13. Juni 2026 Joachim Bischoff: Die Dynamik des Raketenbusiness
Musks Weltraum-Imperium bricht Rekorde
SpaceX, das Konglomerat von Aktiengesellschaften, schreibt Geschichte mit seinem Rekordbörsengang. Die Aktie der Unternehmung wurde zum Auftakt mit einem Börsenkurs von 135 US-Dollar für den Markt freigegeben. Im weiteren Handelsverlauf baute sie ihre Notierung aus und erreichte eine Marktkapitalisierung von rund 2,3 Billionen US-Dollar.
Der Konzern unter der Regie von Elon Musk stieg damit auf Anhieb zu dem Prämiensegment der börsennotierten Unternehmen in den USA auf. Musk wird als größter Einzelaktionär von SpaceX[1] dadurch zum ersten Menschen mit einem Vermögen von mehr als einer Billion Dollar – zumindest auf dem Papier, gemessen am Wert seiner SpaceX-Aktien sowie der Anteile am ebenfalls von ihm geführten Elektroautobauer Tesla. Der frisch gebackene Billionär stellte zum Börsenstart eine Mars-Mission in Aussicht: SpaceX wolle Menschen zum Mond bringen, »zum Mars und letztlich darüber hinaus«.
Im Jahr 2008 stand die kleine amerikanische Raketenfirma am Rande des Konkurses. Am 28. September 2008 wurde dann mit dem zusammengekratzten Kapital ein erfolgreicher Start der Falcon 1 gefeiert, die als erste privat entwickelte Rakete mit flüssigem Treibstoff die Erdumlaufbahn erreicht. SpaceX war gerettet.
Nun zum Börsengang steckt die Raketenfirma allerdings noch immer tief in roten Zahlen. Die Geschäftszahlen von SpaceX stehen in krassem Kontrast zum Börsenwert – die Anleger zahlen eher für die Hoffnung auf künftige Erfolge. So gab es im vergangenen Jahr Verluste von rund 4,94 Milliarden US-Dollar (4,27 Milliarden Euro) bei einem Umsatz von 18,67 Milliarden US-Dollar (gut 16 Milliarden Euro). Im ersten Quartal dieses Jahres verbuchte das Unternehmen SpaceX ein Minus von 4,28 Milliarden US-Dollar bei rund 4,7 Milliarden US-Dollar Umsatz. Ein Grund für die roten Zahlen sind die hohen Kosten für die Entwicklung der großen Rakete Starship.
In Starship investierte SpaceX insgesamt mehr als 15 Milliarden US-Dollar. Die Firmenleitung überzeugte das Finanzkapital und die Aktionäre, dass die Rakete nach Abschluss aller Tests im zweiten Halbjahr kommerzielle Flüge verkaufen wird. Sie soll die Kosten für die Beförderung ins All deutlich senken. Mit Starship sollen auch Starlink-Satelliten in die Umlaufbahn gebracht werden, die Internet aus dem All direkt auf Smartphones nutzbar machen.
Die Cash Cow des Aktien-Konglomerats ist Starlink, das Satelliteninternet und somit der Wachstumstreiber von SpaceX. Als Cash Cow wird gemeinhin ein Produkt oder eine Dienstleistung bezeichnet, die dem Unternehmen, das sie verkauft, über einen langen Zeitraum hinweg erhebliche Einnahmen generiert. Das Unternehmen erwirtschaftet zudem mehr Cashflow, als es verbraucht. Die aus Cash Cows erzielten Einnahmen werden zur Subventionierung weniger profitabler Geschäftsbereiche verwendet.
Die Raketensparte steuerte 2025 weniger als 25% zum Umsatz von ca. 18,7 Milliarden US-Dollar bei. Den größten Teil seines Umsatzes, nämlich 11,4 Milliarden Dollar, erzielte SpaceX im vergangenen Jahr mit seinen Starlink-Satelliten, die einen schnellen Zugang zum Internet liefern. Diese Starlink-Konstellation besteht inzwischen aus über zehntausend Satelliten und wird von rund 10,3 Millionen zahlender Kunden in 164 Ländern genutzt. Das sind doppelt so viele wie im Jahr davor.
Der Markt für weltraumgestützte Kommunikation wächst derzeit ungemein schnell. Starlink ist der zentrale Geldbringer von SpaceX und machte im ersten Quartal 3,26 Milliarden US-Dollar Umsatz. Von den 165 Starts der Rakete Falcon 9 im vergangenen Jahr dienten 122 dem Transport von Starlink-Satelliten. Die restlichen Raketenstarts wurden an zahlende Kunden wie die NASA, die ESA, das amerikanische Verteidigungsministerium oder an Satellitenbetreiber verkauft.
Die Starlink-Konstellation ist der Schlüssel für den Firmen-Hyp: Mit der Rakete Falcon 9 lassen sich maximal 23 Tonnen transportieren. Das reicht, um pro Flug rund 20 Starlink-Satelliten der zweiten Generation im Weltraum auszusetzen. SpaceX arbeitet aber schon an der dritten Generation seiner Satelliten, für deren Transport ist die Falcon 9 zu klein. Für den Transport dieser Satelliten ist SpaceX auf das Starship angewiesen, das eine Transportkapazität von 100 bis 150 Tonnen hat. In Zukunft könnte diese Rakete pro Flug bis zu 60 Satelliten der dritten Generation im Weltraum aussetzen.
Mit den neuen Satelliten könnte SpaceX zu einem globalen Mobilfunkanbieter werden, der herkömmlichen Firmen wie der Telekom Konkurrenz macht. Die Satelliten der dritten Generation besitzen eine viel größere Antenne. Dadurch haben sie eine zehnmal so große Bandbreite wie ein Satellit der zweiten Generation. Man kann sie mit einem Mobilfunkmast auf der Erde vergleichen, mit dem sich das Smartphone direkt verbinden kann. In Zukunft wird man mit seinem Handy von jedem Punkt der Erde Internet in 5G-Qualität empfangen können.
Die Rakete Starship soll zudem vollständig wiederverwendbar sein. Gelänge dies, würde die Rakete Flüge ins All noch günstiger machen. Derzeit zahlen Kunden von SpaceX für jedes Kilogramm Fracht rund 3.000 US-Dollar. Keine andere Firma bietet Raketenflüge ähnlich günstig an. Mit Starship könnte der Preis auf wenige hundert Dollar pro Kilogramm sinken, damit würde SpaceX seine Vormachtstellung im Raketenbusiness zementieren.
In der Zukunft soll zudem Künstliche Intelligenz (KI) das größte Geschäft im Musk-Kosmos sein – auch durch Rechenzentren im All. Die Idee dahinter ist, dass die Sonne dort viel Energie liefern kann. Skeptiker verweisen allerdings auf Probleme wie die erheblichen Aufbaukosten, eine trotz der niedrigen Temperaturen im All schwierige Kühlung sowie die Strahlung, die Schaltkreise beschädigen könne.
In der KI sieht Musk bei weitem die größten Wachstumschancen und schätzt deren Markt auf insgesamt 26 .500 Milliarden Dollar, mehr als 90% des von ihm anvisierten potenziellen Umsatzes von ganz SpaceX. Den Großteil der KI-Einnahmen – knapp 86% – verspricht sich SpaceX von Anwendungen in anderen Unternehmen. Aber KI braucht enorm viel Rechenleistung, und die ist gegenwärtig nur sehr schwer zu bekommen.
Mit den orbitalen Serverfarmen will Musk dem schleppenden Ausbau der KI-Infrastruktur auf die Sprünge helfen. Denn zurzeit explodieren nicht nur die Kosten für neue Rechenzentren, auch der politische Widerstand wächst. Musk selbst wehte viel Kritik entgegen, als er beschloss, seinen KI-Supercomputer Colossus mit Gasturbinen zu befeuern. Wegen der Stromknappheit greifen auch andere Tech-Firmen auf solche Notlösungen zurück. Nicht Zuletzt deshalb ist KI in den USA inzwischen unbeliebter als die Grenzpolizei ICE. Gesetzgeber in 14 amerikanischen Bundesstaaten versuchen mit Moratorien und Verboten, den Bau neuer Rechenzentren zu verhindern.
Für Musk wären die Probleme zu lösen, wenn die KI-Superrechner im erdnahen Orbit über unseren Köpfen kreisen würden, statt auf der Erde Land, Strom und Wasser in Anspruch zu nehmen. Im All wären die Server, wenn sie in einer sogenannten sonnensynchronen Umlaufbahn an der Tag-Nacht-Grenze platziert würden, rund um die Uhr mit praktisch kostenfreiem Solarstrom versorgt, denn dort scheint die Sonne immer.
Allerdings bliebe ein großes Problem mit der Kühlung der heiß laufenden KI-Computer, denn im All gibt es keine Luft, die die Wärme abführen kann. Dafür wäre ein riesiger und vermutlich auch sehr schwerer Radiator – ähnlich einem Heizkörper – erforderlich, um die Wärme schnell genug in die eiskalte Umgebung abzustrahlen. Ein derart schweres Bauteil ins All zu bringen, würde die Kosten für die Rechenzentren weiter erhöhen. Zudem müsste der Schutz vor der intensiven Strahlung im All garantiert werden. Unklar ist auch, ob Roboter Wartung und Reparaturen übernehmen – wiederum ein Kostenfaktor.
Die Eingliederung der KI-Firma xAI in Musks Konglomerat
Mit der Eingliederung von Musks KI-Firma xAI hat der clevere Weltraum-Unternehmer eine strategische Fehlentscheidung korrigiert. 2015 hatte er zusammen mit Sam Altman und anderen die gemeinnützige Stiftung Open AI zur Erforschung der KI gegründet. Musk investierte damals 38 Millionen US-Dollar. 2018 verließ er OpenAI – auch weil es unter den Gründern Konflikte über die weitere Geschäftspolitik gab. Kurz nach dem Ausstieg von Musk wurde die gemeinnützige Stiftung von den anderen Trägern in ein gewinnorientiertes Unternehmen umgewandelt. Musk argumentiert danach, er sei getäuscht und um seinen Unternehmensanteil betrogen worden. OpenAI hält dagegen, dieser habe die Gewinnorientierung selbst vorangetrieben und sei aus strategischer Fehlentscheidung ausgestiegen (siehe hierzu auch meinen Beitrag »Technoking Musk. Techgiganten und die moderne Betriebsweise für den Kapitalismus des 21. Jahrhunderts« in der Juni-Printausgabe von Sozialismus.de).
Als Anbieter der KI-Anwendung ChatGPT wird OpenAI heute mit mehr als 850 Milliarden US-Dollar bewertet. Den Prozess zur Anerkennung seiner finanziellen Beteiligung als Investor hat Musk vorerst verloren, weil er laut Gerich die vertraglich festgelegten Fristen überzogen habe. Auch deshalb hat er seine neue KI-Unternehmung xAI in das neue Konglomerat von Aktiengesellschaften eingebaut.
Allein im ersten Quartal 2026 schrieb xAI rund 2,5 Milliarden US-Dollar an Verlusten, im Jahr 2025 waren es 6,4 Milliarden. Wenn Musk nun das kriselnde KI-Unternehmen jetzt mit dem profitablen Raumfahrtgeschäft zusammenlegt, hat das den Grund, dass KI für die Pläne des Ausbaus des orbitalen Geschäftsfeldes unverzichtbar und eine Beteiligung von anderen etablierten KI-Unternehmen unsicher ist.
Denn auch Musks KI-Chatbot-Kreation Grok auf xAI folgt in seinen Entwicklungsperspektiven weit abgeschlagen hinter den Konkurrenzprodukten von Google, OpenAI und Anthropic. Nicht einmal bei der US-Regierung, bei der erwartet werden könnte, dass Musk aufgrund seiner Nähe zu Donald Trump einen Vorteil hätte, stößt der Chatbot auf Begeisterung. Zu allem Übel haben im April auch noch sämtliche Mitgründer von xAI außer Musk selbst – allesamt renommierte KI-Forscher – die Firma verlassen.
Musk hat zwei Möglichkeiten, xAI zu retten. Er kann entweder versuchen, die Konkurrenz durch überlegene Rechenkapazität einzuholen – mehr Rechenleistung ist Voraussetzung, um bessere Modelle zu trainieren und mehr Nutzern bereitzustellen – oder er kann die Firma zur Anbieterin von Rechenleistung umbauen. So würde er zumindest indirekt am KI-Boom mitverdienen. Letzteres tut xAI jetzt schon, zumindest ansatzweise: Es vermietet seit kurzem sein erstes Rechenzentrum in Memphis/Tennessee an den erfolgreicheren Konkurrenten Anthropic.
Der Börsengang von SpaceX belegt die rasante Dynamik des Raketen-Startups und den Hype um die KI- Unternehmen. Aber die Raketen sind für Musk nur noch Mittel zum Zweck. SpaceX ist in den letzten Jahren zu einem breit aufgestellten Raumfahrtunternehmen geworden, mit dem der selbst ernannte »Technoking« dank Satelliteninternet und Rechenzentren im Weltall den Grundstein für eine spätere Besiedlung des Mars legen möchte.
Anmerkung
[1] Auf die militärische Dimension der Expansion von Space X gehe ich hier nicht weiter ein. Starlink hat sich im Ukraine-Krieg als wichtigster Kommunikationskanal etabliert. Das Satelliteninternet von SpaceX ermöglicht es, mit relativ kleinen Terminals rasch große Datenmengen zu übertragen. Gleichzeitig ist die Kommunikation schwierig zu stören. Das ermöglicht mobilen Einheiten an der Front, kurzzeitig eine Verbindung zum zentralen Führungssystem Delta herzustellen oder Drohnenaufnahmen live zu übertragen. Starlink ist zum Rückgrat der digitalisierten Kriegsführung geworden. Der Einsatz in der Ukraine ist aber auch ein Glücksfall für Starlink selbst. Das System hat einen idealen Anwendungsfall gefunden und konnte sich als entscheidendes militärisches Kommunikationsmittel beweisen. Das ist beste Werbung für Starlink.
Ausgeblendet bleibt hier auch die Auseinandersetzung mit der These von Jens Beckert, Direktor am Kölner Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in seinem Beitrag »Höhenflüge im Reich der käuflichen Träume« in der FAZ vom 12.6.2026: »Die Bewertung von Unternehmen wie SpaceX beruht also nur zu einem geringen Teil auf vergangenen Geschäftszahlen. Entscheidend sind Vorstellungen ihrer zukünftigen Profitabilität. Ihr wirtschaftlicher Wert basiert auf einer imaginierten Zukunft. Er besteht genauso lange, wie die Investoren an diese imaginierte Zukunft glauben. Dass Erwartungen die wirtschaftliche Gegenwart bestimmen, gilt für alle Unternehmen – nicht nur für neue Börsengänge. Der Berliner Start-up-Unternehmer, der Investoren für die Umsetzung seiner Idee gewinnen möchte, erzählt ebenso eine Geschichte der Zukunft seines Unternehmens, in der sich Fakten und unbelegbare Zukunftserwartungen mischen.«












