierte er sich zunehmend dafür, Theorie und Praxis miteinander zu versöhnen.

Diese Synthese schien am besten in einer mächtigen Organisation zu gelingen. Er trat eine Stelle in der Vorstandsverwaltung der IG Metall an und stieg rasch zu einem der wichtigsten Mitarbeiter von Brenner auf, wobei – liest man Thönnessens interessante Autobiografie »Mein Tor zu Welt – Ein Lebensweg als Gewerkschafter und Intellektueller« (Hamburg 2004) – Brenners Distanz wenig Gelegenheit für Dinge zuließ, die außerhalb des Politischen lagen. Thönnessen beschreibt seinen Arbeitsalltag so: »Ghostwriter, Berater, Mitglied von Brenners ›Braintrusts‹, Pressechef – ich hatte mich durch permanente Lektüre von Zeitungen und Zeitschriften, durch Radio- und Fernsehsendungen und persönliche Kontakte über wirtschaftliche, soziale und politische Ereignisse und Entwicklungen auf dem laufenden zu halten und über alle Fragen nachzudenken, die für die IG Metall von Belang waren. Bei wichtigen Anlässen hatte ich eine Information mit meinem Kommentar an den Vorsitzenden und die engsten Mitarbeiter weiterzuleiten. Das galt auch für Neuerscheinungen von Büchern.« Insbesondere letzteres dürfte in der heutigen gewerkschaftlichen Praxis verlorengegangen sein.

Bis zur ersten Nachkriegsrezession eilte die IG Metall – begleitet von heftigen tarifpolitischen Konflikten, einem tendenziell gewerkschaftsfeindlichen politischen Klima und manchen Rückschlägen – von Erfolg zu Erfolg. Entsprechende Organisationserfolge – die IG Metall erreichte in den 1960er Jahren bei den abhängig Beschäftigten ihrer Branchen einen Organisationsgrad von bis zu 43% – und tarifpolitische Fortschritte (40-Stundenwoche, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall etc.) kennzeichneten die starke Gestaltungsmacht innerhalb der deutschen Gewerkschaftsbewegung.

Die erste Nachkriegsrezession 1966/67 und die Formierung der »Großen Koalition« markierten eine Zäsur. Von daher setzte die IG Metall insbesondere in der Ära Brenner (1954-1972) nicht nur auf die Tarifpolitik, sondern auch auf das politische Mandat der Gewerkschaften. Letzteres unterstrich Brenner, wenn er in einem der vielen von Opel oder Thönnessen vorbereiteten Beiträge zur »Wirtschaftsdemokratie« festhielt: »In einer Privatwirtschaft wie der unseren erscheint die betriebliche Mitbestimmung als Abschlagzahlung auf die ausgebliebene demokratische Umgestaltung der gesamten Wirtschaft. Die überbetriebliche Mitbestimmung fehlt. In einer Wirtschaftsdemokratie dagegen wären betriebliche und überbetriebliche Mitbestimmung untrennbar zu einem Ganzen zu verbinden.« (Otto Brenner: Gewerkschaftliche Dynamik in unserer Zeit, Frankfurt am Main 1966, S. 104.)

Thönnessens Leben (und dessen Autobiographie) ist geprägt von der deutschen und internationalen Gewerkschaftsbewegung. Intellektuelle Brillanz und organisationsbezogene Loyalität zeichnen diesen Analytiker aus, der nach Brenners überraschendem Tod 1972 Opfer einer perfiden Intrige wurde. Das betrifft die von Eugen Loderer hintertriebene Zusage Brenners, ihn, Thönnessen, zum Generalsekretär des Internationalen Metallarbeiterbundes (IMB) zu ernennen. Als Pressechef hatte Thönnessen auch viel mit dem verunsicherten, weil im Schatten Brenners stehenden Zweiten Vorsitzenden der IG Metall zu tun (vgl. hierzu auch Klaus Kempter: Eugen Loderer und die IG Metall. Biographie eines Gewerkschafters, Filderstadt 2003, S. 205-223, hier besonders S. 212.).

So ist es nicht verwunderlich, gleichwohl jedoch unredlich, wenn Brenners Vertrauensmann von Loderer und seinen Beratern nach Brenners überraschendem Tod 1972 brüskiert wurde. Thönnessens Distanz zu Brenners Nachfolger war unübersehbar. Überhaupt verdeutlicht der Abschnitt aus Thönnessens Autobiografie »18 Jahre im Dienst der Eisernen Internationale« einmal mehr die Relevanz internationaler Gewerkschaftspolitik. Thönnessen glänzt hier mit biographischen Darstellungen und reflexiver Deutung, um sozusagen post festum den Phänomenen »Internationalisierung« und »Globalisierung« aus Gewerkschaftssicht auf die Spur zu kommen. Eine innerhalb und außerhalb von Gewerkschaftskreisen leider wenig bekannte Organisation wie der IMB widerfährt durch Thönnessen die notwendige Würdigung!

Was bleibt? Thönnessens subjektives Engagement ist einer emanzipatorischen Gewerkschaftspolitik gewidmet, die darauf abzielt, über das Bestehende hinaus zu denken und zu handeln. Objektive Tatsachen und pointierte Deutungsangebote sowie der Appell, aktiv einzugreifen, latente oder manifeste Konflikte offensiv auszutragen – das war Thönnessens Leben in der sich auflösenden Arbeiterbewegung. Dies mag seit geraumer Zeit unmodern erscheinen, bleibt aber gerade angesichts der ungelösten sozial-ökologischen Frage merkwürdig modern.

Mit 82 Lebensjahren und rund 50 wechselvollen Jahren ist Thönnessens Leben als Stachel wider eine zunehmend unmenschlich werdende Welt und innerorganisatorische Bürokratisierung und gewerkschaftliche Entpolitisierung zu verstehen. Seine Nachfolger in der IG Metall-Vorstandsverwaltung und Denkfabrik des ersten Vorsitzenden können eine Menge aus seinen Artikeln und Interventionen lernen. Er bleibt unvergessen!

Jens Becker ist Dozent für Politikwissenschaften und Soziologie am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Johann Wolfgang Goethe Universität und an der Europäischen Akademie der Arbeit in Frankfurt am Main. Es hat gemeinsam mit Harald Jentsch 2007 das Buch »Otto Brenner. Ein Biografie« (Göttingen: Steidl-Verlag) veröffentlicht.

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